Estedt l So stellt sich wohl jeder einen typischen Landarzt vor: groß und stattlich, ganz freundliche Augen, eine warme Stimme ... einer, der einer Frau noch in den Mantel hilft, und zwar ganz ohne groß darüber nachzudenken.

Und auch seine Praxis ist so eine ganz typische Landarztpraxis. Eher gemütlich eben. Wer in seine Sprechstunde kommt, geht durch einen gepflegten Vorgarten und betritt ein schmuckes kleines Häuschen mit Sprossenfenstern, Am Bahnhof in Estedt. Früher war das sogar tatsächlich mal der Bahnhof im Dorf.

Viele Patienten sind Senioren

1992 hat er das Haus gekauft. Und seit 1993 behandelt Dr. med. Dieter Molenda hier seine Patienten. Etwa die Hälfte von ihnen sind Senioren. Viele kommen seit Jahrzehnten, von etlichen auch schon die Kinder. Und die meisten kennt er persönlich – oftmals nicht nur ihre Krankheits-, sondern auch die Familiengeschichte. „Das gehört nun mal dazu“, sagt Molenda, „die Psyche spielt schließlich auch immer eine große Rolle in der ganzheitlichen Medizin.“ Gerade deshalb seien persönliche Gespräche ganz wichtig, findet er. Genau so wie Hausbesuche, auch wenn die in der dünn besiedelten Altmark lange Wege haben.

Dass er sich in Estedt niederließ, war für den jungen Mediziner Anfang der 1990-er Jahre ein echter Glücksfall. Denn „vorher war ich Arzt im Auto“, erzählt der 63-Jährige schmunzelnd. Von der damals staatlichen Praxis in Zichtau aus, „zu der lauter Satelliten gehörten“, war er ständig im Umkreis unterwegs. Neben der Arzttasche auf dem Rücksitz standen die Karteikästen mit den Patientenakten.

Erfahrungen im Gardelerger Krankenhaus

Mit dem festen Domizil in Estedt sei dann einschließlich Labor „endlich alles an einer Stelle“ gewesen. Erfahrungen hatte Molenda nach seinem Studium auch schon einige Jahre lang im Gardeleger Krankenhaus gesammelt, unter anderem auch drei Jahre in der Chirurgie. Gute Voraussetzungen also für einen Landarzt.

Und das ist Dieter Molenda mit Leib und Seele. So einer, der nicht auf die Uhr oder den Kalender schaut. „Mich hat er mal gerettet, obwohl er an dem Tag gar keine Sprechstunde hatte“, erzählt eine Patientin. Da sei sie mit starken Schmerzen vor seiner Praxis angekommen, „und er hat da zufällig gerade den Rasen gemäht und mich sofort mit reingenommen ...“

Und so menschelnde Geschichten über Dieter Molenda gibt es sicherlich zu Dutzenden.

Genau das ist eben das besondere an so einem Landarzt. Genau das gibt es eben auch immer seltener. Und genau deshalb ist der Wiepker auch besonders froh, dass es mit seiner Praxis so weitergehen wird, auch wenn er sich in Kürze in den Ruhestand verabschiedet.

Denn Molenda hat tatsächlich einen Nachfolger gefunden. Und der ist auch schon da. Seit April arbeitet sich Stefan Lazia ein, und am 7. Januar wird Dr. Molenda seinem jungen Kollegen dann die Praxisschlüssel endgültig in die Hand drücken, wird „nur noch“ Vermieter sein. Und Privatmann. Und Angler. Und „in Opa-Funktion“.

Allerdings, gibt er zu, müsse er wohl auch erst mal üben, dass der Beruf auch für einen Arzt nicht das ganze Leben ist.

Dass er das ganz entspannt angehen kann, dazu trägt aber ganz sicher auch die perfekte Übergabe bei, die in der kommenden Woche stattfinden wird. Denn dass das so klappt, ist nicht wirklich selbstverständlich in seinem Beruf. Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) habe man sogar „von einem Wunder“ gesprochen, erzählt Molenda lächelnd. Schließlich habe er sich zuvor jahrelang erfolglos über die Praxisbörse der KV und sogar über private Vermittler bemüht, einen Nachfolger zu finden.

Ein Tipp hatte ihn schließlich auf den jungen rumänischen Arzt im Gardeleger Altmark-Klinikum aufmerksam werden lassen, und mit seinem Anruf hatte er dann offensichtlich offene Türen eingerannt. Denn was Molenda da noch nicht weiß, ist, dass auch Lazia längst ein Auge auf die Estedter Praxis geworfen hatte. „Ich habe über den Buschfunk von dem guten Ruf gehört und auch, dass ein Nachfolger gesucht wird“, erzählt der 34-Jährige gut gelaunt. Auf der Rückfahrt von einem Einsatz im ambulanten Notdienst – neben dem Stationsdienst – habe er gemeinsam mit einem Rettungsassistenten dann sogar mal einen kleinen Schlenker gemacht, sei mit dem Auto an Dieter Molendas Praxis vorbeigefahren und quasi sofort gedacht: „Das wäre was für mich“, gibt er zu. Bei Molendas Nachfrage, ob er sich vorstellen könne, sein Nachfolger zu werden, habe er deshalb eigentlich auch gar nicht lange überlegen müssen.

Und daran hat sich seither nichts geändert. Mittlerweile haben sich die beiden Mediziner nämlich gut kennengelernt. Und man sieht ihnen an, dass sie sich mögen. Molenda sei als Landarzt ein großes Vorbild für ihn, sagt der dreifache verheiratete Familienvater, der seit 2013 als Arzt in Deutschland arbeitet und hier auch die Facharztprüfung zum Allgemeinmediziner abgelegt hat. Und nun freue er sich schon sehr auf seine neue beruflich Zukunft als Haus- und Landarzt.

„Aber an Adrenalin habe ich mittlerweile nun genug gehabt.“

Helfen werden ihm dabei ganz sicher seine Erfahrungen im Gardeleger Altmark-Klinikum – in den letzten 18 Monaten sogar in der Notaufnahme. Das sei spannend gewesen, „aber an Adrenalin habe ich nun mittlerweile genug gehabt“, sagt Lazia augenzwinkernd.

Und Dieter Molenda sieht sein Lebenswerk bei dem jungen Kollegen offenbar in guten Händen. „Man hat ja was aufgebaut. Deshalb ist das für mich eine große Befriedigung“, sagt er. Denn auch Molendas Praxisteam wird der junge Arzt übernehmen, neben den Patienten.

Die sind übrigens ebenfalls froh über die Entwicklung. Es sei „ein großes Geschenk, dass es hier weitergeht“, habe neulich eine Patientin zu ihm gesagt, freut sich der Landarzt.

Dass Lazia akzeptiert wird, ist auch an vielen kleinen Gesten zu merken. So musste sich Dieter Molenda in diesem Jahr die selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen von den Patienten schon mit seinem Kollegen teilen.

Aber vielleicht bekommt er dafür im nächsten Jahr auch mal ein paar von ihm ab. Denn „im Notfall“ könne er sich vorstellen, auch eine Vertretung zu übernehmen, verrät Molenda. Ganz so einfach ist es also wohl doch noch nicht mit dem Ruhestand ...