Jerichow l Auf dem Bogen über dem Altar der Krankenhauskapelle sind die Worte geschrieben: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“. Vor dem Altar haben die Jerichower Saitenspinner Platz genommen. Aus der Arbeit im Awo-Fachkrankenhaus Jerichow heraus hat sich die Formation gegründet und ist immer wieder präsent.

Nachdenkliche Töne

Die Musiker fanden leise, nachdenklich machende Töne und gaben dem besonderen Moment in der Kapelle einen würdigen Rahmen. Die Ausstellung „Euthanasie und Eugenik“ ist nun dauerhaft auf der Empore des Gotteshauses zu sehen. Sie beleuchtet die Zeit des Nationalsozialismus in der damaligen Landesheilanstalt.

Vor rund zehn Jahren hatte sich das Fachkrankenhaus entschieden, die Historie des Hauses in dieser dunklen Zeit aufzuarbeiten, zu untersuchen, Archive zu durchforsten. Vor acht Jahren gründete sich für die Aufarbeitung eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Krankenhausmitarbeitern, Studenten, Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen unter Federführung des Referats für Demokratie und Toleranz im Awo-Landesverband Sachsen-Anhalt. Dazu gehörten Volker Raudszus, heute Pflegedienstleiter im Krankenhaus, und auch unter anderem die Leitende Oberärztin Claudia Glöckner.

Geschehnisse recherchiert

Im Ergebnis entstand diese Ausstellung, die in eindrucksvoller Weise die Geschichte der Eugenik, die Aktion „T4“ und die Geschehnisse in der damaligen Landesheilanstalt in Jerichow während der dunklen Zeit des Nationalsozialismus darstellt.

Martin Häring, der Ärztliche Leiter der Fachklinik, zog deutlich den Faden von der Vergangenheit zur Gegenwart und fand mahnende Worte. „Wir dürfen nicht vergessen“, formulierte er bezüglich der Verharmlosung von Gräueltaten in der Gesellschaft. „Wir leben offensichtlich in einer Zeit, in der die Lauten in unserem Land zeigen wollen, was zu vergessen ist“, so Häring. Die Jerichower Pfarrerin Friederike Bracht entzündete als Mahnmal der Erinnerung an das Geschehene eine Kerze. Über die Vorspiegelung falscher Tatsachen hätten Menschen ihr Leben verloren. Sie unterstrich hier auch das Versagen der Kirche in der Zeit des Nationalsozialismus.

Arbeitsgruppe gegründet

Elias Steger, heute Referent Personalentwicklung beim Awo-Landesverband, gehörte auch mit zur Arbeitsgruppe unter Leitung von Jan Bartelheimer, der die Ausstellung federführend mit vorbereitete. Aufgrund des „Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurden in Deutschland weit über 400.000 Menschen zwangssterilisiert und 70.000 Menschen im Rahmen der Aktion „T4“ systematisch ermordet.

„Es war ein Mord an den Menschen, der bis ins Detail geplant war“, so Steger. Die damalige Landesheilanstalt in Jerichow wurde auch als „Zwischenanstalt“ genutzt. „Patienten mit dem Vermerk ,in eine andere Anstalt verlegt‘ kamen in die NS-Tötungsanstalten Brandenburg und Bernburg“, sagt Steger.

Für die Ausstellung sind Führungen von Schulklassen geplant und für weitere Interessenten mit einer entsprechenden fachlichen Begleitung. Ein Angebot, das jedem zu empfehlen ist.