Gardelegen l Wer als Laie das Wort Notar hört, dem fällt vermutlich als erstes der Begriff Testament ein. Dabei ist das Erbrecht nur ein Teil der Arbeit, die ein Notar leistet. Allerdings ist es tatsächlich auch der Teil, der Elfi Pfennigsdorf am besten gefällt. Das war schon in der Ausbildung so.

Dabei hätte ihr 1977 als frisch gebackener Diplomjuristin nach ihrem Studium an der Berliner Humboldt-Universität auch der Weg ins Richteramt oder eine Karriere als Anwältin offen gestanden. Das aber wollte sie nie. Vielleicht lag das auch an der ersten Verhandlung, bei der sie damals in ihrem Praktikum dabei war: „Es ging um einen versuchten Grenzübertritt bei Böckwitz“, erzählt sie. „Ich dachte nur: Darüber möchtest du nie urteilen ...“

Ausbildung lag ihr

Die Ausbildung in Sachen Erbrecht dagegen lag ihr: „Ich wusste gleich: Das ist meins.“ Und so gingen mit der zufällig freien Notarstelle in Gardelegen gleich nach ihrem Studium auch zufällig zwei Wünsche in Erfüllung: Der Traumberuf und der Traumarbeitsort. Denn Pfennigsdorf ist auch mit Leib und Seele Altmärkerin. „Ich bin in Schwiesau geboren, hier geblieben und habe sogar einen Schwiesauer geheiratet“, verrät sie schmunzelnd.

Und so passt Ende der 1980-er Jahre auch erst einmal alles prima ins Konzept. Als angestellte Notarin im Staatlichen Notariat – damals waren die dem jeweiligen Bezirksgericht unterstellt – hat sie ihr Büro im alten Amtsgericht Ecke Bahnhofstraße/Bornemannstraße. Am 20. April 1978 bekommt sie ihre Urkunde und ist damit offiziell Notarin.

Allerdings seien die zu DDR-Zeiten unter den Juristen „eher das letzte Rad am Wagen“ gewesen, erinnert sie sich. Die Mangelwirtschaft war auf dem Höhepunkt. Papier gab es nur in schlechter Qualität, einmal sogar so schlecht, dass es zurückgerufen werden musste, weil es die Aufbewahrungszeit nicht ausgehalten hätte. Urkunden für mehrere Beteiligte müssen auf der Schreibmaschine getippt werden – bei Abschriften von Testamenten sogar „buchstabengetreu samt aller Rechtschreibfehler“ – und können sie nur mit Blaupausen vervielfältigt werden. Kopierer gibt es keine.

Dass sie sich schon zu EOS-Zeiten selbst das Maschineschreiben mit zehn Fingern beigebracht hat und sogar Steno kann, kommt ihr dabei wirklich sehr zugute. Dennoch hat sie gut zu tun. Zeitweise hilft eine Notariatsangestellte.

Zwei Jahre lang

Ab 1988 sind sie dann zu dritt, müssen neben dem Bereich Gardelegen nach der Auflösung des Kreises Kalbe gemeinsam mit der Kalbenser Notarkollegin aber auch diesen Bereich mitbetreuen. Zwei Jahre lang.

Denn dann kommt die Wende. Und mit ihr, mitten in der Unsicherheit und den großen Veränderungen, die Chance auf eine Freiberuflichkeit. „Ich hatte tierische Angst“, gibt Elfi Pfennigsdorf heute unumwunden zu, „wie vor einem Sturz in sehr kaltes Wasser“. Nicht die Arbeit ist es, die sie scheut, es sind die vielen neuen Vorschriften.

Dass sie die Chance ergreift, dafür sorgt dann letztendlich auch ihr Mann: „Er hat gesagt: Wenn du jetzt ablehnst, fragt dich vielleicht nie wieder jemand.“ Das habe den Ausschlag gegeben.

Doch ihr beruflicher Start in die Selbstständigkeit hat zunächst – wie überall – wenig zu tun mit den versprochenen blühenden Landschaften im Osten. Zunächst wird ihr eine unsanierte Wohnung im heutigen Reutterhaus angeboten. Mit Ofenheizung. Das lehnt sie dankend an. Ihre ersten Büroräume, die ihr Beziehungen ihres Mannes verschaffen, bezieht sie dann im Altneubaublock des einstigen VEB-Kreisbaubetriebes. Zwei Räume inklusive Gemeinschaftstoilettennutzung. Sie sind vollkommen leer, statt einer Küche gibt es nur eine Abwaschschüssel. Und die Urkunde, die „das Ministerium schnell zurechtgebastelt“ hat, sieht aus wie eine Fälschung. Aber zumindest bekommt die neue Gardelegener Notarin eine eigene Telefonnummer, denn auch das ist zu dieser Zeit längst nicht selbstverständlich. „Und die habe ich heute noch“, sagt Elfi Pfennigsdorf stolz.

2000 Urkunden jährlich

Seither ist sie in Gardelegen die Ansprechpartnerin für alle, die was zu vererben, zu beurkunden, zu verschenken oder zu vereinbaren haben. Vorsorgevollmachten, Grundstückskauf- oder Eheverträge, Scheidungsfolgevereinbarungen oder Testamente – über 2000 Urkunden jährlich gehen durch ihre Hände. Und das, so versichert Elfi Pfennigsdorf, „ist kein bisschen langweilig“. Dafür sorgen schon die Menschen, mit denen sie täglich zu tun hat.

Denn schließlich sitzen nicht nur die Braven vor ihr. So manche dreiste Lüge muss sie sich in ihrem Büro anhören. Von versuchter Schwarzgeldvereinbarung über Erbschleicherei bis Betrug reichen die Straftaten, die sich in den bei ihr vorkommenden Angelegenheiten widerspiegelten. Den einen oder anderen Fall kann sie sogar aufdecken, manchmal Schlimmeres verhindern.

Irgendwelche halbseidenen Verträge waren mit ihr in den vergangenen über 40 Jahren übrigens nicht zu machen. Sie habe mal ein schönes Kompliment gehört, erzählt Pfennigsdorf: „Derjenige saß bei mir und hat gesagt: Ich hätte den Ruf, dass, wenn man was machen will, was nicht koscher ist, lieber nicht zu mir kommt.“ Das hat sie gefreut. „Mein Anspruch war immer, es so ordentlich wie möglich zu machen.“

Arbeit in der Heimat hat Vorteile

Viele haben das honoriert: Manchmal gehörten nach den Großeltern auch die Eltern und schließlich die Kinder einer Familie zu ihren Kunden. Die Arbeit in der Heimat habe eben viele Vorteile, ist Pfennigsdorf überzeugt: „Wenn man so lange hier ist, in der Region verwurzelt und die Leute kennt, dann weiß man vieles.“ Auch, dass es bei Themen wie Tod oder Scheidung eben nicht immer sachlich zugeht: „So manches Mal musste ich auf den Tisch hauen und für Ruhe sorgen“, erzählt sie. „Eigentlich hatte ich jeden Tag meinen Krimi im Büro.“

Der spielt zuweilen auch im Erbrecht. In der Regel sei vieles ja klar, so Pfennigsdorf, „aber es gibt eben immer die berühmte Ausnahme“. Nicht umsonst sei „Es kommt drauf an“ der Lieblingsspruch aller Juristen.

Und das betrifft auch Testamente. Die kann man eben manchmal nicht einfach selber schreiben. Dafür ist das Thema viel zu komplex. „Das wäre, als ob ich mir ein medizinisches Fachbuch kaufe und denke, wenn ich das gelesen habe, kann ich mir selbst den Blinddarm rausnehmen.“

Hilfe gegeben

„Meine Frau erbt mein Haus“, habe zum Beispiel mal in einem der Testamente gestanden, das für großen Kummer sorgte. Alles richtig, handgeschrieben, unterschrieben, datiert. Nur hatte der Verstorbene nicht erklärt, wer sein restliches Vermögen erbt. Plötzlich seien neben der Ehefrau und deren Kindern weitere Kinder aus der ersten Ehe aufgetaucht. Laut Erbschein wurden sie zur Erbengemeinschaft. So hatte das der Erblasser nicht gewollt.

Nicht selten hört sie dann den Satz: „So, Frau Pfennigsdorf, jetzt lassen sie sich mal was einfallen. Sie kennen doch die Lücken im Gesetz!“

Und ja, zuweilen habe sie helfen können, erzählt die Juristin. So mancher Fehler sei aber nicht mehr zu beheben. Dann hilft oft nur noch ein Kompromiss. „Vertrag kommt schließlich von Vertragen.“ Und genau das ist es, was sie an ihrem Job so mag: „Als Anwalt kämpft man nur für eine Seite. Als Notar ist man für alle da. Und das, was wir machen, wird ‚ewig‘ aufbewahrt.“

Eine kleine Ewigkeit hat Elfi Pfennigsdorf die Altmärker nun auch schon begleitet. Ruhestand, so ganz ist der irgendwie noch nicht bei ihr angekommen.

Froh ist sie darüber, dass es weitergeht in ihrem Büro. Notarin Katharina Trensch wird ab dem 1. Februar das Notaramt in Gardelegen ausüben. Elfi Pfennigsdorf kann sich gut vorstellen, mal eine Urlaubsvertretung für sie zu übernehmen.

Ansonsten hat sie sich auch schon einiges vorgenommen. Sie mag zum Beispiel schöne Dinge. Das ist auch in ihrem Büro nicht zu übersehen. Ja, Innenarchitektin zu sein, das hätte sie sich auch vorstellen können. Gestalten ist neben Lesen eines ihrer Hobbys. Und dafür hat sie demnächst deutlich mehr Zeit.

Und dafür hat sie sich schon mal einen Terminkalender gekauft. „Einen sehr schönen.“