Gardelegen l Nicht jeder, der einen Menschen anzeigt, meint es böse. Das musste ein 40-Jähriger aus einem Gardeleger Ortsteil einsehen, als er sich im August vergangenen Jahres spätnachts betrunken hinters Steuer setzte. Eine Nachbarin hatte ihm angedroht: „Wenn du in dem Zustand losfährst, rufe ich die Polizei.“

„Ich wollte halt wissen, ob sie es wirklich tut“, rechtfertigte der gebürtige Stendaler seine Trunkenheitsfahrt vor dem Gardeleger Amtsgericht. Er fuhr mit seinem Opel Corsa über eine Landstraße bis zur Kreuzung der B 188, wendete dort, fuhr ein Verkehrsschild um und kehrte wieder zurück.

Blutprobe ergibt 1,84 Promille

Zu Hause musste er dann feststellen, dass die Nachbarin ihre Drohung wahrgemacht hatte: Die Polizei nahm ihn fest. Die Blutprobe um 1.52 Uhr ergab einen Alkoholgehalt von 1,84 Promille. Außerdem stellten die Beamten fest, dass der Mann keinen Führerschein mehr hatte, dass der Wagen nicht versichert war und dass die Plakette auf dem Nummernschild selbst aufgeklebt war.

„Ich habe die Tat begangen, das streite ich gar nicht ab“, räumte der Angeklagte ein. „Ich hatte meine Arbeit verloren und hatte ein bisschen Stress.“ Daraufhin habe er mit dem Trinken angefangen. Drei Flaschen Bier und eine Flasche Whisky täglich sowie Wodka in erheblicher Menge habe er getrunken. „So viel kann man doch gar nicht trinken!“ staunte Richter Axel Bormann. Der Angeklagte gab an, er habe inzwischen eine Entgiftung gehabt und habe aufgrund des Vorfalls auf Entzug gelebt. „Trinken tue ich abends ein Bier, und das ist alles.“ „Nehmen Sie lieber Baldrian“, riet der Richter. Doch davon wollte der 40-Jährige nichts wissen: „Ich halte nichts von Tabletten.“

„Wie kamen Sie denn darauf, sich so eine Plakette aufs Nummernschild zu kleben?“, wollte der Richter wissen. Das habe er mal im Internet gelesen, so die Auskunft des Angeklagten.

Ja, ihm sei damals durchaus klar geworden, dass er nicht mehr hätte fahren dürfen, sagte er aus. Er habe sich zu dem Zeitpunkt heftig mit seiner Nachbarin gestritten. Eigentlich sei er nur wegen ihrer Drohung, die Polizei zu rufen, überhaupt losgefahren. „Ich wollte bloß bis zur Kreuzung fahren und dann wenden, weil ich wissen wollte, ob sie wirklich die Polizei gerufen hat“, sagte er.

„Aber ich finde das gut, dass sie die Polizei gerufen hat“, betonte der Richter. Inzwischen verstehe er sich auch mit seiner Nachbarin sehr gut, erzählte der Angeklagte. Die Frau habe sich Sorgen um ihn gemacht, schließlich hätte ihm auf der Trunkenheitsfahrt etwas passieren können. Sie habe ihn auch an diesem Tag zum Gericht gefahren und warte nun draußen auf ihn.

Der 40-Jährige ist bereits mehrfach wegen Trunkenheitsfahrten und Urkundenfälschung vorbestraft. Die Staatsanwältin forderte für ihn eine sechsmonatige Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung. Außerdem solle seine Fahrerlaubnis noch weitere 15 Monate gesperrt bleiben. Von einer zusätzlichen Geldstrafe sah sie allerdings ab, da der Mann vier Kinder hat. „Ich möchte, dass Sie Unterhalt zahlen für Ihre Kinder“, sagte sie. Richter Bormann folgte dem Antrag.

Frage nach dem „Idiotentest“

„Muss ich dann nach den 15 Monaten MPU machen?“, fragte der Angeklagte. Und rief damit absolute Fassungslosigkeit am Richtertisch hervor. Die Frage nach der Medizinisch-Psychologischen Untersuchung – umgangssprachlich: „Idiotentest“ – rief eine lange Standpauke hervor: „Die Frau Staatsanwältin ist wie ein Pferd über die Hürde gesprungen, denn in Wirklichkeit ist die Bewährung hier nicht gerechtfertigt. Und auch ich bin über den Oxer gesprungen. Sie kriegen nochmal Bewährung, weil wir glauben, dass Sie daran arbeiten. 15 Monate, das ist moderat. Es gibt auch etwas viel Böseres: Lebenslang für den Führerschein gesperrt. Und da fragen Sie mich, ob Sie zur MPU müssen!“

Nach der Urteilsverkündung bat er die Nachbarin in den Gerichtssaal. Sie versprach, auf ihren Nachbarn aufzupassen, damit er keine Rückfälle erleidet und künftig nicht mehr betrunken Auto fährt.

Dem Angeklagten riet Bormann: „Die Leber ordentlich spülen – mit Mineralwasser. Hier, an diesem Amtsgericht, ist das Ihre letzte Chance.“