Gardelegen l Piepst da nicht irgendetwas? Matz Linow hört es ganz deutlich. Oder täuscht er sich nur? Der Neunjährige lauscht immer wieder ganz angestrengt zu Hause, in der Wohnung an der Mühlenstraße in Gardelegen. Und tatsächlich: Es piepst. Er läuft zu seinen Eltern. Erzählt ihnen von seiner Beobachtung.

„Matz hat uns darauf aufmerksam gemacht. Erst dann hörten wir das Piepen auch“, schildert Maik Linow, Vater von Matz. Er überlegt, wo dieses Geräusch herkommen könnte. Der Schornsteinschacht fällt ihm daraufhin ein. Das Geräusch kommt eindeutig aus der Reinigungsklappe des Abzugsrohres.

Zwei Greifvögel ineinander verhakt

Der Vater geht hinaus auf die Terrasse, schaut dort nach, ob er etwas entdecken kann. Auf der Terrasse gibt es eine Öffnung für den Schornsteinfeger. Diese nutzt der Gardelegener, um nach dem Rechten zu sehen. Und tatsächlich findet er im Inneren des Rauchabzugrohres einen Jungvogel sitzen, der verzweifelt mit seinem Gepiepse auf sich aufmerksam machen will. Aus eigener Kraft, das ist Linow sofort klar, kann dieser sich nicht wieder befreien. Maik Linow wendet sich an Uwe Külper. Er weiß, dass der Gardelegener sich mit heimischen Pflanzen und Tieren, insbesondere Vögeln, gut auskennt. Ihn bittet er um Hilfe, möchte von ihm wissen, wie er dem Vogel helfen kann.

Uwe Külper schaut sich die Situation vor Ort an. Er erkennt, dass ein Turmfalkenküken im Schacht feststeckt. Gemeinsam versuchen Linow und Külper das Tier aus seinem dunklen und engen Gefängnis zu befreien. „Wir staunten nicht schlecht, als wir feststellen mussten, dass nicht nur ein, sondern gleich zwei Turmfalken übereinander im Rohr feststeckten“. schildert Külper. Die Raubvögel sind mit ihren Fängen, den Krallen, ineinander verhakt. Das erschwert die Rettungsaktion der beiden Männer. Aber mit Geduld und Fingerspitzengefühl gelingt es ihnen schließlich doch, die Tiere zu befreien, ohne sie dabei zu verletzen.

Wohlbehalten befreit

Ans Tageslicht befördert, nimmt Külper die beiden Jungvögel in Augenschein. Der kleinere Falke, auf den der größere vermutlich die ganze Zeit über gesessen haben muss, ist ziemlich zerzaust. Er ist auch sehr schreckhaft. Wie lange er und sein Begleiter in diesem Rohr schon feststeckten, ist den Männern nicht bekannt. Auch nicht, woher sie wohl kamen.

Und Matz ist natürlich froh darüber, dass diese Rettungsaktion gut ausging. Mit seinem guten Gehör hat er den Jungfalken vermutlich das Leben gerettet.

Aufpäppeln in Kämkerhorst

Külper bemerkt, dass beide schon fliegen können. Vermutlich war es der erste Ausflug, den die flügge gewordenen Greifvögel absolviert haben und der im Abzugsrohr endete. Külper schlussfolgert, dass es sich um eine frühe Brut von Mitte März handeln könne.

Külper verstaut die Tiere in einem geräumigen Transportkäfig und bringt sie zur Naturparkverwaltung Drömling. In der Wildvogelaufnahmestation Kämkerhorst sollen sie wieder aufgepäppelt werden. In einer Voliere soll dort die Selbstständigkeit der Turmfalken auf Beute greifen, das Zerlegen und Rupfen der Nahrung beobachtet werden. Natürlich wird auch danach geschaut, ob die Falken das Fliegen gut erlernen. Wenn das alles klappt, werden sie wieder in die Freiheit entlassen. Wie Külper mitteilt, ist diese Voliere mit einer Ausflugsklappe versehen. Am Tag der Freilassung wird auf die Voliere Nahrung gelegt. Die Turmfalken haben die Möglichkeit, nach Ausflügen weiterhin Nahrung von der Voliere, dem Fütterungsplatz aufzunehmen. In der Natur ist es ähnlich. „Nach dem Ausfliegen vom Brutplatz werden die jungen Turmfalken circa drei Wochen weiterhin von ihren Eltern mit Nahrung versorgt, bis sie im Rüttelflug selbst erfolgreich jagen“, erklärt Külper.