Drogen- und Suchtberatung

Suchtberatung in Gardelegen: Mehr Rückfälle in Corona-Zeiten

Von Stefanie Brandt
In der Corona-Krise greifen Menschen öfter zum Alkohol. Auch im Altmarkkreis Salzwedel gab es Rückfälle unter langjährigen Gruppenmitgliedern. Foto: Tobias Hase/dpa
In der Corona-Krise greifen Menschen öfter zum Alkohol. Auch im Altmarkkreis Salzwedel gab es Rückfälle unter langjährigen Gruppenmitgliedern. Foto: Tobias Hase/dpa Foto: Tobias Hase/dpa

Gardelegen

Drei Gruppen für Suchtkranke werden in Gardelegen normalerweise von der Awo angeboten: die für Menschen mit Alkohol- und/oder Medikamentenabhängigkeit, die der Drogenabhängigen und die Gruppe der alkoholabhängigen Frauen.

Juliane Ensminger, die die Drogen- und Suchtberatungsstelle der Awo in Gardelegen leitet, erklärt, dass es bei den Alkoholabhängigen vor Pandemiebeginn auch schon 22 Leute gewesen seien, die sich dort regelmäßig einmal in der Woche getroffen hätten. Dass es eigentlich keine Lösung ist, diese Gesprächsrunden einfach ausfallen zu lassen, hat sich bereits gezeigt.

Kontakte sind wichtig

„Die Klienten brauchen den Kontakt“, weiß Ensminger. Kollegen aus Salzwedel hätten ihr berichtet, es gebe mehr Rückfälle, auch unter langjährigen Mitgliedern der Gruppen, seit Pandemiebeginn, wenn die Gruppentreffen nicht stattfinden konnten. „In Gardelegen haben wir auch ein paar Mitglieder verloren. Ob sie nach der Pandemie wiederkommen, weiß man nicht“, so Ensminger.

Die Treffen bei der Awo werden therapeutisch begleitet. Sie seien in jedem Falle wichtig für die Mitglieder. Es gehe um Kontakte, gemütliches Kaffeetrinken und dabei ein paar Kekse zu essen und miteinander zu reden.

Manche nervt es zusehends

Ist denn Corona überhaupt ein Thema für die Suchtkranken? „Einige merken es fast gar nicht, weil sie sowieso eher zurückgezogen leben. Aber es gibt auch die Menschen, die viel verreist sind und unterwegs waren, Hobbys nachgingen und viel soziale Kontakte pflegen, und die nervt es jetzt zusehends“, weiß Ensminger.

Das sei auch in den Einzelberatungen deutlich zu spüren und erschwere die Arbeit der Berater. „Es ist schwieriger geworden, Alternativen zum Konsum zu finden. Die Unsicherheit, wie es weitergeht, ist größer geworden unter den Klienten.  Früher haben wir gefragt: Ja, wie können Sie Ihre Freizeit denn schön füllen? Da müssen wir jetzt mit Vorschlägen noch viel kreativer werden. Das ist auch für uns sehr schwierig, denn Freunde treffen, Kino und so weiter – das ist ja alles nicht möglich“, gibt die Leiterin der Beratungsstelle zu.

Alkoholprobleme häufen sich

Tatsächlich könnte aufgrund dieser Umstände die Zahl, zum Beispiel der Alkoholkranken, zunehmen. Laut einer Studie mit dem Thema „Psychische Gesundheit in der Krise“ der pronova BKK, einem Träger der gesetzlichen Krankenversicherung in Deutschland aus der Gruppe der Betriebskrankenkassen, stellten sechs von zehn Therapeuten bei ihren Patienten häufiger Alkoholprobleme fest.

Für die Studie wurden 154 Psychiater und Psychotherapeuten in Praxen und Kliniken befragt. Laut der „Global Drug Survey“ (Weltweite Drogen-Umfrage) hat der weltweite Alkoholkonsum signifikant zugenommen. Für die internationale Studie wurden im Mai und Juni 2020 insgesamt 58?811 Personen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Österreich, in den Niederlanden, der Schweiz, Australien, Neuseeland, Brasilien und in den USA befragt. Davon erklärten 43 Prozent, häufiger Alkohol getrunken zu haben, 36 Prozent gaben an, mehr Alkohol konsumiert zu haben.

Als häufigste Gründe wurden angegeben: „mehr Zeit dafür zu haben“ (42 Prozent) oder schlicht „aus Langeweile“ zu trinken (41 Prozent). Einige wollten mit dem Alkohol Ängste und Sorgen kompensieren, die die Corona-Krise bei ihnen ausgelöst hat.

Wer sich Sorgen macht, kann sich melden

Ob all diese Menschen dann auch gleich bei der Suchtberatung landen würden, zweifelt Ensminger aber noch an. „Zwischen der Einsicht, ich trinke viel, und dem Schritt, ich lasse mich beraten, vergeht meist viel Zeit.“ Oft kämen davor erst noch der Führerscheinverlust, der Arbeitsverlust und das Verlassenwerden durch den Partner.

Aus diesem Grund möchte Juliane Ensminger alle ermutigen, unverbindlich einen Kontakt zur Suchtberatung herzustellen, die sich Sorgen um ihren Konsum von Alkohol, Drogen oder um ein Spielverhalten machen, welches besorgniserregender wird in der Pandemie. Dies geht per Telefon, Videokonferenz oder per Mail. Auch anonyme Beratungen sind möglich. Es braucht keine Überweisung, die Mitarbeiter der Suchtberatung unterliegen der Schweigepflicht.