Magdeburg l Als am frühen Abend des 13. April 1945 ein trauriger Zug von KZ-Häftlingen die Reiter-Kaserne „Remonteschule“ in Gardelegen verlässt, ahnt kaum einer der Betroffenen, was ihm bevorsteht. Die Menschen, vor allem Kriegsgefangene aus Frankreich, Polen und der Sowjet-union, unter ihnen viele Juden, haben fast alle denkbaren Qualen hinter sich.

Vor den nahenden Allierten sind sie mit Zügen aus Konzentrationslagern, wie Hannover-Stöcken und Mittelbau Dora (Nordhausen), deportiert worden. Nach Bombardements auf Bahn-Gleise ging es auf Todesmärschen weiter. Dass die Menschen schließlich in Gardelegen ankamen – nicht mehr als ein Zufall in diesen letzten Tagen des in Auflösung befindlichen Dritten Reichs.

Doch noch geben in Gardelegen die Nationalsozialisten den Ton an. Die Häftlinge sollen den Weg zu einer nahen Feldscheune am Stadtrand antreten. Im Glauben nur ein weiteres Nachtlager aufzusuchen, fügen sich die Menschen. Bei allen Grausamkeiten der zurückliegenden Monate: Der näher kommende Geschützdonner der Amerikaner nährt bei vielen die Hoffnung, dass alles doch noch gut enden wird. Allein der Geruch von Benzin und die Zahl der Wachleute von Volkssturm, SS, Wehrmacht und Luftwaffe bei der Ankunft machen die Häftlinge stutzig.

Bilder

Ein Entrinnen aber gibt es ohnehin nicht. Als sich die Türen zur Scheune von außen schließen, werfen Wach-Schergen Brandsätze in die zusammengepferchte Menge. In dem mit benzingetränktem Stroh ausgelegten Gebäude folgt ein Inferno. Wem doch die Flucht gelingt, der läuft ins Feuer von Maschinengewehren.

Am nächsten Tag werden mehr als 1000 Menschen tot sein. Vom Ausmaß des Verbrechens schockiert, dokumentieren die Amerikaner die Ereignisse zwei Tage später bei ihrer Ankunft penibel.

Holocaust von Gardelegen

Einen Monat später, am 7. Mai, veröffentlicht das populäre Life-Magazine die Bilder in den USA. Das Massaker in Isenschnibbe bei Gardelegen – es geht als „Holocaust (altgriechisch: vollständig verbrannt) von Gardelegen“ in die amerikanische Geschichte ein.

Bis heute steht der Ort vor allem im Ausland wegen seiner Brutalität wie wenige für die NS-Verbrechen. Ein neues Besucherzentrum widmet sich den Geschehnissen vor 75 Jahren ab heute mit neuem Zugang.

Gut 4,3 Millionen Euro Landesgeld sind in Gebäude und Konzeption der Ausstellung in Trägerschaft der Gedenkstättenstiftung Sachsen-Anhalt geflossen. Heute wird der Neubau feierlich eröffnet. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wird teilnehmen. Der Volksstimme sagte er vorab:

„Nur wenige Überlebende konnten davon Zeugnis ablegen, wie SS- und Wehrmachtsangehörige und Zivilisten an jenem Abend des 13. April 1945 – die US-Truppen standen nur noch wenige Kilometer entfernt – mehr als tausend wehrlose, von Zwangsarbeit, Hunger, Kälte gezeichnete KZ-Häftlinge in die Feldscheune von Gut Isenschnibbe trieben und diese in Brand steckten.“

Und weiter: „Die Täter müssen gehört haben, wie die Verzweifelten in der Scheune um Hilfe riefen, auf Russisch, Polnisch, Französisch, Holländisch, Ungarisch, Italienisch. Sie müssen gehört haben, wie sie schrien. Wie sie beteten. Die Mörder kannten kein Erbarmen. Es ist wichtig, dass wir uns erinnern. Dass wir die Erinnerung wachhalten an Verbrechen, von denen – bis heute – viele Deutsche nichts wissen.“

Panorama-Fenster und schlichter Beton

Das neue Besucherzentrum erinnert nun mit einem einzigartigen Zugang an das Massaker von Gardelegen. Dabei bleibt wenig dem Zufall überlassen. Bereits das längliche Gebäude, errichtet aus schlichtem Beton, erstreckt sich parallel zu jenem Weg, auf dem die Häftlinge 1945 aus der Stadt zogen.

Mit Panorama-Fenstern stellt das Haus dabei von Anfang an und immer wieder Bezüge zum Geschehen einst, vor den Fenstern, her. So blickt der Besucher schon am Eingang auf die zu DDR-Zeiten zum Ort sozialistischen Gedenkens gestaltete Restmauer der Feldscheune und auf das Gräberfeld mit seinen gut 1000 Kreuzen. Roter Faden aber ist der Weg durch die Ausstellung: Dem Zug der Häftlinge nachempfunden, nähert sich der Besucher auf einem 68 Meter langen Flur räumlich und zeitlich den Ereignissen an.

Dabei berichten Karten zunächst von der Lage an den Fronten 1944/45 und der Räumung ferner KZ, wie dem Vernichtungslager Majdanek in Ostpolen. Erst später rückt der Fokus nach Mitteldeutschland, wo sich im April 1945 die Spitzen von Roter Armee und US-Armee auf beiden Seiten der Elbe gegenüberstehen.

Ein eigenes Kapitel widmet sich auch Gardelegen – einem Ort wie vielen –, der schon in der Zeit weit vor dem Verbrechen vom Einfluss der Nationalsozialisten geprägt war. Der Besucher erfährt etwa, dass 1933 zwei Drittel der Gardelegener die NSDAP wählten (deutschlandweit 43,9 Prozent).

Er kann einen mit „Rassenschande“ überschriebenen Zeitungs-Artikel lesen, der über die Ehe eines Juden mit einer Deutschen hetzt. Und er erfährt, dass bis 1942 alle 65 Mitglieder der jüdischen Gemeinde deportiert, ermordet wurden oder flüchten mussten. Die Botschaft: „Ausgrenzung gab es in Gardelegen auch vor 1945 schon“, sagt Gedenkstättenleiter Froese. Das heißt aber keineswegs, dass daraus zwangsläufig die Ereignisse in der Feldscheune folgten.

Zeichnungen statt Bilder

Deutlich wird das vor allem im Kernstück der Ausstellung, die auch mangels Original-Bildmaterial in reduzierten Zeichnungen über die Ereignisabfolge berichtet. „Immer wieder sind an kritischen Wegpunkten orangefarbene Felder eingefügt, die zeigen, wo Deutsche sich für oder gegen die Mitmenschlichkeit entscheiden konnten“, sagt Froese.

Für ihn eine der Stärken der Konzeption. Eine Szene etwa zeigt, wie Wachmannschaften ihr Gewehr auf Flüchtende richten, nachdem ein Zug stoppen musste. „Drückten die Wächter ab, zielten sie daneben oder schossen sie gar nicht? Solche Entscheidungen konnten Deutsche damals treffen“, sagt Froese.

Die Darstellungen halten sich dabei so nah wie möglich an historische Fakten, sagt der Leiter. So seien Erschießungen von Häftlingen bekannt, aber auch Hilfe von Deutschen für Häftlinge, etwa im Dorf Mieste. Am Ende geht die Ausstellung schließlich auch der Frage nach, was aus den Tätern wurde. Der Hauptverantwortliche NSDAP-Kreisleiter Gerhard Thiele lebte bis zu seinem Tod im Jahr 1994 unbescholten unter falschem Namen in Düsseldorf. Mit der peniblen Dokumentation der Erkenntnisse zur Tat hatten die US-Truppen eigentlich die Grundlage für einen Prozess liefern wollen. Doch er kam nie zustande.

Heute wird die Ausstellung nun feierlich eröffnet, wegen der Pandemie nur vor geladenen Gästen. Ab 17. September ist sie dann auch für alle anderen Besucher zugänglich. Erwartet wird neben Bundespräsident Steinmeier, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff und Botschaftsvertretern etwa aus Israel, Polen und Belarus auch Julia Hozakowska, Konsulin für Politik und Wirtschaft im US-Generalkonsulat. Leipzig.

Nach der Entdeckung des Massakers hatte ein Oberst der US-Truppen die Gardelegener noch wissen lassen: „Sie haben die Achtung der zivilisierten Welt verloren.“

Julia Hozakowska sagte nun: „Es war ein US-General, der 1945 einen Ehrenfriedhof anlegen ließ, um das Andenken an die Opfer des Massakers zu bewahren.“ Es freue sie, dass der Auftrag bis heute weitergeführt wird. „Nur wenn wir uns an die Vergangenheit erinnern, können wir dafür sorgen, dass wir ihre Fehler nicht wiederholen.“

Die Eröffnung wird am Dienstag ab 13 Uhr übertragen, auf dem Youtube-Kanal von sachsen-anhalt.de und auf phoenix.de.