Gardelegen l Die Fachwerkfassade wieder aufbauen und dahinter vier top moderne Wohnungen. Das war die Kernaussage von Wolfgang Oelze, Geschäftsführer der Gardeleger Wohnungsbaugesellschaft (Wobau), beim zweiten Stadtspaziergang im Stadtumbau-Ost-Quartier Innenstadt zum Thema Trüstedtsches Haus (Baujahr 1648). Die Wobau habe nach wie vor Interesse, die derzeitige Baulücke wieder zu füllen. Allerdings nur, wenn ein Abriss des Nebengebäudes auf dem Hof möglich ist. Das hatte der Denkmalschutz abgelehnt. Und daran scheiterten bisher alle Pläne – zunächst für eine Sanierung des Hauses, das bis November 2014 noch stand, und nach dem Abriss ein Wiederaufbau des Hauses.

Unterdessen meldete sich auch der Gardeleger Kultur- und Denkmalpflegeverein zu Wort. Dessen Mitglieder würden die Pläne für den Neuaufbau des Hauses begrüßen. „Unser Verein, der sich immer wieder für den Erhalt unserer Baudenkmäler einsetzt, hat sich jahrelang auch für den Erhalt dieses Hauses eingesetzt. Wir meinen aber, wenn es um das Stadtbild geht, sollte man dem Besucher nicht über lange Zeit eine hässliche Baulücke zeigen. Vielleicht könnten sich beide Seiten doch einigen“, sagte Wally Schulz, langjährige Vorsitzende des Kultur- und Denkmalpflegevereines. Denn nach den heutigen Bauvorschriften müssten Bauherren künftigen Mietern auch Platz im hinteren Bereich des Grundstückes bieten. Die Wobau habe schon viel Erfahrung bei der Sanierung historischer Wohngebäude gesammelt, „so dass ein gutes Bild des Hauses beim Neuaufbau zu erwarten“ sei. „Wir würden uns über das Gelingen freuen“, so Wally Schulz. Die wertvollen Balken der markanten Fachwerkfassade seien nach dem Abriss eingelagert worden und könnten bei einem Neuaufbau wieder verwendet werden.

Ob es allerdings einen Kompromiss geben wird, was den Abriss des Nebengebäudes auf dem Hof betrifft – auch dort kann man mittlerweile den Himmel sehen – ist derzeit alles andere als sicher. Das Hofgebäude sei bereits vor Jahren dendrochronologisch untersucht worden. Im Ergebnis sei festgestellt worden, dass das Nebengebäude auch über 300 Jahre alt ist und damit genauso alt wie das Vordergebäude. „So viele Gebäude in diesem Alter hat die Stadt Gardelegen nicht“, betonte Falko Grubitzsch vom Landesamt für Denkmalpflege auf Volksstimme-Anfrage. Das Stadtbild lebe schließlich nicht nur von den Vorderhäusern, sondern auch von den „hinteren Strukturen“. Es sei sicher ein schwieriges Unterfangen aus wirtschaftlicher Sicht. Aber es sei eben auch immer leicht zu sagen, was alles nicht geht, was man sich alles nicht leisten könne. Vielmehr sollte man andere Ansätze prüfen und mit anderen Kommunen ins Gespräch kommen. „Es gibt in vielen Städten schöne Beispiele, wie Werben oder Tangermünde, wo man an jedem Stück festhält“, so Grubitzsch. Sicher, man könne dort auch was Neues hinbauen. „Das hat aber dann nichts mehr mit Denkmalpflege zu tun, auch nichts mehr mit dem Umgang mit alter Geschichte“, betonte Grubitzsch.

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Gerichtsverfahren anhängig

Es sei ja bisher auch nicht gelungen, beim Backhaus auf dem Hof des Großen Hospitals einen Konsens zu finden. „Und da gibt es jemanden, der das Backhaus sanieren will“, so Grubitzsch. Aber das wolle die Wobau ja offenbar nicht. Die Gardeleger Brauerei sei auch so ein Beispiel. „Das Quartier ist ein Schandfleck, und der muss weg“, so Grubitzsch. Aber es gebe eben auch Leute, die anders denken. Grubitzsch betonte, dass seine Behörde nicht die Entscheidungen treffe, sondern die Obere und Untere Denkmalschutzbehörde. Das Landesamt für Denkmalpflege erarbeite Empfehlungen. Von der Oberen Denkmalschutzbehörde war gestern keine Stellungnahme zu erhalten.

Nach wechselvoller Geschichte des Hauses und seiner Besitzer – die letzten Mieter waren 1992 aus dem Trüstedtschen Haus ausgezogen – wurde im November 2014 das letzte Kapitel in Sachen Trüstedtsches Haus geschrieben. Aufgrund der großen Einsturzgefahr hatte der Kreis das Haus im Rahmen einer Ersatzvornahme abreißen lassen, nachdem der Eigentümer, ein Unternehmer aus Wuppertal, entsprechende Aufforderungen des Kreises erfolgreich ignoriert hatte. Das Grundstück stand Mitte November 2017 für 6000 Euro zur Versteigerung. Ein Interessent fand sich nicht. Unterdessen ist dazu auch ein Verfahren beim Verwaltungsgericht Magdeburg anhängig. Der Geschäftsführer des Unternehmens hatte am 23. Dezember des vorigen Jahres Klage gegen die Höhe der Kosten für den Abriss eingereicht, informierte auf Anfrage Kreissprecherin Birgit Eurich. Es geht dabei um etwa 40 000 Euro. Der Kreis war in Vorkasse gegangen. Der Eigentümer hat die Kosten bis heute nicht beglichen.