Wernstedt (dpa) l Die Große Bühne hat sie nie gereizt. Dennoch kann Anni Schulz heute auf ein Politikerleben zurückblicken, das seines gleichen sucht: 52 Jahre Amtszeit als Bürgermeisterin, den Systemwechsel von DDR zur Bundesrepublik inklusive, unzählige Wiederwahlen und noch mehr geschlagene politische Schlachten. Am Montag feiert sie ihren 80. Geburtstag.

"Sprechstunde der Bürgermeisterin", so steht es auch heute noch auf dem Schild des Dorfgemeinschaftshauses von Wernstedt im Norden Sachsen-Anhalts. Auf dem langen Besprechungstisch im geräumigen Büro liegen Mappen, Urkunden, unzählige Zeitungsartikel und eine handgeschriebene Liste mit Projekten, die ihr besonders wichtig waren. Für Anni Schulz ist es an der Zeit, ihr Arbeitsleben zu sortieren.

Sie hat zwei Gesellschaftssysteme, drei Landkreise und viele Politiker erlebt. Die resolute Frau mit der Pagenschnittfrisur war stets eine Konstante in ihrem Dorf. Mehrfach habe sie bereits den "Absprung" versucht. Inzwischen ist sie eine der ältesten und auch dienstältesten Bürgermeisterinnen Deutschlands. Mit 80 Jahren freue sie sich nun auf den Ruhestand.

Wichtigstes Arbeitsmittel ist das Fahrrad

Einen Computer sucht man auf ihrem Schreibtisch bis heute vergebens. "Ein Smartphone habe ich aber", sagt sie entschlossen. An diesem Tag liegt es aber zu Hause. Was im Dorf los ist, erfährt sie auch so. Wichtigstes Arbeitsmittel der Ortsbürgermeisterin ist das Fahrrad geblieben.

Als Anni Schulz am 1. April 1967, ihrem 28. Geburtstag, das Amt übernahm, war sie die jüngste Verwaltungschefin im damaligen Bezirk Magdeburg und als Frau eine Exotin im Amt. Um den Bürgermeisterstuhl in der damals knapp 400 Einwohner zählenden Gemeinde hatte sich die gelernte Steno-Phonotypistin nicht gerissen. Ihr Vorgänger war abgesetzt worden, niemand aus dem Rat habe den Posten gewollt. Alle schauten sich gegenseitig an und dann auf Schulz, die damals als Gemeindesekretärin tätig war. "Du kennst dich aus und machst ohnehin schon die Arbeit", war damals das Argument.

Die junge Frau stimmte zu, das Amt kommissarisch zu übernehmen, bis ein neuer Bürgermeister gefunden sei. 52 Jahre ist das her. Bei jeder Wahl sprachen die Wernstedter ihr das Vertrauen aus. Zu Hause hielt ihr Mann ihr den Rücken frei. Gemeinsam haben sie eine Tochter und inzwischen auch zwei erwachsene Enkeltöchter. Bis 1994 war Schulz noch hauptamtlich tätig, danach leitete sie ehrenamtlich die Geschicke der heute noch 200 Einwohner zählenden Ortschaft, die seit 2007 zur Einheitsgemeinde Kalbe gehört.

Nicht überall Freunde gemacht

In die große Politik habe es sie nie gezogen. "Ich wollte immer nur für mein Dorf da sein", sagt Anni Schulz. Alle Angebote, nach der Wende wieder in einer Partei mitzuwirken, schlug sie aus. Auch um die Mitgliedschaft in der SED habe sie sich drücken wollen. "Ich hatte schon den Aufnahmeantrag für die CDU ausgefüllt", erinnert sie sich. "Als Bürgermeisterin gehörst Du zu uns", hätten die Genossen klar gemacht und ihr das Parteibuch überreicht. Das habe sie nicht ausschlagen können. "Aber das Parteiabzeichen habe ich nie getragen", sagt sie trotzig.

Mit Beharrlichkeit und Improvisationstalent habe man auch zu DDR-Zeiten etwas für das Dorf bewegen können. Die schönste und erfolgreichste Zeit für sie sei aber nach 1990 angebrochen. Wer etwas erreichen wolle, müsse unbequem sein und den Oberen auf die Füße treten, sagt Anni Schulz. Das habe zu DDR-Zeiten ebenso gegolten wie heute. Nicht überall habe sie sich damit Freunde gemacht.

"Als Herz, Gehirn und vielfach auch als Muskel der Gemeinde Wernstedt erschloss sie Fördertöpfe, organisierte Gemeinschaftsmaßnahmen und aktivierte die Bürgerschaft – bei Notwendigkeit auch in Bürgerinitiativen", sagt Kalbes Einheitsgemeindebürgermeister Carsten Ruth über Schulz.

Liste mit Projekten

"Ortsbürgermeister erfüllen in der kommunalen Selbstverwaltung eine wichtige Funktion", sagt Jürgen Leindecker, Geschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes Sachsen-Anhalt. Sie seien nicht nur Ansprechpartner für die Bürger, sondern auch Bezugspunkt für die Verwaltung der Einheitsgemeinden. Niemand wisse besser, was in einem Dorf läuft. Auf eine so lange durchgehende Amtszeit wie Schulz könne kaum jemand in Sachsen-Anhalt zurückblicken. Nur wenige Bürgermeister seien nach der politischen Wende 1990 im Amt geblieben.

Stolz präsentiert Anni Schulz ihre Liste mit den Projekten, die in ihrer Amtszeit im Dorf umgesetzt wurden. Von A wie Abwasser bis V wie Villa Kunterbunt, eine über einen Verein betriebene Kita im Ort, reicht die Palette. Das bedeutendste und langwierigste Vorhaben aber sei der Straßenbau gewesen. Mehr als 20 Jahre lang habe sie um die Sanierung der Dorfstraße gekämpft, die erst 1996 umgesetzt wurde.

Am letzten Punkt auf der Liste, der Flurneuordnung, ist nun auch ein Haken dran. Nun sei der richtige Zeitpunkt gekommen, um aufzuhören. Zur Kommunalwahl am 26. Mai tritt Anni Schulz nicht mehr an. Auch einen Ortschaftsrat wird es in Wernstedt nicht mehr geben. Künftig vertritt wohl eine Ortsvorsteherin die Interessen des Dorfes. Es gibt nur eine Kandidatin. Wie vor 52 Jahren hat sich niemand um das Amt gerissen.