Jerichow l „Wir sind zwar nicht mehr die jüngsten, doch wir sind auch noch keine Oldtimer“, sagt Fred Lücke, Mitglied im Verein Oldtimerfreunde Jerichow und kennt die Altersspanne seiner Mitstreiter, „von 19 bis 79.“ Der jüngste, erzählt Lücke, baue gerade seinen ersten Trabant auf, „zusammen mit seinem Opa.“ Denn alte Technik pflegen hat schon etwas familiäres, sind sich die Schrauber um den Vorsitzenden Gerold Giese einig. Giese dazu: „So funktioniert auch unser Verein – wie eine Familie.“ Hier komme man zusammen und hier kümmert man sich umeinander.

Am Anfang war es ein kleiner Freundeskreis, der sich traf und an Mopeds und Pkws aus DDR-Zeiten schraubte und fachsimpelte. Zur Vorgeschichte des Vereins, der mittlerweile weit über die Grenzen des Elbe-Havel-Winkels bekannt ist, schildert Vereins-Chef Giese wie folgt: Er selbst besaß in der Jugend eine 150-ziger MZ, die er, wie er heute noch schmerzlich betont, dann weggeben musste, weil seine Mutter den Platz im Stall brauchte.

Das Motorrad blieb ihm immer in Gedanken, doch lange war für ein solches Gefährt kein Platz in seinem Leben. Als er dann ein eigenes Grundstück in Jerichow bezog, war Platz für seinen Traum und er kaufte sich wieder eine MZ: „An der musste ich noch etwas basteln“, erinnert sich Giese, doch nach zwei Tagen ölige Hände, trat Giese den Kickstarter durch und sie lief. Als „Zweitmotorad“ legte der Dachdecker sich eine ETZ zu. Die stand irgendwo beim Bauern zwischen den Treckern. Und so ging es weiter. Im Sommer blieben die alten Maschinen im Stall, und im Winter wurde mit einem Gleichgesinnten daran herumgebastelt.

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Auf der Suche nach Räumlichkeiten

Giese wusste, dass so einige aus Jerichow und den Nachbarorten alte Technik in Stall und Scheune zu stehen hatten, die „jeder für sich“ daran schraubten und ausfuhren. Da entstand zwangsläufig die Frage: „Warum gibt es in Jerichow keinen Oldtimerclub!“ Anfangs lief es etwas schleppend an. Von früheren Versuchen anderer Jerichower, die gleiches vorhatten und scheiterten, lies er sich nicht entmutigen. So vereinbarte er mit seinem Mitschrauber, „dass jeder seine gleichgesinnten Bekannten aktiviert und zusammenbringt.“ Dann könne man abklopfen, ob sich eine Oldtimer-Interessengemeinschaft bilden könne. Damit war der Keim für die Oldtimerfreunde Jerichow gelegt. Das war 2005.

Doch was fehlte, waren Räumlichkeiten, in denen eine gemeinsame Werkstatt eingerichtet und in der man sich erstmal treffen und schrauben konnte. Fast wäre man geneigt, es eine Fügung nennen, denn: „Auf dem Domänenhof des Klosters zog eine Kfz-Werkstatt aus.“ Kurzerhand bot die Geschäftsführung der Klosterstiftung der Interessengemeinschaft – Verein war man ja noch nicht – die freiwerdenden Räume an. Mitglied Andreas Fromm erinnert sich: „Der vorherige Nutzer ließ nicht eine Schraube oder Leitung in der Wand – nur nackte Räume.“

Doch die Raritäten-Truppe war froh, diesen Stützpunkt zu bekommen. In Eigenleistung und mit Fördermitteln gelang es, aus einer kahlen Scheune ein ordentliches Schrauber-Areal zu errichten. „Wir sind ja alle nicht zu fein zum Zufassen“, betont Fromm und so bezogen sie nach nicht allzu langer Zeit ihren Werkstatt-Komplex. Fromm und Giese loben die Zusammenarbeit mit dem Kloster und Bernd Witt, Geschäftsführer der Klosterstiftung, gibt diese Einschätzung zurück: „Mit den Oldtimerfreunden klappt die Zusammenarbeit sehr gut und wir sind froh, sie hier auf dem Gelände zu wissen.“

Anfangs waren es dreizehn Oldtimerfreunde, jetzt gehören 25 zum Verein. Am 23. Dezember 2013 wurde durch das Amtsgericht Stendal der Verein offiziell eingetragen und nannte sich ab sofort Oldtimerfreunde Jerichow e.V. - so lautet der offizielle Gründungsakt.

„Wir können mit Recht sagen“, so Technikfreund Lücke, „dass wir keine Nachwuchsprobleme haben.“ Um den Kern herum gesellen sich immer wieder neue Oldtimer-Begeisterte, andere verlassen den Verein – denn Vereinsarbeit braucht Zeit. Doch insgesamt habe sich die Mitgliederzahl eingepegelt. Die 60 Meter emporragenden Türme des Klosters sind auch ein Markenzeichen des Vereins, neben der verschiedenen Technik und damit nicht ganz unschuldig an auch an dessen Bekanntheit.

Und bei den Oldtimertreffen, die nun schon elf Mal stattfanden, wurden es immer mehr, die aus der Region, aber auch von weither kamen. Denn andere Oldtimertreffen finden meist irgendwo auf einer Wiese statt mit nichts drumherum.

So etwas wie hier, das gebe es sonst nirgends, betont Giese. Denn so mancher Gast, ob als Besucher mit oder ohne altem Gefährt, komme mittlerweile aus Polen und der Tschechei, zu den im Sommer stattfindenden Oldtimertreffen. Aus der Taufe gehoben wurde dieses Treffen 2009 und – irgendwie charakteristisch für den Verein – aus einer fixen Idee. Fromm, Lücke und Giese schmunzeln: „Bei mehreren Klostergartenfesten hintereinander stellte jedes Vereinsmitglied einen Teil seiner Technik aus“, sagen sie und darauf wiesen sie am Eingang des Klostergeländes: „Ein Schild mit einem Pfeil und der Aufschrift „hier entlang 50 Meter Technikausstellung“ reichten aus, dass die Gäste des Festes erstmal zu uns abbogen“, freut sich Lücke.

Daraus erwuchs dann der Gedanke, „doch ein eigenes Oldtimertreffen zu entwickeln, losgelöst vom historischen Klostergartenfest.“ Bei eigenen Ausfahrten seien die Jünger der in die Jahre gekommenen Traktoren, Motorräder oder Pkws auf diversen Treffen unterwegs gewesen und es habe ihnen immer gefallen, sagt Giese, „warum nicht auch mal selbst versuchen.“

Schon das erste Oldtimertreffen gestaltete sich als Erfolg. Im Laufe des Sonnabends, erinnert sich Fromm, kamen so viele Besucher mit eigenem Oldtimer und die wiederum zogen zahlreiche Gäste, damals noch eher aus der Region rund um Jerichow, Tangermünde und Genthin an. „Doch den Grundstein hatten wir gelegt und mit jedem Treffen wurde es voller und auch vielfältiger“, sagt Giese stolz. Viele Gäste wundern sich und stellen mit Erstaunen die Frage: „Wo habt ihr denn jedes Jahr immer wieder andere Technik her?“ Das sei ganz einfach zu erklären, sagt der zugezogene Jerichower: „Die vielen Besucher stellen hier ihre Fahrzeuge vor, die sie selbst mitbringen.“

Denn die Jerichower Oldtimergemeinschaft stellt sich selbst zurück: Jedes Mitglied darf nur ein Gefährt seiner Wahl zu diesem Fest auffahren. „Sonst reicht der Platz einfach nicht für die Gäste“, so Fromm. Denn auch wenn der Domänenhof westlich der Klosterkirche einem weiträumigen Eindruck macht, so täuscht das. Denn wenn über 2000 Oldtimerfreunde, wie 2019, den Platz bevölkern, „müssen manche draußen warten, bis wieder jemand abreist.“ Insgesamt, so betont Vereins-Chef Giese, steht und fällt eine solche Veranstaltung mit seinen Unterstützern: „Ob es unsere Frauen, Freunde oder die Stadtverwaltung sind – nur gemeinsam können wir das stemmen.“

Ausfahrten zu Himmelfahrt und im Sommer

Ein weiteres Standbein des vereins sind die gemeinsamen Ausfahren, einmal zu Himmelfahrt, über ein verlängertes Wochenende und jedes Jahr im Sommer eine Wochentour ins Ausland. „Für den Wochenendtrip suchen wir uns immer ein Ziel mit einem Technikmuseum“, sagt Lücke. Doch ihre bisher längste gemeinsame Tour führte sie in die Masuren. „Mit der Fähre ging es erst nach Danzig und von da aus mit ihren Motorrädern und dem Werkstatt-Bus plus Anhänger von Stadt zu Stadt.“

Der macht immer Sinn, so Giese, „nicht, weil die Motorräder ständig kaputt gehen“, sondern um Nachzügler das Mitfahren zu ermöglichen. Ein Vereinsmitglied musste nachreisen und konnte erst in Polen zur Truppe stoßen. Also schnallte man das Motorrad einfach auf den Anhänger, holte den Kameraden vom Flughafen ab und der nahm dann auf seiner Sitzbank Platz.

Sollte doch mal etwas defekt sein, merkt Lücke auf, „gibt es bei uns eine klare wie praktische Regelung.“ Was nicht innerhalb einer Zigaretten-Pause repariert werden könne, komme auf den Anhänger! „Dann wird es an der Unterkunft wieder fit gemacht.“ Die Übereinkunft habe sich bei den Ausfahrten bewährt, betont Giese, so komme die Truppe immer pünktlich ans Ziel. „Wir haben den Ruf, ein Motorradclub zu sein, dabei sind wir Oldtimerfreunde ohne eine Spezialisierung.“

Doch Mopeds und Motorräder gelten bei den Jerichowern, und nicht nur bei ihnen, als fahrende Erinnerungen ihrer Jugendzeit. Daran denken die Mitglieder um Giese, Fromm und Lücke gern zurück. Das der Verein in der Szene als Motoradlastig gilt, ist purer Zufall, so Giese, „es ist einfach so gewachsen.“