Gardelegen l „Sie sind die dritte heute, die zur Zwangsversteigerung will“, sagte ein freundlicher Gerichtsangestellter am Eingang und verwies dann auf eine Anzeige. Der Termin wurde aufgehoben. Danach kam noch ein Paar, das Interesse am Objekt hatte, denn zur Zwangsversteigerung sollte die Erste Altmärkische Konservenfabrik stehen. Beide verließen unverrichteter Dinge wieder das Gerichtsgebäude. Gläubigerin ist die Stadt Gardelegen, die Steuerschulden geltend macht. Doch zur Zwangsversteigerung kam es gestern nicht mehr. Der Eigentümer der Immobilie hatte am Tag zuvor etwa die Hälfte der städtischen Forderungen beglichen. Für die restlichen Außenstände seien Ratenzahlungen vereinbart worden, bestätigte auf Volksstimme-Anfrage Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Zepig. Die Zwangsversteigerung sei vorläufig eingestellt worden.

Übrigens zum zweiten Mal, denn 2017 sollte die Immobilie schon einmal unter den Hammer kommen. Auch damals legte Eigentümer Klaus Schwarz im letzten Moment Bargeld auf den Tisch. Während die Stadt gehofft hatte, dass die Zwangsversteigerung erfolgreich über die Bühne geht, damit aus der denkmalgeschützten Immobilie doch noch etwas gemacht wird, zeigten sich dagegen Eigentümer Schwarz und sein Bevollmächtigter Jürgen Mistelsky aus Berlin erfreut über den Ausgang. Man habe doch noch jemanden gefunden, einen Privatmann, der finanziell geholfen habe, erzählte Mistelsky, der gestern gemeinsam mit Schwarz gut gelaunt zu Fuß vom Gerichtsgebäude zur Konservenfabrik spazierte. Knapp 4000 Euro Schulden seien beglichen, für die restlichen etwa 4000 Euro sei eine Ratenzahlung vereinbart worden – monatlich 660 Euro.

Steuererlass beantragt

Dennoch sei man verärgert, denn laut Grundsteuergesetz müsse für ein Denkmal, mit dem kein Rohgewinn erwirtschaftet, also keine Einnahmen erzielt werden, keine Steuern gezahlt werden. Die Steuer könne erlassen werden. Die Steuerbehörde würde darauf allerdings nicht eingehen. „Das ist eine Frechheit. Es interessiert die nicht. Die wollen nur Geld haben“, hat Mistelsky festgestellt, denn das Geld hätte Schwarz lieber in die Sanierung des Objektes gesteckt. Entsprechende Anträge habe er als Bevollmächtigter gestellt. Die seien allerdings noch nicht mal bearbeitet worden. Wie es nun weitergeht, wisse man noch nicht. „Wir werden klein anfangen“, stellte Mistelsky Pläne vor. Mit Trödelmärkten mit niedrigen Standgebühren, der Vermietung von Räumlichkeiten für Handwerker zu kleinen Preisen, „damit erstmal Geld rein kommt“, hofft der Mann aus Berlin, der bis dato von Hartz-IV gelebt hat und jetzt mit 65 Jahren kurz vor der Rente steht. Sein Plan: Handwerker mieten Räume und helfen im Gegenzug mit bei der Sanierung der Konservenfabrik. Doch zunächst müsse erst mal eine gemeinnützige Organisation unter seiner Geschäftsführung gegründet werden, kündigte Mistelsky an, der beruflich aus dem kaufmännischen Bereich kommt, wie er angab.

Er wolle jetzt „frischen Wind“ in die Sache bringen, damit das Gebäude erhalten werden kann. „Stück für Stück werden wir das schaffen“, zeigte sich der 65-Jährige zuversichtlich. Man setze dabei nicht unbedingt auf die Einheimischen, sondern auf Berliner Leute. „Hier ist es doch auch schön. Man kann hier seinen Wohnwagen auf den Hof stellen, Urlaub machen und dabei etwas arbeiten. Es gibt viele Möglichkeiten, das geht aber nur in der Gemeinschaft“, betonte Mistelsky.

Start up aus Berlin

Längerfristig gebe es weitere Pläne, ergänzte Klaus Schwarz. „Der Denkmalschutz ist für mich jetzt nachrangig“, betonte der 63-Jährige. Ihm sei es egal, welche Fenster eingebaut werden. „Wenn die sagen, die wollen die und die Fenster hier, dann sollen sie die kaufen. Ich mache das nicht“, betonte Schwarz. Für ihn gehe es jetzt um eine Sanierung nach wirtschaftlichen Punkten. Und soviel sei schließlich auch nicht zu machen. Fluchtwege, neue Treppenhäuser, Brandschutz, Dacharbeiten, zählte Schwarz einige Dinge auf. Zwei Jahre habe er gebraucht, ein Projekt zu entwickeln und ein Team zusammenzustellen. Das Team stehe jetzt unter seiner Koordination. Und involviert seien Wissenschaftler unter anderem von der TU Berlin und der Beuth-Hochschule Berlin. Geplant sei ein Start up im Bereich intelligenter Technologien und in der Reproduktion von Glasbausteinen. „Office und Labor sind in Berlin“, so Schwarz. In der Konservenfabrik sollen ein bis zwei Maschinen aufgestellt werden, denn Gewerbefläche sei in Berlin kaum zu haben und wenn, seien die Mieten sehr hoch. Weitere Schritte seien das Beantragen von Fördermitteln. Außerdem will Schwarz Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Zepig das Projekt vorstellen. Nähere Details wollte die Volksstimme von einem der beteiligten Professoren von der Beuth-Hochschule Berlin einholen. Eine Anfrage per Mail blieb bis Redaktionsschluss jedoch unbeantwortet.