Gardelegen l Unscheinbar liegt er da, der sandsteinfarbene Stein aus dem 17. Jahrhundert. In der Marienkirche ist er dort zu finden, wo einst das alte Gestühl stand, wenige Meter vom Taufstein entfernt. Es ist der schmuckloseste Stein unter all den anderen, die an den Wänden aufgestellt oder in den Kirchenboden eingelassen worden sind. Und doch erzählt dieser Stein, eine Grabplatte, deren Inschrift noch heute zu entziffern ist, die wohl traurigste Geschichte der Stadt Gardelegen. Es ist „Der Stein der zwölf Kindlein“. Namen und Jahreszahlen, Geburts- und Sterbedaten, stehen darauf. Und immer wieder taucht das Wort „Peste“, Pest, auf. Wer die Inschrift in der Marienkirche liest, wird in den Bann der Geschichte gezogen. Es ist die Geschichte einer Frau, die zehn ihrer zwölf Kinder an die schreckliche Seuche verlor.

Der Schwarze Tod zieht 1598 in Gardelegen ein

Und der Stein erzählt: Im Jahre 1591 ehelicht Dorothea Westphal, die einer angesehenen Patrizierfamilie Gardelegens entstammt, Hans Risleb, wie der Inschrift zu entnehmen ist. Der jungen Familie werden vier Kinder geschenkt: Niclas (1592), Ambrosius (1593), Anna (1595) und Margaretha (1596). Der Älteste kann wohl schon den Federkiel halten, die Jüngeren werden wohl schon kleinere Aufgaben im Haushalt mit erledigt haben, als anno 1598 „ein unheimlicher Gast mit dürren Fingern an die Tore der Stadt klopft“, wie es Otto Reichmann (1933-1973), Pfarrer in Winterfeld, in seiner Abhandlung „Lob der Heimat“ (1966), in der er auch über den „Stein der zwölf Kindlein“, berichtet, beschreibt. Die Pest hält in Gardelegen Einzug.

Still geworden ist es auf den Straßen, lähmende Angst greift um sich. Die Bewohner erinnern sich noch zu gut an das Pestjahr 1566, in dem 2000 Menschen in der Stadt ums Leben kamen. Tag und Nacht läuten die Totenglocken in der Stadt. An zahlreichen Häusern hängen weiße Laken als Warnung für Nachbarn und Verwandte. Und auch am Hause Westphal zieht der schwarze Tod nicht vorüber. Er kehrt in das Haus ein. Niclas und Ambrosius, Anna und Magdalena sind nicht mehr. Die Seuche rafft sie dahin. Dorothea Westphal verliert aber nicht nur ihre vier Kinder. Auch der Ehemann stirbt. Die junge Frau bleibt allein im Haus zurück. Wo vor kurzem noch Kinderlachen durch die Zimmer hallte, ist es totenstill geworden.

 Die Pest ist vorüber. In der Stadt beginnt allmählich wieder das alltägliche Leben einzuziehen. Und auch die trauernde Mutter muss sich dem Leben wieder stellen. Neues Leben wächst nämlich auch in ihr. Von ihrem Ehemann hat sie noch ein Kind empfangen. So wird Hänselein, benannt nach seinem Vater Hans, noch 1598 geboren. Die junge Mutter braucht einen Versorger, jemand, der ihr zur Seite steht. Sie heiratet 1599 wieder – den Ratsherren Joachim Michael. Er zieht in ihr Haus an der Sandstraße ein. Wieder wird Dorothea schwanger. Es ist ein kleines Mädchen. Bei seiner Geburt stirbt es aber. Still wird die Wiege zunächst also wieder beiseite getragen.

1611: Und wieder schlägt das Schicksal zu

Und dann kommen doch noch fröhliche Jahre für die Familie. In den Jahren 1600 bis 1609 wird Dorothea mit weiteren Kindern beschenkt. Es sind Joachim Friedrich, Joachim, Elisabeth, Dorothea und als jüngstes Kind die Anna. Auch ein Niclas gehört kurz der Familie an, verstirbt aber schon in jungen Kinderjahren. Wieder sitzt in der Sandstraße eine fröhliche Kinderschar am Tisch. Und wieder bricht ein Schicksalsjahr über die Stadt und schließlich auch über die Familie herein. Es ist das Jahr 1611

 Hänselein ist 13 Jahre alt, besucht das Gymnasium neben der Nikolaikirche und ist mächtig stolz darauf, dass er dort griechisch lernt, während die kleine Anna, zwei Jahre alt, gerade einmal das Sprechen erlernt, wie es Reichmann in seinem Buch beschreibt. Die Pest ist wieder in der Stadt. Angst treibt die Mutter um. Sie verbietet ihren Kindern, mit den Kindern des Nachbarn, der schon erkrankt ist, zu spielen. Dessen ungeachtet geht Anna dennoch mit dem Nachbarjungen Kirschen essen. Nun ist sie blass, wimmert, bekommt Fieber. Die Mutter legt das Kind in eine gesonderte Stube. Allerlei Pulver und Tinkturen werden gekauft, im Haus wird mit Rauchwerk geräuchert. Aber auch Joachim und Elisabeth werden schwächer, mögen ihre Mahlzeit nicht mehr aufessen. Auch sie kommen in eine gesonderte Kammer.

Das Kleinste liegt im Fieber. Am „dritten Tage früh brechen die schlimmen Beulen unter den Achseln aus. Es quält sich noch den ganzen Tag so hin. Dann wird es gegen Abend still. Beim Schein einer Laterne wird die kleine, kaum erkaltete Leiche in ein Leichentuch gewickelt und noch in derselben Nacht aus dem Hause getragen und verscharrt. – Eins steckt das andere an. Auch Hänselein, Joachim Friedrich und Elisabeth legen sich müde und mit heißer Stirn aufs Lager“, schreibt Reichmann. Den Eltern bleibt nichts anderes übrig, als zu zusehen, wie eines nach dem anderen an der Pest stirbt. Keines der Kinder hat das Pestjahr 1611 überlebt. Wieder ist es totenstill in dem Hause an der Sandstraße. Wieder zieht die Trauer ein.

Plünderung im Dreißigjährigen Krieg

Beim Steinmetz bestellt Joachim Michael eine Steinplatte für den Kirchhof. Darauf stehen die Namen und Daten aller Kinder und der Reim: „All diese lieben Gottesgaben, wir Eltern hier begraben haben, da der weise und höchste Gott, ihr Seel‘ abfordert durch den Tod! Ach Christe, ihre Leiber klein, erweck am jüngsten Tage dein. Laß sie und uns – mit dir – allzeit leben in ewiger Seligkeit! Amen“

 

Dorothea Westphal hat ihren zweiten Ehemann überlebt. In einer Urkunden von 1634 wird sie als Witwe bezeichnet. Wann sie verstarb, ist nicht bekannt. Aus Reichmanns Aufzeichnungen geht hervor, dass sie im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) ihr Hab und Gut verloren haben muss. So soll ihr Häuschen, dann am Holzmarkt, während deses Krieg ausgeplündert worden sein. Der „Stein der zwölf Kindlein“ stand viele Jahrzehnte auf dem Kirchhof, ehe er dann in den Boden der Kirche eingelassen wurde. Besucher, die sich von Küster Hans-Otto Bohlecke oder anderen Mitgliedern der Kirchengemeinde durch St. Marien führen lassen, erfahren von ihnen diese tragischen Geschichte. Und noch heute berührt diese die Herzen der Kirchgänger.