Gardelegen l Väterlich nimmt Reinhard Seehafer, Intendant der Altmark-Festspiele, die 18-jährige Anne Maria Wehrmeyer in den Arm. In seinem Blick ist zu lesen: „Toll gemacht!“ Gerade hat die junge Künstlerin das Publikum in der Gardeleger Marienkirche verzaubert. Mit einem der bekanntesten Werke der klassischen Musik: den „Vier Jahreszeiten“ von Antonio Vivaldi.

Und der hat genau in jener Zeit gelebt, in der das Instrument gebaut wurde, das Anne Maria Wehrmeyer aktuell nutzt, nämlich eine Violine von Carlo Giuseppe Testore aus dem Jahr 1710. Es ist ihr aus dem Deutschen Musikinstrumentenfonds zur Verfügung gestellt worden und gehört einer Heidelberger Familie.

Anne Maria Wehrmeyer indes stammt aus Berlin. Ihre Kindheit hat sie in Bayern verbracht, weil ihre Eltern, beide Musikwissenschaftler, mit ihr und ihrem Bruder, inzwischen ebenfalls Musiker, dorthin gezogen sind. Bereits im Alter von fünf Jahren hat sie an einem Meisterkurs teilgenommen, bei dem sie die gleichaltrige Violinistin Lara Boschkor kennen lernte, ebenso begabt und ehrgeizig wie sie. Die beiden Mädchen wurden beste Freundinnen und haben seither an vielen Wettbewerben teilgenommen und auch zahlreiche Preise gewonnen.

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Stehende Ovationen

Eigentlich sollte Lara Boschkor das Konzert in der Marienkirche spielen. „Aber vorgestern Nacht um 0.05 Uhr bekamen wir die Nachricht, dass die Künstlerin erkrankt ist“, erzählt Reinhard Seehafer vor dem Beginn der Veranstaltung. Ihm wird schließlich Anne Maria Wehrmeyer empfohlen. Und sie ist nicht nur ein Ersatz, wie sich der Festspiel-Intendant schon bald überzeugen kann. Die ersten Proben, die er und das begleitende Emsemble namens Halle Barock mit der jungen Violinistin absolvieren, sind vielversprechend. Und niemand wird am Ende enttäuscht sein. Im Gegenteil. Es gibt stehende Ovationen für Anne Maria Wehrmeyer und die anderen Musiker. Zu ihnen gehören Dietlind von Poblozki und Andreas Tränkner (beide Violine), Michael Clauß (Viola), Anne Well (Cembalo), Stefan Meißner (Kontrabass) und Reinhard Seehafer (Cembalo). Letzterem obliegt zudem die musikalische Leitung des Konzertes.

Es ist in zwei Hälften aufgeteilt. Im ersten Teil erklingen Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, von Johann Sebastian Bach und von Joseph Haydn. Der zweite Teil ist dann jenem Werk gewidmet, für dessen Genuss sich die meisten Herrschaften im Publikum ihre Karte gekauft haben: „Die Vier Jahreszeiten“. Überall in den Bänken sitzen Menchen, die versunken die Augen geschlossen halten. Andere wiederum wiegen zu den teils sehr mitreißenden Klängen ihre Köpfe hin und her. Das Ganze dauert eine knappe Stunde. Und Anne Maria Wehrmeyer braucht keine einzige Note zum Ablesen.

„Ich habe mir das Werk im vergangenen Sommer erarbeitet“, sagt sie bescheiden. „Das vergisst man nicht so schnell wieder.“ Vergessen wird man auch sie nicht so schnell in Gardelegen, diese junge Frau, die nicht mehr und nicht weniger als den Anspruch hat, „so zu spielen, dass ich die Menschen berühre“. Es ist ihr gelungen. Ohne Zugabe werden sie und das Ensemble Halle Barock nicht aus der Kirche gelassen.