Gardelegen l Während der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus auf der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Ende Januar hatte Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher die damaligen Besucher mitgenommen nach Israel in die Internationale Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, wo in der Halle der Namen der von den Nationalsozialisten ermordeten Juden auch die der 35 Gardelegener zu finden sind. Dort war auch die Entwicklung der Wahlergebnisse der NSDAP bis zur Machtergreifung 1933 dargestellt, die sie veranlasste nachzusehen, wie zu der damaligen Zeit in Gardelegen gewählt wurde. Im Jahr 1933 wurde am 5. März mit einer Wahlbeteiligung von 91 Prozent in der Hansestadt die NSDAP mit 60,5 Prozent zum dritten Mal als stärkste Kraft gewählt. Das sei damals der Anfang vom Ende der Demokratie gewesen.

Entwicklung des Nationalsozialismus

Und diese Ergebnisse sind auch Teil der Dauerausstellung „Gardelegen 1945. Das Massaker und seine Nachwirkungen“ im neuen Dokumentationszentrum der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe und unter einem großen Bild aus dieser Zeit vom hakenkreuzbeflaggten Rathaus zu finden. Dort ist unter anderem ebenfalls aufgeführt, dass im Jahr 1933 45 von den bis dahin 65 in Gardelegen lebenden Juden verschwanden. 1942 lebte kein Jude mehr in der Hansestadt. Und dieser Teil der Ausstellung, der die Entwicklung des Nationalsozialismus in Gardelegen beleuchtet, ist für die Bürgermeisterin ein sehr wichtiger, erklärte sie gestern vor Ort auf Nachfrage der Volksstimme.

Interessierte Medienvertreter waren von der Gedenkstättenstiftung, vertreten durch deren Direktor Kai Langer, Gedenkstättenleiter Andreas Froese, Bürgermeisterin Mandy Schumacher, die auch Mitglied des begleitenden Fachbeirates zur Ausstellung ist, sowie Alexander Fleischmann, verantwortlich für die Ausstellungsgestaltung, zum Vorab-Besuch der Ausstellung eingeladen, die am kommenden Dienstag, 15. September, offiziell mit geladenen Gästen – darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Rainer Haseloff, – eröffnet wird (siehe unten) und dann ab nächsten Donnerstag, 17. September, für jedermann geöffnet ist.

Corona-Pandemie verhindert Großereignis

Nach der technischen Übergabe des neuen Dokumentationszentrums im Oktober vergangenen Jahres sollte die Ausstellung als pädagogisches Herzstück, wie Kai Langer sie nannte, eigentlich schon im April anlässlich des 75. Jahrestages des Massakers mit zahlreichen Gästen aus dem In- und Ausland stattfinden. Aber das sich weltweit rasant ausbreitende Coronavirus machte diesem Vorhaben einen Strich durch die Rechnung. Und es sei auch mit der Grund, warum die jetzige Veranstaltung kleiner als geplant und ohne Öffentlichkeit stattfindet. Die Stiftung bittet dafür, so Langer, um Verständnis

Nichtsdestotrotz ist das Dokumentationszentrum mit der Ausstellung „für uns als Gardelegener ein Meilenstein in der lebendigen Gedenkkultur“, machte Mandy Schumacher deutlich. Denn die Gardelegener betrachten die Gedenkstätte als ihre Gedenkstätte, die mit Andreas Froese einen Leiter hat, „der sehr geschätzt wird“. Sie freue sich sehr auf das Kommende, nachdem sie den Bau und die Ausstellung mit begleiten durfte, was eine großartige Aufgabe gewesen sei.

Massaker mit weltweiter Wirkung

Auch Andreas Froese freut sich auf die kommende Arbeit im ersten Gebäude mit einer Ausstellung am historischen Tatort, denn das gab es bis dato nicht. Zu DDR-Zeiten habe es zwar Pläne dazu gegeben, die aber aufgrund der Wende nicht mehr umgesetzt wurden. Das Besondere der Ausstellung sei, dass sie sich nicht nur mit dem Massaker in der Feldscheune Isenschnibbe an über 1000 KZ-Häftlingen im April 1945 auseinandersetzt, sondern diese Gräueltat einbettet in die nationalsozialistischen Todesmarschverbrechen im Kontext der europaweiten Räumung der deutschen Konzentrationslager vor den alliierten Truppen während der letzten beiden Kriegsjahre.

Zudem werden Fragen zur Täterschaft und zur Erinnerungskultur nach 1945 thematisiert. Denn das Massaker habe laut Froese weltweite Wirkung. Gardelegen wurde beispielsweise in den USA nicht als Stadt wahrgenommen, sondern als Stätte eines der schlimmsten Holocaustverbrechen. Es wurde großen Wert auf Multiperspektivität gelegt, indem möglichst viele beteiligte Gruppen wie die KZ-Häftlinge, die Wachmannschaften, die Einwohner Gardelegens, die alliierten Befreier und die Besucher nach 1945 zu Wort kommen – in Bild-, Ton- und Filmaufnahmen.

Entscheidungen von Menschen

Im Wechsel hebt die Ausstellung die verschiedenen Perspektiven der Beteiligten hervor, die es dem Betrachter ermöglichen, nach möglichen Motivationen und Handlungsalternativen der Beteiligten zu fragen. Denn der Weg von den Konzentrationslagern bis in die Feldscheune sei als Ereigniskette eine Aneinanderreihung von Entscheidungen von Menschen. Und die Verantwortung auf individueller und institutioneller Ebene gehe über 1945 hinaus.

Das Dokumentationszentrum auf der Gedenkstätte ist ab 17. September dienstags bis donnerstags von 9 bis 15.30 Uhr, freitags von 9 bis 13 Uhr sowie am letzten Sonntag im Monat von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Nähere Informationen dazu gibt es unter 03907/77 59 08 11.