Elbe-Parey l Ein Großteil der Wohnungen eines der beiden ehemaligen „Stahlbau-Blöcke im Pareyer „Lustgarten“ ist inzwischen belegt. 25 Familien mit etwas über hundert Leuten, davon etwa 60 Prozent Kinder, leben hier. Der Wohnblock gehört einem griechischen Vermieter in Berlin, und von Berlin kommen auch die meisten der jetzigen Bewohner. Die Männer von zehn Familien arbeiten auch noch dort, erklärt Emil Zlate.

Ihn kennen inzwischen schon viele in Elbe-Parey sowie auf den verschiedensten Ämtern des Landkreises. Denn Emil Zlate ist der „heimliche Bürgermeister“ der Rumänen und Griechen, so zumindest wird er von vielen hier schon genannt. Er ist die Kontaktperson, die dringend gebraucht wird, weil die meisten erwachsenen Rumänen und Griechen wenig oder gar nicht Deutsch können. Emil Zlate spricht rumänisch, griechisch, englisch und schon ganz gut Deutsch, und wenn es mal ein bisschen hängt im Deutschen, helfen seine älteren Kinder.

Drei Jahre in Berlin im Heim

Die Mehrzahl der rumänischen Familien habe zuvor schon etwa drei Jahre in Berlin gelebt, berichtet er. Dort waren sie unter sehr beengten Bedingungen in einem Heim untergebracht. Wohnungen in Berlin zu finden, und noch dazu bezahlbare, war für sie praktisch unmöglich. So nutzten sie gern die Möglichkeit, hierher in den ländlichen Raum zu ziehen.

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Die meisten von den Rumänen entstammen einer Großfamilie mit elf Kindern, sagt Emil Zlate. Die Kinder sind heute erwachsen und haben eigene Familien gegründet. Der Zusammenhalt ist entsprechend groß. Etliche Familien haben zuvor im selben Dorf in Rumänien gelebt.

Emil Zlate stammt zwar auch aus Rumänien, habe aber die letzten elf Jahre in Griechenland gelebt, berichtet er. Mit seiner Frau Maria hat er sechs Kinder im Alter von einem bis 17 Jahren, darunter Zwillinge. Der Älteste, Valentin, hatte noch eine Weile bei einem Cousin seines Vaters in Berlin gelebt, um dort weiter zur Schule gehen zu können. Jetzt kam er nach, weil der Cousin weggezogen ist und er keine Bleibe mehr hat. Den Hauptschulabschluss der 9. Klasse hat er bereits, möchte aber weiter zur Schule gehen, um auch den Sekundarschulabschluss machen zu können. Und er möchte Fußball spielen, möglichst in einer richtig guten Mannschaft, denn das ist schon seit zwölf Jahren sein Hobby, erzählt er und strahlt, weil er gerade eine Nachricht von einem Verein erhalten hat, dass er sich vorstellen könne.

Zwei Treppen über der Wohnung von Emil, Maria und ihren Kindern wohnen Sofia und Klaimonit mit ihren fünf Kindern. Sie sind auf ganz anderem Wege nach Parey gekommen. Pfarrer Andreas Breit hatte im Sommer einen Anruf der griechisch-orthodoxen Kirche in Deutschland erhalten, ob er kurzfristig eine griechische Familie unterbringen könnte. Der Kontakt kam allerdings auch durch den griechischen Vermieter aus Berlin zustande. Die Familie ist von Kreta nach Deutschland gekommen. Sofia ist Griechin, Klaimonit stammt ursprünglich aus Albanien, kam aber schon als kleines Kind nach Kreta – damals, als die Situation in Albanien, das sich Jahrzehnte vom Rest der Welt abgeschottet hatte, so schlimm war.

Nicht nur zu der griechischen Familie, sondern auch zu vielen der Rumänen hat Pfarrer Breit seither guten Kontakt, zumal alle Christen sind und für sie die Religion in ihrem Leben eine wichtigere Rolle spielt als für viele Menschen hier.

Einleben braucht seine Zeit

Sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden, war für alle nicht einfach. Die Rumänen haben zum allerersten Mal vernünftige Wohnungen in einem ordentlichen Umfeld. In die Gepflogenheiten und Abläufe mussten sie sich erst hineinfinden. Inzwischen funktioniert das aber recht gut, findet Nicole Golz. Die Pareyer Ortsbürgermeisterin und künftige Elbe-Pareyer Bürgermeisterin war schon mehrfach bei den Rumänen, insbesondere bei Emil, um über Probleme zu sprechen, und wie man diese beseitigen kann.

Dazu gehörte, dass insbesondere einige ältere Anwohner des Lustgartens sich gestört fühlten, weil im Sommer die Kinder bis spät abends draußen waren und nicht gerade leise. Plötzlich wieder so viele Kinder, noch dazu mit südländischem Temperament – das war für manchen hier zuviel.

Und es gab vor einiger Zeit Beschwerden, dass „die Ausländer den Müll rumschmeißen“, und Fotos machten auf Facebook die Runde. Wie der Müll damals tatsächlich auf die Wege kam, wurde nie ganz geklärt. Fakt ist, dass jetzt rings um den Block alles ganz sauber ist. „So sauber war es hier noch nie!“, sagt Bernd Schadwinkel und unterstreicht: „Das machen sie alles selber. Und auch in den Wohnungen ist es so sauber, dass man vom Fußboden essen könnte!“

Er muss es wissen, denn er und seine Frau Carla gehen mittlerweile bei einigen hier ein und aus. Und das kam so: „Dass die griechische Familie kommt, habe ich bei unserem Straßenfest erfahren.“ Da sind nämlich Helga und Friedrich Schwarz die Hauptorganisatoren, und Friedrich Schwarz ist Gemeindekirchenratsvorsitzender. „Dann traf ich Maria beim Einkaufen, wo sie etwas hilflos in die Regale schaute.“ Da habe er gewusst: Die Menschen brauchen Hilfe, um sich hier integrieren zu können. Schadwinkels waren sofort bereit, diese Hilfe zu geben, und das wurde mit großer Freude angenommen. „Unsere Kinder sind erwachsen und aus dem Haus. Wir haben jetzt die Zeit dafür“, begründen Carla und Bernd Schadwinkel.

Inzwischen sagen die Kinder von Sofia und Klaimonit schon Oma und Opa zu den beiden. Oft sind die Kinder auch bei Schadwinkels in der Zerbener Straße zu Gast, oder alle zusammen unternehmen etwas. Zu Emil und dessen Familie und etlichen anderen Rumänen haben Schadwinkels längst auch guten Kontakt, helfen ebenfalls bei Behördengängen und auch, zu besorgen, was fehlt.

Dass längst nicht alle in Elbe-Parey ihr Engagement verstehen können, das haben Schadwinkels schon häufig erfahren müssen. Sie nehmen das aber nicht einfach hin, sondern diskutieren, argumentieren und versuchen zu überzeugen, dass dies der richtige Weg ist. „Es ist unsere Aufgabe, sie zu integrieren. Es sind nette, freundliche Menschen. Die meisten wollen hier bleiben. Sie wollen, dass ihre Kinder in Ruhe aufwachsen können und eine Chance im Leben bekommen.“

Nicht als Problem, sondern als großartige Chance auch für Elbe-Parey sieht Bernd Schadwinkel die neuen Mitbürger – zumal in den 25 Jahren nach der Wiedervereinigung so viele Menschen ihrer Heimat hier den Rücken gekehrt haben. Nicht ohne Grund standen so viele Wohnungen leer. Allein die Ortschaft Parey hat seitdem etwa 1 000 Einwohner verloren. 1989 lebten hier noch 3 256 Menschen, Ende 2014 waren es nur noch 2 258! Und das ist wirklich ein Problem.

Hilfe an vielen Stellen nötig

Hilfe zur Integration ist freilich an vielen Stellen notwendig, nicht nur bei der Arbeitssuche. Um sich an die Lebensweise hier anpassen zu können, müssen die Menschen erstmal Aufnahme in der Gesellschaft finden, müssen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können, in Vereinen Aufnahme finden und so weiter. Für die Kinder und Jugendlichen werden das in erster Linie Sportvereine sein. Da ist auch Nicole Golz schon dran, etwas zu organisieren.

Für seinen kleinen Wasiliki (7) hat Bernd Schadwinkel schon einen ersten Termin klar gemacht: „Montag um 16 Uhr ist Fußballtraining für die Kinder bei Gordon Ringwelski in Parey auf dem Sportplatz!“ Da können andere auch noch dazu kommen, betont er. Und für Walantis (4) hat er ab 1. November einen Kita-Platz in Derben organisiert – im Moment der letzte freie Platz.

Deutschlernen ist das Wichtigste in der Schul

Die allererste Sorge bei den Kindern und Jugendlichen gilt aber dem Schulbesuch. Größtes Problem ist, dass die meisten kaum Deutsch können.

Das Grundschulzentrum Elbe-Parey in Güsen besuchen zur Zeit 16 Kinder von diesen Familien, fünf Kinder werden nach den Herbstferien noch dazu kommen, sagt Schulleiterin Carola Rosenmüller. Die meisten gehen in die 1. und 2. Klasse. „Wir haben extra eine Migrationslehrerin eingestellt, die den Kindern in Gruppen Sprachunterricht erteilt.“ Denn ohne ausreichende Sprachkenntnisse haben sie keine Chance, den Lernstoff mitzubekommen. Zwar seien einige der Kinder bereits in Berlin zur Schule gegangen, weiß Carola Rosenmüller, trotzdem gebe es große Defizite gegenüber dem, was sie eigentlich schon können sollten. Erschwerend kommt für die Kinder dazu, dass sie zu Hause keine Hilfe beim Lernen bekommen können, weil die Eltern kaum oder gar nicht deutsch können.

In den höheren Klassen wird es noch schwerer, deshalb gibt es in der Sekundarschule in Parey jetzt auch Initiativen, um die Deutsch-Kenntnisse der Kinder und Jugendlichen zu verbessern. Hier sind es zur Zeit zwölf Schüler ausländischer Herkunft, sagt Schulleiterin Anita Krüger, die 13. Anmeldung sei vom Schulamt bereits erfolgt. In fast allen Jahrgängen sind Schüler dabei: einer in der 5. Klasse, fünf in der 6. Klasse, je einer in der 7. und 8. Klasse und vier in der 9.

Für den zusätzlichen Sprach-Unterricht habe die Schule zwar Stunden zugewiesen bekommen, „aber wir sind unterbesetzt, deshalb ist das schwierig“, erklärt Anita Krüger. Die beiden Lehrerinnen Carola Schüßler und Andrea Biermann geben sich große Mühe, betont sie.

Umso mehr ist es eine ganz tolle Sache, dass es auch ehrenamtliche Hilfe zum Deutschlernen gibt: Carla Schadwinkel und Helga Schwarz sind regelmäßig in der Schule, um mit den rumänischen und griechischen Kindern deutsch zu üben. Das wird in Freistunden gemacht oder auch, während die anderen Englisch haben. Denn es bringe nichts, den Kindern, die noch nicht einmal deutsch können, noch eine andere Fremdsprache vermitteln zu wollen.

Innerhalb der Klassen scheint es aber keine Probleme mit den ausländischen Mitschülern zu geben. „Mir ist noch nichts zu Ohren gekommen“, betont Anita Krüger. „Sie sind mittendrin“, ist die Schulleiterin froh. Soweit klappt die Integration also schon.

Damit das Miteinander auch insgesamt in der Gemeinde besser wird, hat Nicole Golz schon einige Pläne. Als erstes will sie eine gemeinsame Runde unter der Überschrift „Integration“ organisieren, bei der alle interessierten Bürger willkommen sind. Das wird im November sein, wenn sie keine Verpflichtungen mehr bei ihrer bisherigen Arbeitsstelle hat und mehr Zeit, sich ihren künftigen Aufgaben als Elbe-Pareyer Bürgermeisterin zu widmen. Schadwinkels werden dabei natürlich mitziehen, sicherlich auch Pfarrer Breit, und auch das Pareyer Jugendhaus. Dorthin kommen ebenfalls schon regelmäßig rumänische Kinder und Jugendliche, berichtete Jugendhaus-Leiter Manfred Göbel, und sie seien schon richtig „aufgetaut“ inzwischen. Er kommt gut mit ihnen zurecht.