Wollenhagen l Sommer 1936: Die deutschen Reiter haben sechs von sechs olympischen Goldmedaillen in den Reitdisziplinen gewonnen und damit auch sechs olympische Eichen. Ein findiger Berliner Gärtner namens Hermann Rothe hatte die Idee, den Siegern die einjährigen Pflanzen in extra angefertigten Töpfen zu überreichen. Die später als „Hitler-Eichen“ bekannten Bäumchen sind heute noch überall auf der Welt zu finden.

„Von den 129 vergebenen Eichenbäumchen lassen sich bis zum heutigen Tage gut 100 nachweisen – knapp 70 davon stehen noch zwischen Nordcup und Neuseeland“, erzählt Rupert Kaiser. Der Gardelegener, der sich intensiv mit der olympischen Geschichte beschäftigt – und besonders gern mit solchen Randgeschichten –, vermutet, dass drei Stieleichen, nämlich jene, die es für die Mannschaftssiege im Spring-, Dressur- und Vielseitigkeitsreiten gab, heute in Wollenhagen stehen.

Flucht gen Westen

Doch wie sollen die Bäumchen aus Berlin in die Altmark gekommen und dort gewachsen sein? Die Reiter gehörten damals der berühmten Kavallerieschule Hannover an. Dort wurden zunächst auch die Eichen gepflanzt. Als die Schule 1938 nach Krampnitz, nördlich von Potsdam, verlegt wurde, zogen die Eichen der drei Equipen mit um. Bis 1945 wuchsen die Bäumchen dort, soviel ist sicher.

In den ersten Apriltagen 1945 flüchteten die verbliebenen Angehörigen der Kavallerieschule Krampnitz vor der anrückenden Roten Armee gen Westen, mit 180 Pferden, Preisen, Pokalen und, so vermutet Kaiser, drei etwa anderthalb Meter hohen Eichen. „Man will diese Trophäen nicht zurücklassen, zumal bereits fünf der neun deutschen Olympiareiter gefallen sind“, so Kaiser. Dessen Recherche ergibt, dass der Treck am 10. April Gardelegen erreicht hat. Als die Nachricht durchsickerte, dass US-amerikanische Truppen zur gleichen Zeit Braunschweig besetzten, begann eine kopflose Flucht in nordöstliche Richtung.

Augenzeugenbericht

In Wollenhagen gerieten die Deutschen schließlich in amerikanische Gefangenschaft. In einem Augenzeugenbericht von Gustaf R. Pfordte (Offizier der Reitschule) heißt es unter anderem: „Dieser Augenblick war auch der Abschied von unseren Pferden, die wir im Dorf zurücklassen mussten. Sie wurden später von den Amerikanern übernommen und teils in die USA gebracht. Mit einigen Springpferden erzielten die Amerikaner in den Nachkriegsjahren manchen Erfolg auf deutschen Turnieren […] In dem kleinen Dorf Wollenhagen [...] endete die Geschichte der Kavallerieschule Hannover bzw. der Heeres-Reit- und Fahrschule Krampnitz. Ob die Amerikaner der Panzereinheit gewusst oder gemerkt hatten, welche seltsame deutsche Einheit sie in Wollenhagen angetroffen hatten – ich weiß es nicht. [...] Die Ehrenpreise, darunter die Coppa d‘Oro, waren in den verschiedenen Häusern im Dorf versteckt worden. Sie blieben von den Amerikanern unangetastet und kamen später auf wunderbaren und geheimnisvollen Wegen nach Vornholz, dem Schloss und Gestüt des Clemens Freiherr von Nagel. Heute stehen sie in Vitrinen in Warendorf, wo die Tradition der deutschen Reiterei, allerdings unter anderen Vorzeichen und Gegebenheiten wie einst in der Kavallerieschule, fortgeführt wird.“ (Quelle: Kavallerieschule Hannover, FN-Verlag Warendorf)

Pokale in den Weste geschafft

Die „auf geheimnisvollen Wegen“ aus Wollenhagen nach Vornholz geschafften Pokale sollen durch den Fuhrunternehmer Hermann Mertens aus Lindstedterhorst in den Westen gebracht worden sein. Das wohl größte Schmuckstück der Sammlung ist die vom damaligen italienischen Staatschef Mussolini gestiftete Coppa d’Oro, ein Pokal aus Gold und mit Edelsteinen besetzt, den 1933 die deutschen Offiziere gewannen. Eine Kopie steht beim Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR). Das Original wird im Safe einer Warendorfer Bank aufbewahrt.

Von den Eichen wird vom Augenzeugen nichts erwähnt. Sind sie also vielleicht doch in Krampnitz geblieben? Mit dem dort zuständigen Bürgermeister habe er in Kontakt gestanden, so Kaiser, der selbst aus dieser Gegend stammt: „Er hat für mich nach den Eichen gesucht, aber keine gefunden. Ich glaube deshalb, dass sie mit nach Wollenhagen genommen wurden. Reiter sind so, die lassen so etwas nicht zurück, wurde mir gesagt.“

Kindheitserinnerungen

Der Wollenhagener Bürgermeister Siegfried Jordan erzählt, dass der ehemalige Gymnasiallehrer Martin Rieck, gebürtiger Wollenhagener, eine Erzählung kennt, die dies bestätigen würde. Rieck stellt, bevor er berichtet, klar: „Als Kind hat man ja oft neben der Dorfbank gespielt, auf der die Alten sich unterhielten. So habe ich die Geschichte aufgeschnappt. Was davon nun stimmt, das weiß ich natürlich nicht.“ Demnach sollen Angehörige der Wehrmacht, die mit ihren Pferden im Ort waren, vor ihrer Gefangennahme noch fünf Eichen eingepflanzt haben, die sie mitbrachten. Es seien olympische Preise gewesen.

Die Bäume sollen an den Wiesen rechts des Ortseingangs von Wollenhagen, aus Richtung Lotsche, gepflanzt worden sein, eventuell auch am alten Spritzenturm. Tatsächlich sind dort Eichen zu finden, ob deren Alter dem der olympischen entspricht – sie wären heute 85 Jahre –, könnte nur eine dendrochronologische Untersuchung, bei der Bohrkerne entnommen und Jahresringe gezählt werden, belegen. So bleibt es wohl ein Geheimnis, ob die Wollenhagener Eichen tatsächlich eine sporthistorische Bedeutung haben – schöne Bäume mit einer schönen Geschichte sind es aber auf jeden Fall.