Schlagenthin l An der Türklingel der Kienscherfs aus Schlagenthin könnte auch „Warnung vor dem Hunde“ stehen. Denn ein lautes Bellen ertönt, als Nachbarn und regionale Amtsträger einer nach dem anderen schellen, um den Eheleuten zu gratulieren. 65 Jahre sind die Eheleute Gertrud und Günter Kienscherf verheiratet. Am Hochzeitstag, dem 21. Dezember 1950, lag Schnee, aber es schien auch die Sonne, erinnert sich die Braut noch gut an den Tag, als sie ihrem Günter im dunklen Kostüm das Jawort gab. Da war sie blutjunge 17 Jahre alt. Etwas älter, aber immer noch in Feierlaune, begehen sie nun den 65. Jahrestag.

„Es gab in der Gegend nicht so viele Dunkelhaarige“, erinnert sich die heute 82-jährige Gertrud Kienscherf an eines der Kriterien, die ihren Günter zu ihr brachte, wie sie glaubt. Man hätte sich hier und da mal im Dorf getroffen, auch ab und zu mal in den Haaren gehabt. Aber schließlich wurde geheiratet. Da waren die beiden schon junge Eltern. In der Ehe trafen Ur-Schlagenthiner und Joachimsthalerin aufeinander. Während die diamantene Braut aus dem Sudetenland als Flüchtling ins Dorf kam, war ihr späterer Ehemann Günter als zweiter Sohn des Schlagenthiner Schneidermeisters Ewald Kienscherf im Dorfleben fest verwurzelt. Nach der Heirat lebten die beiden auf dem elterlichen Gehöft der Kienscherfs. Hier half die frisch Angetraute den Schwiegereltern bei Haus, Hof- und Feldarbeiten und kümmerte sich um die vier Kinder, von denen zwei die elterliche diamantene Hochzeit leider nicht mehr miterleben können, da sie bereits verstorben sind. Stolz sind die seit nunmehr 65 Jahren Vermählten auch auf ihre sieben Enkel- und fünf Urenkelkinder. „Es sind zwei Jungs und drei Mädels. Das älteste Urenkelkind ist bereits elf“, erzählt Günter Kienscherf dem Landrat Steffen Burchhardt, der neben Ortsbürgermeisterin Birgit Weber und ihrer Stellvertreterin Birgit Bothur seinen Platz an der Hochzeitstagstafel hat.

Ehepaar mit "besonderem Status"

Nach dem Krieg schloss der gelernte Elektriker Günter Kienscherf, der mit 16 Jahren, kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieges als Soldat eingezogen und Kriegsgefangener wurde, eine zusätzliche Schneiderlehre beim Vater an. Später arbeitete der Ur-Schlagenthiner bei einem Unternehmen in Premnitz und wechselte dann ins Chemiefaserwerk der brandenburgischen Kleinstadt. Als Frührentner schied der heute 87-Jährige mit 61 Lenzen im Jahr 1991 aus dem Werksdienst aus. Mit vier Kindern war seine Ehefrau Gertrud zunächst im häuslichen Bereich ordentlich eingespannt. Später war sie als Verkäuferin bis zur Rente in der HO-Verkaufsstelle im Dorf tätig, dafür hatte sie noch einen zusätzlichen Lehrgang im Fleischerhandwerk absolviert. Handwerksarbeiten waren im Privaten ihre Leidenschaft. „Ich habe früher unglaublich gern Wolle gesponnen“, sagt die Rentnerin. Heute ist dies krankheitsbedingt nur noch eingeschränkt möglich. Ihr Mann unternimmt bei schönem Wetter gern Fahrradtouren mit seinem Freund Erhard Jäger, kümmert sich um Haus und Hof und hält den Stremmeabschnitt, der an das Grundstück grenzt, sauber. Einen besonderen Tropfen gab es vom Landrat, der den „besonderen Status“ der Kienscherfs mit vielen Glückwünschen würdigte.

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„Wenn Sie 70 Jahre schaffen, sind Sie im Erlauchtenkreis“, sagte Burchhardt. Denn das Fest der Eisernen Hochzeit sei eine seltene Angelegenheit. Herzliche Umarmungen kamen von der Ortsbürgermeisterin Birgit Weber, die beide lange kennt und sich mit ihnen freute. Mit dem Jerichower Bürgermeister Harald Bothe war die regionale Politikprominenz komplett. Gefeiert wurde in Neuenklitsche, wo Sohn Peter und Schwiegertochter Regina in ihrem Heim einen großen Raum für die Feier vorbereitet haben. Die beiden hatten auch einen handgeflochtenen Ehrenkranz für das diamantene Paar vorbereitet, der neben der Eingangstür an der Hauswand für alle Schlagenthiner gut sichtbar war.