Gardelegen l  Nach libanesischem Recht sind sie sogar verheiratet. Nur nach deutschem Recht ist das so kompliziert, dass sich Adnan Fadel nun entschlossen hat, einen Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft zu stellen. Sein Lebensweg ist so bewegt, dass er ein Buch darüber schreiben könnte. „Wir haben sogar tatsächlich überlegt, ob wir das alles mal aufschreiben sollen“, sagt Juliane Schmidt. Sie sitzt neben Adnan in ihrer gemeinsamen gemütlichen Küche in Gardelegen. Hier wohnen die beiden schon einige Jahre, haben eine vierjährige Tochter zusammen. Beide arbeiten als Tanzlehrer in einer Salzwedeler Tanzschule, ihr Alltag ist der eines ganz normalen deutschen Paares. Normal ist für die beiden jungen Leute allerdings auch ein schon Jahre dauernder Kampf mit den Behörden.

Für Adnan, den alle Eddi nennen, begann er vor 15 Jahren. Als Sohn eines Libanesen und einer liberianischen Mutter verschlug es den damals 23-Jährigen in diesem Jahr nach Europa. Sein Traum sei es allerdings gewesen, in die USA auszuwandern, erzählt Eddi. Dort wollte er als Kampfsportler oder Tänzer Karriere machen. Doch als er 2002 seine Mutter in Liberia an der westafrikanischen Atlantikküste besucht und zeitweise auch im Nachbarland, der Elfenbeinküste arbeitet, gerät er mitten in den Bürgerkrieg. „Da musste ich weg“, sagt er. Er folgt einem Schlepper, der ihm einen Flug nach Paris besorgt. Dort steigt er aus, ist er einer unter vielen. Sein erster Aufenthaltsort in Frankreich ist ein sogenanntes Auffanglager, gleich neben dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle. Mit teilweise drastischen Methoden versuche man dort, Flüchtlinge zur Rückkehr zu bewegen, erzählt Eddi. Ihm gelingt es allerdings, zu bleiben.

Erst Asylantrag, dann Duldung

Mit dem Zug fährt er schließlich von Paris nach Berlin. Hier hat er Verwandte. Die raten ihm, einen Asylantrag zu stellen. Und schließlich bekommt er eine Duldung,und kann zunächst bleiben - wird nach Halberstadt geschickt und von da aus dort nach Stendal. Dort versucht er schließlich, wieder etwas Normalität in sein Leben zu bringen. Er nimmt einen Ein-Euro- Job als Hausmeister in einer Schule an. Ein Jahr darf er dort arbeiten, kommt gut klar. Dann darf er nicht weitermachen, weil die Arbeitserlaubnis nach 12 Monaten nicht mehr verlängert werden kann.

Um seine Freizeit sinnvoll auszufüllen, meldet sich Eddi schließlich in einer Karateschule an, um nicht aus dem Training zu kommen. Doch eine echte Wende bringt erst ein Zufall: Freunde nehmen ihn mit zum Tanzen. Und dort wird allen schnell klar, wie perfekt er sich bewegen kann. Für eine Gruppe junger Leute wird er zum privaten Tanzlehrer. „Ich habe mir Choreografien ausgedacht und sie erklärt“, erzählt Eddi. Doch eigentlich will er richtig arbeiten. Eine wirklich clevere Mitarbeiterin des Roten Kreuzes hilft ihm dann schließlich, eine Bewerbung zu schreiben. Thomas Müller, Leiter der Salzwedeler Tanzschule ist auch interessiert, trifft sich mit dem jungen Libanesen und stellt ihn nach einem Probetraining vom Fleck weg ein. Endlich hat Eddi eine feste Arbeit. Doch dann wird ihm plötzlich die Arbeitserlaubnis entzogen. Schließlich ist er immer noch nur geduldet in Deutschland.

Abschiebung droht, aber Freunde helfen

Und dann droht ihm sogar die Abschiebung. Freunde, Tanzschüler, die Kollegen sammeln Unterschriften und sorgen so vermutlich dafür, dass er doch bleiben kann. In der Stendaler Ausländerbehörde sei diese Aktion aber offenbar nicht so gut angekommen. Von da an kann er viele Forderungen der nicht mehr nachvollziehen. So habe er damals als einziger Bewohner seiner Wohngemeinschaft in der Flüchtlingsunterkunft eine Zimmermiete zahlen müssen. „260 Euro im Monat. Dafür hätte ich eine eigene Wohnung finanzieren können. Ausziehen durfte ich dort aber nicht“, obwohl er damals längst mit seiner Freundin Juliane zusammen ist.

Doch all diese Geschichten sind nun zum Glück endlich Geschichte. Mit Juliane wohnt Adnan in Gardelegen. Er hat einen dauerhaften Aufenthaltsstatus, nicht nur, weil sie beide mittlerweile seit vier Jahren Eltern sind - Anaya ist vier. Beide sind als Tanzlehrer in einer renommierten Salzwedeler Tanzschule angestellt. Dort haben sich die zwei übrigens auch kennengelernt. Sie fand ihn sofort toll. Er brauchte ein bisschen länger. „Eigentlich dachte ich immer, es ist besser, wenn ich jemanden aus meinem Land heirate, sagt Eddi und lacht. Denn längst ist ihm klar geworden, dass Liebe eben doch nicht an Ländergrenzen halt macht.

Tochter liebt den Libanon

Und auch seine Familie, die die beiden gemeinsam mit Tochter Anaya schon im Libanon besucht hat, hat die neue Schwiegertochter sofort ins Herz geschlossen. „Als wir wieder nach Hause geflogen sind, hat sie mehr geweint als ich“, sagt Adnan, und schaut seine Frau zärtlich an.

Und so steht für das Paar irgendwann auch fest: Wir wollen heiraten. Den Heiratsantrag wird Juliane Schmidt nie vergessen: Es war bei einer deutschen Meisterschaft im HippHopp - dort haben viele Schüler von Adnan übrigens auch schon beachtliche Preise geholt - hatte er vor hunderten Besuchern das Mikro genommen und sie gefragt. „Das ist sonst gar nicht seine Art“, sagt sie schmunzelnd. Und natürlich hat sie ja gesagt. Sie hatte es ja ohnehin gleich von Anfang an gewusst.

Hochzeit vor dem Imam

Den ersten Schritt, eine religiöse Hochzeitszeremonie vor einem Iman in Berlin- für ihn ist es der übrigens der wichtigste - machen sie dann im vergangenen Jahr. Nun sollte ihr Glück auch vor einem deutschen Standesamt besiegelt werden. Doch das ist nicht so einfach. Denn Eddi braucht dazu ein Ehefähigkeitszeugnis. „Und so etwas existiert im Libanon so gar nicht“, erklärt Juliane Schmidt. Zwar gibt es eine ähnliche Bescheinigung. Die allerdings muss erst mal angefordert werden, dann muss sie von einem Anwalt beglaubigt und später vom Oberlandesgericht bestätigt und als ausreichend anerkannt werden. Das alles ist nicht nur teuer, es kann Monate dauern.

Und ein bisschen habe auch sie gestaunt, erzählt Juliane Schmidt. Denn sie sei in der Behörde als erstes gefragt worden, ob sie sich denn über eine Hochzeit mit einem Libanesen auch genügend Gedanken gemacht habe. Es gebe schließlich noch Steinigungen im Libanon, zudem könnten Männer dort bis zu vier Frauen heiraten. „Ich kam mir vor wie eine, die einen Terroristen heiraten will“, sagt sie.

Staatsbürgerschaft beantragt

Aufgeben oder auf ihre Hochzeit verzichten wollen die zwei aber trotz aller Hürden und Unkenrufe auf keinen Fall. Allerdings werden sie nun einen anderen Weg gehen. Ursprünglich habe er das nicht geplant, sagt Eddi, doch nun habe er sich entschieden, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen. Die Papiere sind schon abgegeben. Die Hürden davor – Einbürgerungstest, Deutschprüfung, eine feste Stelle, werden für den jungen Papa, der schließlich schon seit gut 15 Jahren in Deutschland lebt, wohl gut zu überwinden sein.

Und so wird Deutschland – der Liebe wegen - wohl in absehbarer Zeit einen neuen Deutschen mehr haben. Und das ist auch gut so. Denn ohne den temperamentvollen Tanzlehrer aus dem Libanon wäre die Altmark vielleicht auch ein ganz kleines bisschen grauer.