Gardelegen l Seit zehn Jahren kümmert sich Uhrmachermeister Wolfgang Beyer um die Turmuhr der Nikolaikirche. In diesem Jahr soll das aus dem Jahr 1889 stammende Uhrwerk repariert werden, denn seit geraumer Zeit ist nur noch der Stundenschlag zu vernehmen. Der Viertelstundenschlag bleibt stumm. Die Verbindung vom Uhrwerk zur kleinen Glocke, die sich am Turm außerhalb befindet und die jeweilige Viertelstunde angibt, muss wieder hergestellt werden. Für die Außenarbeiten wird eine spezielle Firma kommen, so Beyer. Er selbst ist für die Arbeiten am Uhrwerk zuständig.

Gefertigt hatte die Turmuhr einst das Unternehmen Johann Friedrich Weule in Bockenem im Harz.

Werkstatt besteht seit 1872

Um die Uhr in der Nikolaikirche kümmerten sich bereits die Eltern Wolfgang Beyers, der Uhrmacherwerkstatt und Laden bereits in vierter Generation (1872 in der Sandstraße gegründet) führt. „Als die Uhr 1970/71 nicht mehr funktionierte, hieß es, sie solle nicht mehr restauriert werden“, erinnert sich der 68-Jährige. Erst nach der Wende wurde sie im Zuge der Turmsanierung repariert. Pfarrer Horst Dietmann sah zunächst nach der Uhr. Seit knapp zehn Jahren wartet Beyer sie. Und das ehrenamtlich.

Der Gardeleger ist aber nicht nur für die Uhr der Nikolaikirche zuständig. Er pflegt auch die des Rathausturmes. „Die haben wir seit mindestens 1900 in Pflege, die ganzen Jahre durch“, sagt Beyer. Regelmäßig führt er dort eine kleine Revision durch. Das heißt, es „müssen Lager gereinigt werden, es muss auch mal etwas geölt werden, und es sind immer mal wieder Kleinigkeiten, die anstehen“. Ansonsten muss er zweimal im Monat die Uhr neu einstellen. „Das Prinzip dieser Turmuhren ist 300 Jahre alt.“ Witterungseinflüsse und der Wechsel der Temperaturen kommen hinzu. Präzise wie eine Funkuhr funktionieren diese Uhrwerke nicht. Ohne das regelmäßige Einstellen würde die Uhr nach einiger Zeit vor- beziehungsweise nachgehen. Beyer sorgt also dafür, dass sie wieder richtig tickt. Und dann gibt es noch die Zeitumstellung.

Im Oktober und März steigt Beyer am Sonntagvormittag nach dem Umstellungstermin auf Rathaus- und Nikolaikirchturm, um die Zeit wieder in den richtigen Takt zu bringen. Seine Ehefrau Ingeburg nimmt er dann meistens mit. Jedesmal kann dann ein herrlicher Blick über die Stadt genossen werden. „Vor allem in den 1990er Jahren war das imposant. Man sah, wie sich nach und nach die Stadt veränderte, die Dächer neuer, moderner wurden“, berichtet Beyer. Für Ingeburg Beyer ist es damit noch nicht genug. Im Laden sind es an die 100 Uhren, die sie alle per Hand umstellen muss.

Uhrmachermeister in vierter Generation

Eigentlich wollte Wolfgang Beyer einen sportlichen Berufsweg einschlagen. Bis zu seinem 14. Lebensjahr besuchte er die Volksschule in Gardelegen. Danach absolvierte er sechs Jahre an der Sportschule in Magdeburg. Dort hatte er auch seine spätere Frau kennengelernt. Nach Gardelegen kam er 1970 zurück. Sein Bruder, der den Betrieb der Eltern übernehmen wollte, verunglückte beim Segelflug tödlich. Nun wollte Wolfgang Beyer Uhrmachermeister werden. „Diese Entscheidung ist mir nicht schwer gefallen. Und ich habe sie auch nie bereut“, erklärt er. 1975 legte Beyer die Meisterprüfung ab, übernahm 1976 die Werkstatt und 1986 auch den Einzelhandel mit Kommissionsvertrag der HO. Er arbeitete überwiegend in der Werkstatt, seine Ehefrau war für den Laden zuständig. „Und nach der Wende wurde es nochmal aufregend. Die ersten Schmuckhändler mit Gold kamen schon 1989“, blickt er zurück. Viele Lehrgänge mussten besucht werden, „es gab ja schließlich nicht mehr nur Uhren aus Ruhla und Glashütte“, erzählt er

Für den 68-Jährigen ist es auch heute jeden Tag faszinierend, Uhren zum Laufen zu bringen. An den Ruhestand denkt er noch nicht. „Ich mache solange weiter, wie es mir Spaß macht.“