Gardelegen l Seinen Großvater hat Vytautas Ivaskevicius nie kennengelernt. Der Professor für Transfusionsmedizin, der heute in Bonn lebt und arbeitet, wurde 1973 in Litauen geboren. Sein Großvater Juozhs Justinas Ivaskevicius verstarb bereits 1966. Von seinem Vater erfuhr Vytautas Ivaskevicius aber sehr viel über das Leben seines Großvaters, der 1885 in Vishtiten, einem Städtchen im Dreiländereck Litauen, Ostpreußen, Polen, geboren wurde und aufgrund der vielen verschiedenen Nationalitäten dort sehr weltoffen aufwuchs. Er sprach mehrere Sprachen: Litauisch, Deutsch, Polnisch, Jiddisch und als er von 1911 bis 1913 in Amerika lebte, dort seine Schwestern besuchte, erlernte er auch Englisch. Nachdem er aus Amerika zurückkehrte, begann nur wenige Monate später der Erste Weltkrieg. Ivaskevicius‘ Großvater wurde in die zaristische Armee eingezogen und geriet während des Krieges in deutsche Kriegsgefangenschaft.

Ivaskevicius wollte mehr über das Leben seines Vorfahren und dessen Stationen im Ersten Weltkrieg erfahren. Er machte sich auf Spurensuche. Alte Fotos halfen ihm dabei. Auf einem dieser Bilder entdeckte er auf der Rückseite die Gardeleger Adresse Bahnhofstraße 43 und den Verweis auf den Fotografen Emil Brockhaus, der damals unter besagter Adresse gemeldet war. Ein erster Ansatz war gefunden. Ivaskevicius recherchierte weiter. Bald stellte sich heraus, dass sein Großvater tatsächlich im Gefangenenlager Zienau bei Gardelegen, in dem zeitweilig bis zu 12.000 Gefangene lebten, untergebracht war.

Foto gab Hinweis auf Gardelegen

Ivaskevicius wollte immer mehr erfahren. Wie lebte sein Großvater während dieser Zeit? Im Internet fand er Hinweise. Er googelte Gardelegen, erhielt Hinweise, nach denen Gefangene mit guten Deutschkenntnissen in Geschäften beim Verkauf halfen. Er vermutet nun, dass sein Großvater darunter war. Und er erfuhr vieles über das Gefangenenlager, so unter anderem auch über die jahrzehntelang verschollene Statue des einstigen Friedhofs des Lagers, den Wiederaufstellen dieser und eine große Umbettungsaktion der sterblichen Überreste der im Lager Verstorbenen.

Über das Internet stieß er auf Anette Bernstein, Vorsitzende des Vereines für Kultur- und Denkmalpflege, die sich damals für das Wiederaufstellen der Statue einsetzte. Sie stellte schließlich den Kontakt zu Hans-Joachim Becker, Kreisvorsitzender des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge, her.

Damit Erinnerung erhalten bleibt

Nun war der Mediziner zu Gast in Gardelegen. Gemeinsam mit Hans-Joachim Becker und Anette Bernstein besuchte er Stationen der Stadt. „Ich bin erstaunt, wie viel er über Gardelegen bereits wusste“, schilderte Becker im Volksstimme-Gespräch. Bei seinem Besuch in Gardelegen ging es Ivaskevicius nicht nur um die Geschichte seiner Familie, sondern auch um das geschichtliche Umfeld jener Zeit.

Ivaskevicius legte ein Gesteck an der Grabstätte der Kriegsgefangenen auf dem Friedhof nieder. Dieses Gräberfeld befindet sich vis-à-vis zum Friedhof der gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkrieges und zeige, dass die Nationen im Tod vereint seien, erläuterte Becker. Unbedingt aufsuchen wollte Ivaskevicius auch den Ort, an dem sich das Kriegsgefangenenlager einst befand, auch wenn dort heute davon nichts mehr zu sehen ist. Außerdem besuchte er die Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe sowie die im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstörte Nikolaikirche. „Ich bin beeindruckt, dass es Menschen gibt, die die Initiative ergreifen, damit die Erinnerung erhalten bleibt“, lobte Ivaskevicius.