Krügerhorst l Sogar ihre allererste Erinnerung hat was mit Pferden zu tun. „Ich saß auf unserem Trainingspferd in Gardelegen“, erzählt Antonia. „Da muss sie ungefähr zwei gewesen sein“, ergänzt ihrer Mutter Jeanine Ritter. Woher die Liebe ihrer Tochter zu den großen Vierbeinern kam, kann sich die 36-Jährige zwar nicht erklären. Dass sie ganz früh anfing, steht aber fest: „Eines ihrer ersten Worte war ‚Pferdchen‘. Und da sind wir dann mit ihr eben mal in die Gardeleger Reithalle gefahren.“

Erst natürlich nur zum Gucken und Streicheln. Weil die damals Zweijährige damals aber so gar keine Angst vor Pferden hat, darf sie auch schon mal beim Putzen helfen. Bald wird sie im Stall zum Maskottchen der Reiter. Wo Pferde waren, war auch Antonia zu finden.

Dreijährige beim Führzügeltrai

Mit gerade drei Jahren darf sie beim Führzügeltraining mitmachen, sitzt bei den Schaubildern zum Vereinsturnier auf dem Pferderücken. Mit sieben klettert sie beherzt auf dem Voltigierpferd Lotte herum, startet zu den ersten Führzügelturnieren und gewinnt die ersten Preise.

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Als der Brief der FN bei ihr eintrifft, ist sie zehn Jahre alt. Das ist die Deutsche Reiterliche Vereinigung – nach ihrer internationalen Bezeichnung Fédération Equestre Nationale auch kurz FN genannt –, der Dachverband aller Züchter, Reiter, Fahrer und Voltigierer in Deutschland und mit rund 7600 Vereinen und fast 700 000 Mitgliedern der achtgrößte deutsche Sportverband. Und der will Antonia fördern. Bietet ihr an, künftig in einer der Spezialklassen für Reitsport an der Prinz-von-Homburg-Schule in Neustadt (Dosse) zu lernen und sich dort neben dem normalen Schulbetrieb auf den hervorragenden Anlagen der Stiftung Brandenburgisches Haupt- und Landgestüt grundlegend in Theorie und Praxis des Reitens ausbilden zu lassen.

Dass Antonia gar nicht erst überlegt, ist klar. Zumal sie die Vorprüfung, eine Mischung aus Dressur- und Hindernisreiten, mit der Note 7,2 sofort besteht. Für die Familie ist das aber natürlich kein leichter Schritt. Nicht nur, dass die Elfjährige dann in einem Internat leben und maximal am Wochenende nach Hause kommen kann, spielt bei der Überlegung eine Rolle, auch die Kosten wollen bedacht werden. Denn neben den Internatskosten, der Verpflegung und der Pferdebox muss ein Schulgeld bezahlt werden. Und vom Altmarkkreis Salzwedel gibt es dafür keinerlei finanzielle Unterstützung, so wie zum Beispiel im Landkreis Stendal, in der Stadt Rathenow oder im gesamten Bundesland Brandenburg.

Doch wer ein solches „Pferdemädchen“ in der Familie hat, wie die Ritters in Jävenitz, der überlegt schließlich nicht lange. Antonia wird angemeldet – und hat das bis heute nicht bereut, auch wenn ihr Alltag sich von dem anderer Teenager ihrer Altersklasse in vielem unterscheidet.

Unterricht: Ab 7.30 Uhr Reiten

Früh morgens, wenn um 7.30 Uhr der Unterricht in der Gesamtschule beginnt, steht bei Antonia nämlich schon mal Reiten auf dem Plan. Sogar manchmal schon in den ersten drei Stunden. Insgesamt sind es zweimal Dressur, einmal Springen und einmal Stangenarbeit – zusätzlich zum ganz normalen Unterrichtspensum, das Siebtklässler absolvieren müssen. Und auch da muss Antonia gut sein. Schließlich will sie hier in ein paar Jahren ihr Abitur machen.

Außerhalb des Unterrichts muss die 14-Jährige deshalb natürlich auch lernen und sich um ihr Pferd kümmern. Einmal wöchentlich findet unter der Anleitung ihrer Klassenlehrerin und Landestrainerin Nathalie Jacky zudem ein außerschulisches Training auf der Anlage des brandenburgischen Landgestütes statt.

Und zwar seit diesem Schuljahr auf Caesar. Seither ist der Wallach nämlich Antonias Pferd, auch wenn er ihr „noch“ nicht gehört.

Hannoveraner als Leihgabe

Der schmucke Hannoveraner ist eine kostenlose Leihgabe. Ein Züchter aus Frankfurt am Main hat ihn ihr im vergangenen Jahr zur Verfügung gestellt. Hintergrund: Ab der neunten Klasse muss jeder Schüler der Spezialklasse ein eigenes Pferd mitbringen. Das hatte Antonia zwar schon ab der siebten Klasse, doch ihr Reveal war nicht im L-Spingen ausgebildet, wie es ab der Klassenstufe neun gefordert wird. Und so hatten die Ritters einfach inseriert auf ebay-Kleinanzeigen, tatsächlich auch mehrere Angebote erhalten und sich am Ende für Caesar entschieden.

Dass er eine gute Wahl war, weil sich beide so richtig sympathisch sind, zeigen schließlich auch Antonias Erfolge. „Denn natürlich steht und fällt alles mit dem Pferd, das du reitest“, versichert die 14-Jährige, die mittlerweile auch längst weiß, was sie will, reitsporttechnisch gesehen: nämlich im Vielseitigkeitssattel sitzen.

Im Vierkampf mit Schwimmen, Laufen, Dressur und Springen, ist sie nämlich bereits sehr erfolgreich. So wurde sie 2017 Dritte bei der Kreismeisterschaft im brandenburgischen Freienstein und holte mit ihrer Mannschaft im bayerischen Arnsbach den sechsten Platz bei der Deutschen Meisterschaft.

Late Entry bei Ludger Beerbaum

Ihr persönliches Highlight im vergangenen Jahr war allerdings das internationale Late Entry im Stall von Starreiter Ludger Beerbaum, bei dem sie den siebten Platz im Springen holte. Und das unter immerhin 33 Startern.

Dem vorangegangen war übrigens auch ein dreitägiges Training im berühmten Turnierstall des Spitzensportlers im westfälischen Riesenbeck, bei dem Beerbaum selbst natürlich auch vorbeischaute.

Für dieses tolle Erlebnis hatte sich Antonia zuvor auf mehreren Turnieren qualifiziert.

Zudem gehört die 14-Jährige seit Dezember 2016 offiziell zum Landeskader im Vierkampf. Das heißt, sie repräsentiert bei allen Turnieren, an denen sie teilnimmt, das Land Brandenburg/Berlin. Mittlerweile hat die ganze Familie ihrem Pferdemädchen zuliebe den Hauptwohnsitz nämlich nach Brandenburg verlegt.

Nebenwohnsitz in der Heimat

Dennoch ist und bleibt die erfolgreiche Nachwuchsreiterin ihrer altmärkischen Heimat treu. Immerhin ist sie hier aufgewachsen. Auch der Nebenwohnsitz der Familie liegt immer noch hier: Bei Antonias Großeltern in Krügerhorst.

Beim jüngsten Reit- und Spingturnier 2017 in Gardelegen war sie natürlich ebenfalls dabei, trat im A-Springen an. Und hier in der Altmark steht schließlich auch Reveal, Antonias erstes Pferd, neben weiteren. Denn auch Oma Grit Steinig und Antonias Tante, Sarah Seiler, sind absolute Pferdenarren, planen auf dem eigenen Hof sogar eine Reittherapie.

Und so fühlt sich Antonia in Krügerhorst natürlich genau so wohl wie in Neustadt, und eigentlich überall, wo es nach Pferden riecht.

Wie es – sportlich gesehen – weitergeht, weiß die 14-Jährige übrigens auch schon: In diesem Jahr will sie nämlich auf jeden Fall die ersten Wettkämpfe im M-Springen absolvieren. Trainiert wird derzeit schon fleißig. Spätestens 2020 soll es dann bis zum L-Springen reichen. Was ab 2021 passiert, wenn Antonia ihr Abitur in der Tasche hat, weiß sie zwar noch nicht ganz genau – das kommt auch darauf an, wie es sportlich mit ihr weitergeht. Ganz sicher wird es beruflich aber „was mit Pferden“ werden. Was auch sonst?