Genthin l „Wir sind so mutig und wollen unser Jubiläum doch noch begehen“, sagt die Vorsitzende des Musik-Expresses Anna Bernicke. Um das Konzert zu ermöglichen sind im Stadtkulturhaus gleich zwei Konzerte am Wochenende vo 17. und 18. Oktober angesetzt worden. Auf diese Weise sollen die Zuhörer in ausreichendem Abstand und ohne größere Ansammlungen im Saal platziert werden können.

„Zusammengehörige sollen aber zusammen sitzen können und nur zur nächsten Besuchergruppe ist Abstand einzuhalten.“ Dass ausgerechnet das Jubiläumsjahr mit Einschränkungen und Absagen verbunden sein würde, hätten sich die Mitglieder des Musik-Expresses nicht vorstellen können, als die Planung für ein großes Festkonzert am Muttertag konkreter wurden. Doch dann war alles dahin. Erst der Lockdown mit Proben- und Auftrittsbeschränkungen, dann die Begrenzung von Teilnehmern bei Veranstaltungen. Mittlerweile ist einiges gelockert worden, unsicher bleibt die Situation dennoch.

Fans warten seit Monaten

Dabei warten die Fans der Gruppe seit Monaten auf einen Auftritt der Gruppe. Denn schließlich soll mit dem Konzert die Bandbreite und das Können des Ensembles gefeiert werden, dass seit 1970 besteht. Angefangen hat das Ensemble allerdings ganz anders. Und wenn heute Kirchen, Zelte und Freiluftveranstaltungen bevorzugte Auftrittsorte sind, ging es 1971 erst einmal in einem Schulgebäude los. Genauer im Neubau der heutigen Sekundarschule „Am Baumschulenweg“. Der damalige Genthiner Bürgermeister Adolf Degen machte seinerzeit 20 000 Mark aus der Stadtkasse für neue Musikinstrumente locker.

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Und so zog das 1970 gegründete Pionierblasorchester unter der Leitung von Hans Rosolsky in die neu erbaute Schule ein und hatte zur Einweihung des Hauses seinen ersten Auftritt. „Es war damals als erstes Jugendblasorchester des Kreises Genthin gegründet worden“, berichtet Andreas Jutzi, heute Moderator und Trompeter beim Musik-Express.

1971 wurde die Gruppe ins Bezirksmusikkorps (BMK) Magdeburg aufgenommen, das sich aus elf verschiedenen Orchestern vieler Kreise des ehemaligen Bezirkes Magdeburg zusammensetzte. Das Repertoire bestand zu dieser Zeit aus Märschen, Polkas und Kampfliedern der damaligen DDR. „Die Noten waren gedruckt und mussten zur Vervielfältigung per Hand abgeschrieben werden, was häufig ein abendfüllendes Programm war“, sagt Jutzi. Druck- und Schreibfehler seien vorprogrammiert gewesen. „Dies hörte man dann in der Probe.“

Programme ständig erweitert

Die musikalischen Programme wurden ständig erweitert. Es gesellten sich lange Walzermelodien dazu und Stücke von Paul Lincke, ebenso gab es festliche Musik von Bach und Beethoven. Regelmäßige Auftritte waren die Jugendweihefeiern.

Die Mitglieder nahmen auch schon mal richtig weite Wege auf sich: Mitte der 70er Jahre war es üblich, dass die damaligen Orchesterchefs einmal im Jahr mit ihren Privatautos der Marke Wartburg zum Instrumentenkauf oder deren Generalreparatur nach Klingenthal fuhren, damals wie heute eine der Hochburgen des Instrumentenbaus. „Aus dieser Zeit stammen sogar noch heutige spielfähige Vereinsinstrumente“, berichtet die Vereinschronistin Petra Schulenburg. Schon damals gab es Teilnahmen an Probenlagern und Prüfungen. Auch die roten Jacken können bis in die damalige Zeit belegt werden. 1976 sah die Orchesterbekleidung so aus: rote Jacken, graue Westen, blaue Wickelröcke oder Schlaghosen, weiße Stiefel oder Mokassins.

Die Jahre 1983 bis 1985 bedeuteten eine Durststrecke für das Ensemble, Orchesterleiter Hans Rosolsky hatte nach zwölf Jahren aus gesundheitlichen Gründen die Leitung abgegeben, Trompeten- und Schlagzeuglehrer Paul Torge, selbst bereits über 80 Jahre alt, leitete in dieser Zeit die Gesamtproben. Doch war keine kontinuierliche Arbeit mehr möglich.

Nachwuchsarbeit stagnierte lange

Die Nachwuchsarbeit stagnierte und die Musiker begannen in Eigeninitiative sich musikalisch fortzubilden und pflegten gegenseitige Ausbildung. Einen Sprung nach vorn gab es 1985 als Sven Schulenburg die musikalische Leitung übernahm. Mit ihm ging ein echtes Eigengewächs des Ensembles an den Start, war er doch im Orchester ausgebildet worden. Ein erster Höhepunkt unter seiner Ägide war das Jubiläumskonzert zum 15-jährigen Bestehen.

1988 gab es 120 Anfänger im Theorie-Lehrgang, 20 von ihnen erlernten ein Instrument. Die Wende überstand das Orchester auch aufgrund dieses musikalischen Rückhaltes. Ende 1992 wurde mit der Gründung des eingetragenen Vereins „Genthiner Musik-Express“ eine neue rechtliche Existenzgrundlage geschaffen. Eine echte Wegmarke, vor allem da zu dieser Zeit weitere 16 Vereinsmitglieder hinzukamen.

„Heute zählt der Verein etwa 20 aktive Mitglieder im Alter zwischen 13 und 60 Jahren“, sagt Anna Bernicke. Sie hatte in den vergangenen Jahren einen großen Anteil daran, dass das Ensemble regelmäßig bei Wettbewerben und Orchestervergleichen teilnahm. Oft kehrte die Gruppe golddekoriert von solchen Veranstaltungen zurück in die Heimat.

Rock, Pop und Swing

Im Laufe der vergangenen 25 Jahre habe der Musik-Express ein Programm mit Rock und Pop sowie Swing-Elementen ausgearbeitet, zu denen auch Film- und Musicalmelodien gehören. „Wir überarbeiten diese Elemente immer wieder, so dass wir für die Zuhörer interessant bleiben.“ Am Wochenende ist es wieder so weit und der Express nimmt musikalisch Fahrt auf.