Gardelegen l „Die haben noch mal richtig Party gemacht“, scherzte Riccardo Freitag am Mittwoch – umgeben von Bierflaschen, Zigaretten-Etuis und Konserven aus den 40-er Jahren. Die Ausbeute war das Ergebnis einer Ausgrabung auf dem Gelände des Holzkontors in der Stendaler Chaussee in Gardelegen. Dorthin war der ehrenamtliche Mitarbeiter der Kriegsgräberfürsorge gerufen worden, um nach Überresten aus der Nazi-Zeit zu suchen.

Den ersten Fund hatten Mitarbeiter auf dem Gelände selbst gemacht, erklärt Filialleiter Peter Osterholz: Dort, wo später das Fundament für ein neues Holzregal hinkommen soll, tauchte ein rostiger Stahlhelm auf. Außerdem wurden mehrere Hohlräume auf der Baustelle festgestellt. Die Bauarbeiten verzögerten sich daraufhin, denn erstmal musste das Ordnungsamt informiert werden.

Schon mit Prozess vertraut

Dieses wandte sich wiederum an den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Mit dem Thema habe man schon Erfahrung gehabt, erklärte Ordnungsamt-Mitarbeiterin Birgit Matthies: 2015 arbeiteten die Einrichtungen zusammen, um fast 200 russische Kriegsgefangene von Zienau nach Gardelegen umzubetten. „Die Wege und die Telefonnummern waren uns noch geläufig“, so Matthies. Gebeine wurden diesmal nicht gefunden – die ausgegrabenen Wirbelknochen stellten sich als tierisch heraus – dafür fand sich einiges anderes neben den anfangs erwähnten Genussmitteln.

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So holte Riccardo Freitag unter anderem einen Gasmasken-Behälter, zerrissene Lederstiefel, Essgeschirr und -besteck sowie einen größeren Metalldeckel aus dem Sand. In einem guten Zustand war kaum einer der Funde, abgesehen von den Flaschen. Eine Schnapsflasche war sogar noch halbvoll, der Geruchstest ließ aber eher auf fauliges Wasser schließen – den Geschmackstest traute sich niemand vor Ort zu. Ein Gegenstand liefert immerhin eine Jahreszahl: „1941“ steht auf einem Zigaretten-Etui – die Nazizeit also.

Russen waren länger da

Randdaten dazu liefert Heiko Bierstedt vom Stadtarchiv: Am 26. Juli 1940 eingeweiht, dienten die dort errichteten Baracken unter anderem als Unterkunft für Fallschirmjäger. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs nahmen russische Truppen das Gelände in Beschlag, auf dem in der Zeit auch die Amerikaner ihre Kriegsgefangenen unterbrachten. Nach der Wende zogen die Truppen 1991 schließlich ab. Ein Jahr später errichtete laut Peter Osterholz die Firma Luhmann dort einen Standort.

Nun, etwa 28 Jahre später, tauchte nochmals ein Stück Zweite-Weltkriegs-Geschichte auf dem Firmengelände auf. Der Helm, aufgrund dessen die Grabung erst angeordnet wurde, liegt beim Ordnungsamt und soll in eine Ausstellung kommen. Die anderen Funde hat die Kriegsgräberfürsorge sicher gestellt, auf der Baustelle kann es jetzt weitergehen.