Gardelegen l Es war ungemütlich nasskalt, der Himmel war grau an diesem 27. Januar 2019. Aber längst nichts gegen die eisige Kälte mit Minusgraden im zweistelligen Bereich, die am 27. Januar 1945 herrschten, als die Soldaten der Roten Armee das KZ-Vernichtungslager Auschwitz befreiten.

Den Menschen, die 74 Jahre später am 27. Januar zur Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe gekommen waren, um der Millionen Opfer des Nationalsozialismus zu gedenken, dürfte vieles durch den Kopf gegangen sein – mit Blick auf die über 1000 weißen Holzkreuze der KZ-Häftlinge, die noch in den letzten Kriegstagen – am 13. April 1945 – in der Feldscheune Isenschnibbe bei Gardelegen einem faschistischen Massaker zum Opfer fielen. Unvorstellbares Leid, Menschen jeglicher Rechte, Würde und Habseligkeiten beraubt, von ihren Familien getrennt, halb verhungert, krank und den Grausamkeiten der Nazis schutzlos ausgeliefert.

Grauen habe nicht in Auschwitz begonnen

„Auschwitz steht heute als generelles Synonym für den Völkermord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden“, betonte Andreas Froese, der auf Bitten der Stadt die Gedenkrede hielt, nicht aus seiner beruflichen Perspektive als Leiter der Gedenkstätte, sondern aus seiner persönlichen Perspektive als Historiker. Die Bedeutung dieses Gedenktages reiche jedoch weit über das Lager Auschwitz hinaus. Dieser Tag sei ausdrücklich allen Opfern des Nationalsozialismus gewidmet, denn das Grauen habe nicht in Auschwitz begonnen.

Die Anfänge des Nationalsozialismus würden nicht erst im industriell organisierten millionenfachen Massenmord liegen, nicht erst in den europa- und weltweiten Verbrechen des deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges. Der Nationalsozialismus habe viel früher – zunächst ganz lautlos – begonnen. „Mit stillen Gedanken in den Köpfen, mit Autoren, die an ihren Schreibtischen anfeindende Texte und Programmschriften verfassten und dabei an Vorurteile und Gefühlslagen, wie Angst, Bedrohung und Hass, appellierten. Es begann mit Menschen, die ihre Mitmenschen zu vermeintlich Schuldigen erklärten, indem sie sie für Problemlagen und angebliche Verschwörungen verantwortlich machten, ihnen pauschal böswillige und verbrecherische Absichten unterstellten“, so Froese.

Rosen am Gedenkstein niedergelegt

Schüler des Gardeleger Gymnasiums zitierten dann Passagen aus Primo Levis „Atempause“. Der Auschwitz-Überlebende schilderte in seinem 1963 erschienenen Buch den langen Weg seiner Heimreise von Auschwitz nach Turin.

Der Gardeleger Postchor unter der Leitung von Anne Preuß umrahmte mit einigen Liedern die Gedenkveranstaltung und verabschiedete die Teilnehmer, die trotz des unwirtlichen Wetters recht zahlreich erschienen waren, mit dem Lied „Frieden sei dieser Welt beschieden“. Zuvor hatten Vertreter der Stadt, von Parteien, Verbänden und vom Förderverein Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Kränze und die vier Gymnasiasten jeweils eine weiße Rose am Gedenkstein nahe dem Gräberfeld niedergelegt.