Gardelegen l Welche Worte genau gefallen sind, und wer nun wen wie „berührt“ hat, wissen der Angeklagte und der Zeuge nur allein. Und ob sie ihre Erinnerung daran nicht trügt, blieb auch offen. Sicher allerdings ist: Es wurde sehr laut in den Räumen der Gardeleger Sozialamtsaußenstelle der Kreisverwaltung.

Dort hatte der nach eigenen Angaben 35-jährige Mann aus Burkina Faso, der allerdings sehr viel älter wirkt, im Januar vorgesprochen, um seinen Sachbearbeiter davon zu überzeugen, ihm das Guthaben einer Betriebskostenabrechnung auszuzahlen. Das jedoch konnte der nur ablehnen: Laut Gesetz würden schließlich nur die tatsächlich angefallenen Betriebskosten übernommen, erinnerte er im Zeugenstand des Gardeleger Amtsgerichtes. Guthaben stünden somit nicht dem Leistungsempfänger zu.

Kollegin rief die Polizei

Das jedoch habe der aufgebrachte Antragsteller an jenem Tag nicht wahrhaben wollen. Ihn selbst habe er als Rassist bezeichnet, versicherte der Verwaltungsfachangestellte. Ob das Wort Nazi gefallen sei, daran könne er sich allerdings nicht mehr so genau erinnern. Doch „er bestand darauf, dass ihm das Geld zusteht und wurde immer lauter.“ Deshalb habe auch er seine Stimme erhoben: „Ich habe ihn deutlich gebeten, den Raum zu verlassen.“

Daraufhin habe der Mann so geschrien, dass eine Kollegin hinzugekommen sei, „die die Lage offensichtlich als so bedrohlich empfunden hat, dass sie nachgefragt hat, ob sie die Polizei rufen soll.“ Darum habe er sie gebeten. Daraufhin habe der Angeklagte ihn dann in eine Ecke hinter seinem Schreibtisch gedrängt: „Ich saß schon fast auf meiner Tastatur.“ Um sich zu befreien habe er den lärmenden Mann zurückdrängen wollen, um zum Ausgang zu gelangen, und habe ihn dabei wohl an der Schulter berührt.

Verwaltungsmitarbeiter soll geschlagen haben

Just in dem Moment sei schließlich die Polizei gekommen. „Die hat es aber nicht für nötig befunden, meine Anzeige aufzunehmen“, stattdessen habe er selbst eine Anzeige bekommen, erzählte der Verwaltungsmitarbeiter. Die ist mittlerweile fallengelassen worden. Dafür saß gestern der Asylantragsteller wegen des Vorwurfes der Beleidigung auf der Anklagebank. Ruhig konnte er aber auch dort nicht bleiben. Lautstark schilderte er, wie sich seiner Erinnerung nach die Situation abgespielt hat: So habe er höflich nachgefragt, ob er sich vom Guthaben aus der Betriebskostenabrechnung eine Küche kaufen dürfe. Der Behördenmitarbeiter habe ihn daraufhin aber nur beleidigt: „Er hat gesagt: Du bist schon so lange hier“, und er habe wissen wollen, ob er dort, wo er herkomme, auch ein Haus gehabt hätte. Der Sachbearbeiter habe also mehrfach versucht, ihn zu demütigen, so der Angeklagte. Er habe zwar protestiert, aber „Nazi habe ich nicht gesagt.“

Der Zeuge hätte dann schließlich gerufen: „Das ist mein Geld, und jetzt geh raus.“ Und dann sei er aufgestanden und habe ihn geschlagen.

Eine weitere Anzeige liegt vor

Daran hatte Strafrichter Axel Bormann allerdings erhebliche Zweifel. Vom Zeugen wollte er dennoch wissen, warum er als Verwaltungsmitarbeiter ebenfalls laut geworden sei. „Wenn man so dermaßen angegriffen, wird, wird man auch mal laut“, sagte der. Zudem habe er sich massiv bedroht gefühlt.

Weil außer dem Wort Rassist weitere beleidigende Ausdrücke nicht zweifelsfrei festgestellt werden konnten, stellte Bormann das Strafverfahren gegen den Flüchtling schließlich vorläufig ein. Möglicherweise könne der Fall aber auch noch einmal aufgerollt werden, machte ihm Bormann klar. Denn seit wenigen Tagen liegt im Gardeleger Amtsgericht eine weitere Anzeige gegen den Angeklagten vor. „Bei einer Schwarzfahrt sollen Sie neulich einen Zugbegleiter der Bahn körperlich angegriffen haben“, hielt Bormann dem Angeklagten vor. „Und was Ihnen da demnächst zugeht, ist weitaus schwerwiegender.“