Gardelegen l „Komm, ich helf dir.“ Mathilde Schulze überlegt nicht lange, fasst schnell zu den Griffen am Rollstuhl des vierjährigen Michel Behrens und schiebt ihn die leichte Schräge zum großen Spieldachboden der Kita Arche Noah hinauf. Sicherlich hätte der Vierjährige das auch ohne die Hilfe der fünfjährigen Kindergartenfreundin geschafft, aber gemeinsam lassen sich „Hürden“ eben besser meistern. Eine Selbstverständlichkeit in der Kita, denn dort erleben Kinder mit und ohne Behinderungen ihren Kindergartenalltag.

Und das ist durchaus eine Besonderheit in der Kita-Landschaft in Sachsen-Anhalt. Ein Grund, dass die Einrichtung gemeinsam mit sechs weiteren Kitas im Land für ein besonders Projekt ausgewählt wurde. „InQThel“ ist die Kurzfassung und steht für Inklusive Kindheitspädagogik als Querschnittsthema in der Lehre. Dazu wurde im Februar des vorigen Jahres bei der Hochschule Magdeburg-Stendal ein Projekt gestartet. Vier wissenschaftliche Mitarbeiter der Hochschule sind mit dieser Projektarbeit betraut worden. Am Ende sollen Lehrmaterialien entstehen, die Dozenten etwa an Hochschulen und Universitäten für ihre Seminare im Bereich der Kindheitspädagogik und Kindheitswissenschaften nutzen können.

„Lehrmaterialien gibt es zum Thema Inklusion natürlich“, sagte Sven Hohmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Hochschule am Standort Stendal. Aber eben nicht modulübergreifend. Künftig soll das Thema Inklusion, bisher nur ein Modul im Studium der Frühpädagogik, als Querschnittsthema gesehen werden, also in der gesamten Studienausbildung eine Rolle spielen. „Damit soll ein Beitrag zur inklusiven Professionalisierung pädagogischer Fachkräfte geleistet werden“, so Hohmann. Im Vorfeld habe das Projektteam alle Kindereinrichtungen in Sachsen-Anhalt angeschrieben – immerhin über 1100 Kitas – und einen Fragebogen verschickt unter anderem mit Fragen nach Strukturen, Vernetzung, pädagogischen Ansätzen. „Das war eine Bestandsaufnahme zum Thema Inklusion. Wie ist der Stand, wie sind die Bedarfe, wo stehen wir in Sachsen-Anhalt“, so Hohmann.

Bilder

Landesweit alle Kitas angeschrieben

Ziel war es, Einrichtungen für das Projekt auszuwählen, die in Sachen Inklusion auf einem guten Weg sind. Nach einem bestimmten Rasterschema wurden Punkte vergeben. „Und die Arche Noah hatte von allen Einrichtungen die höchste Punktzahl erreicht“, so Hohmann. Keiner der Mitglieder der Projektgruppe habe vorher die Kita gekannt. Insgesamt sieben Einrichtungen wurden für das Projekt ausgewählt, neben Gardelegen unter anderem auch Kitas in Wörlitz, Magdeburg und Halle.

Seit Montag dieser Woche sind Sven Hohmann und seine Kollegin Anja Stolakis in der Arche Noah, begleiten dort den Alltag, stellen Videosequenzen her und führen Interviews. „Wir haben hier eine unglaublich hohe Willkommenskultur erlebt“, schilderte Hohmann seine Eindrücke. Die Kommunikation im Team sei hervorragend, ebenso das Miteinander. Es gebe einen außerordentlich wertschätzenden Umgang. „Erwachsene und Kinder begegnen sich auf gleichem Niveau, auf Augenhöhe“, hat Hohmann festgestellt. Das werde schon damit deutlich, dass es in der Arche Noah eben nicht Erwachsene und Kinder heiße, sondern Klein und Groß. Ebenso sei die Vernetzung der Arche sehr gut. Ein Beispiel sei die seit Jahren bestehende Patenschaft mit den Johanniterhäusern. Namensbestimmt habe auch jede Gruppe ein Gruppentier. „Da geht es um Verantwortung und Fürsorge“, betonte Hohmann. Insgesamt sei aufgefallen, dass die Kinder der Arche eine extrem hohe Selbstständigkeit an den Tag legen würden.

Das war auch gestern nicht anders. Selbstständig hatten die Kinder der Schildkrötengruppe einen Wellness-Tag mit Gurken- und Cremmasken organisiert – in Vorbereitung der ersten großen Modenschau der Kita am morgigen Freitag. Zurück ging das auf die Initiative eines sechsjährigen Jungen, der auch ganz viel organisiert habe, lobte Kita-Leiterin Petra Müller. Für sie ist die Teilnahme am Projekt der Hochschule eine besondere Würdigung der guten pädagogischen Arbeit in der Kita. „Wir sind stolz, dabei zu sein“, betonte Müller. Die Lehrmaterialien werden allen teilnehmenden Kitas im Rahmen einer Fachtagung im kommenden Jahr vorgestellt. Das Projekt endet im Dezember 2020.