Gardelegen l Zufriedene Gesichter in der Runde: Die jüngste Gedenkveranstaltung auf der Gedenkstätte Isenschnibbe Gardelegen sei eine gute, gelungene Veranstaltung gewesen. „Immer mehr werden wir auch über die Region hinaus wahrgenommen. Und unsere Arbeit wird von der Stiftung anerkannt“, fasst Fördervereinschef Konrad Fuchs in der Vereinsversammlung am Dienstag noch einmal zusammen. Zustimmendes Nicken bei den anderen Mitgliedern des Vereines.

Vorstandsmitglied Paul Schmidt hat neben Lob allerdings auch eine Kritik anzubringen. Ihm habe es missfallen, dass die diesjährige Veranstaltung nicht am Jahrestag des faschistischen Massakers selbst habe stattfinden können, betont er. (Die Gedenkfeier war mit Rücksicht auf den jüdischen Sabbat vom Freitag auf den darauf folgenden Sonntag verlegt worden.) Das, so Schmidt sollte aber „möglichst das letzte Mal gewesen sein“. Der Jahrestag sei nun mal am 13 April und nicht zwei Tage später. „Wir können da auf Einzelne keine Rücksicht nehmen“, betont Schmidt. Die jüdische Gemeinde sei immer herzlich willkommen.

Wunsch nach einer Übersetzung

„Aber wenn sie aus religiösen Gründen nicht kommen können, dann können sie eben nicht.“ Zudem hätte er sich gewünscht, mehr über das zu erfahren, was der Gast der jüdischen Gemeinde dort vorgetragen habe. Schmidt: „Ich denke, man kann das doch auch auf Deutsch sagen. Ich habe jedenfalls das Bedürfnis zu hören und auch inhaltlich aufzunehmen, worum es dabei geht.“

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Vereinskollege Hans-Joachim Becker ist allerdings so gar nicht Schmidts Meinung. „Man kann und sollte das Gedenken ruhig auf mehre Tage ausdehnen“, betont er. Schließlich hätten sich die Grausamkeiten im April 1945 ja auch nicht nur an einem Tag zugetragen. Zudem sei es gut, wenn die jüdische Gemeinde Gelegenheit habe, dabei zu sein. Und was den Inhalt angehe, „können wir keinem vorschreiben, wie er gedenkt“, mahnt Becker, „und wenn er der Sprache nicht mächtig ist, aber Worte für seine jüdischen Mitmenschen findet, dann ist das in Ordnung.“

Rücksicht auf den Sabbat

Dass die Verschiebung der Gedenkveranstaltung in diesem Jahr nicht nur eine nette Geste, sondern ein zwingendes Zeichen von Respekt, Toleranz und Würde sei, macht Gedenkstättenleiter Andreas Froese-Karow deutlich. Die Rücksicht auf den Sabbat – und somit auf das Gebot für orthodoxe Juden, an diesem Tag nicht zu arbeiten und auch nicht zu reisen – sei weltweit Standard in allen Gedenkstätten, betont er gestern im Volksstimme-Gespräch. Falle ein solcher Gedenktag also auf einen Freitag (die traditionelle jüdische Sabbatfeier beginnt am Freitagabend) oder einen Sonnabend, werde stets nach Lösungen gesucht, auch Juden die Teilnahme zu ermöglichen.

„Wir können und wollen keine Opfergruppe ausschließen", betont Froese-Karow, zumal auch eine große Zahl der unbekannten ermordeten Häftlinge Juden gewesen seien.

Und „gerade Gedenkstätten“, so Froese-Karow, „haben schließlich auch die Aufgabe, Barrieren abzubauen.“

Rabbi Shlomo Sajatz von der Synagogengemeinde Magdeburg, der am 15. April in Gardelegen zu Gast war und übrigens hervorragend Deutsch spricht, nimmt den Hinweis darauf, dass er sein Gebet zuvor vielleicht hätte benennen können, gestern im Gespräch mit der Volksstimme denn auch sehr freundlich an. Das Gebet, das er an diesem Tag gesprochen habe, sei das „El male rachamim“ (Gott voller Erbarmen) gewesen, verrät er dann, und zwar die Version, die bei solchen Gedenkveranstaltungen gesprochen werde.

Der Text lautet:

G‘tt voller Erbarmen,

in den Himmelshöhen thronend,

es sollen finden die verdiente Ruhestätte unter den Flügeln Deiner Gegenwart, in den Höhen der Gerechten und Heiligen,

strahlend wie der Glanz des Himmels, all die Seelen der Sechs Millionen Juden, Opfer der Shoah in Europa, ermordet, geschlachtet,

verbrannt, umgekommen in Heiligung Deines Namens;

durch die Hände der deutschen Mörder

und ihrer Helfer aus den weiteren Völkern.

 

Sieh die gesamte Gemeinde betet für das Aufsteigen ihrer Seelen,

so berge sie doch Du, Herr des Erbarmens,

im Schutze deiner Fittiche in Ewigkeit und schließe ihre Seelen mit ein in das Band des ewigen Lebens.

 

G‘tt sei ihr Erbbesitz,

und im Garten Eden ihre Ruhestätte, und sie mögen ruhen an ihrer Lagerstätte in Frieden.

Und sie mögen wieder erstehen zu ihrer Bestimmung am Ende der Tage.