Gardelegen l Anfang 2017 reiste der Gardeleger Tartarenleuchter als Leihgabe nach Tatarstan, wo er in einer Ausstellung in Kasan zu sehen war. Ein Ausstellungsstück, das die Fachwelt aufhorchen ließ, offenbar. Rupert Kaiser, Verwaltungsmitarbeiter für Kultur in Gardelegen, berichtete, „dass der Leuchter in Kasan eines der Aufsehen erregendsten Exponate darstellte“.

Auf einem Vortragsabend im Gardeleger Rathaussaal berichteten nun der Historiker Stephan Theilig und der Turkologe Mieste Hotopp-Riecke über die Reise des Leuchters und die Ausstellung. Immerhin, schon die Anreise um den halben Globus brachte einiges an Aufregung mit sich. Etwa, als am Flughafen Scheremetjewo in Moskau beim Einchecken etwas schief ging, die Wissenschaftler quer durch den Riesenflughafen laufen mussten und doch nur noch der startenden Maschine nachschauen konnten. Glück im Unglück: Da die dazugehörigen Fluggäste nicht dabei waren, war deren Gepäck aus dem Laderaum wieder ausgeladen worden. Die 49,8 Kilogramm schwere Kiste mit den Ausstellungsstücken, darunter der Gardeleger Tatarenleuchter, ging also nicht verloren, sondern flog zusammen mit dem Begleitpersonal einige Stunden später weiter.

Drei Tataren namens Nasibulla

Inzwischen sind drei Bücher erschienen, in denen der Gardeleger Tatarenleuchter an prominenter Stelle beschrieben wird. Die Publikationen, in Russisch oder Englisch verfasst, brachten Hotopp-Riecke und Theilig zu ihrem Vortrag mit und überreichten sie der Gardeleger Bürgermeisterin Mandy Zepig. Für eines der Bücher hatte sie ein Grußwort verfasst, in dem sie auf die kriegerischen, aber auch auf die friedlichen Kontakte zwischen Gardelegen und der islamischen Welt hinweist. Etwa auf den Gardeleger Schulrektor Abraham Hinckelmann, der 1694 die erste vollständige Übersetzung des Koran veröffentlichte. Auch der Tatarenleuchter, der „unter widrigen Bedingungen im Ersten Weltkrieg“ entstanden sei, zeuge gleichzeitig von gemeinsamem Interesse an Kunst und Kultur als ein Stück tatarisch-deutscher Kulturgeschichte.“

Bilder

Der Birnbaumholz-Leuchter war von einem tatarischen Kriegsgefangenen in einem Lager bei Wünsdorf-Zossen hergestellt worden. Dort hatte Otto Stiehl eine Schnitzwerkstatt eingerichtet. Stiehl sorgte auch für die Ausstattung einiger Rathäuser, darunter das in Gardelegen. So kam der Leuchter in die Hansestadt. Das Kunstwerk, offenbar das einzige erhaltene Stück aus der Werkstatt, erregte auch deshalb Aufsehen, weil der Name seines Schöpfers bekannt ist: Der Schnitzer Nasibulla hat seinen Namenszug in dem hölzernen, vergoldeten Schnitzwerk verewigt. Der Name ist noch an zwei weiteren Stellen überliefert: Ein Tatare namens Nasibulla hatte zu der Zeit einen Wachszylinder, einen frühen Tonträger, mit einem tatarischen Gebet besprochen. Außerdem wird von einem Nasibulla berichtet, der eine Deutsche geheiratet hat und der auf einem Foto zu sehen ist. Ob es sich bei den drei Nasibullas um dieselbe Person handelt, ist noch ungeklärt.

Leuchter wird restauriert

Der Leuchter ist jetzt nach Gardelegen zurückgekehrt, doch nur, um sich sofort wieder auf die Reise zu machen: Die Stadt hat ihn nun als Dauerleihgabe, vorerst für fünf Jahre, dem Brandenburg-Preußen Museum in Wustrau überlassen. Der Vorteil: Dort wird er sachkundig restauriert und weiter erforscht. Laut Theilig sollen zunächst Farbe und Lack analysiert werden. Dann wird ein Restaurator Schäden beseitigen, die das Stück unter anderem durch Luftfeuchtigkeit erlitten hat. Außerdem soll der Leuchter gesäubert werden.

Eine besondere Begegnung gab es, als nach dem Vortrag Wally Schulz aufstand und eine Episode aus der Geschichte des Leuchters erzählte, die die Fachleute noch nicht kannten: Die ehemalige Gardeleger Museumsleiterin war es nämlich gewesen, die den Tatarenleuchter in den 1960er Jahren wiederentdeckt hatte. Sie hatte ihn auf dem Dachboden des alten Heimatmuseums gefunden.