„Das Leben kann man nicht von A bis Z planen, seit offen für die Dinge, die rechts und links des Weges auftauchen, denn das ist oft das Interessanteste im Leben", den Ratschlag mit Mut hinauszugehen und offen für Neues zu sein, schickte Bianca Fliß ihrem Vortrag über ihren ungewöhnlichen Lebensweg vorweg. Bis nach Ägypten führten sie ihre eigene Neugier und Offenheit. Vor mehreren Schulklassen, Lehrern und Freunden des Bismarck-Gymnasiums, sprach die 36-Jährige in einer besonderen Unterrichtsstunde im Kreishaus auf Einladung ihrer früheren Lehrerin Corinna Wienmeister.

 

2003 machte die Referentin in Genthin Abitur. „Damals war ich mir sicher Neurowissenschaften zu studieren und in diesem Bereich zu arbeiten." Doch es kam alles ganz anders. Denn Bianca Fliß wollte mit ihrer Arbeit etwas bewirken. Wo und was, war anfangs noch nicht klar. Nach einem Work & Travel in Australien, wo sie in der gehobenen Gastronomie tätig war, gab es einen neuen Berufswunsch: Hotelfachfrau.

Praktikum bei wohltätiger Organisation

Nachdem sie bei namenhaften Hotelketten in Hamburg und Frankfurt a. M. Tätig war entschloss sie sich mit Mitte 20 dann doch zum Studium der Volkswirtschaftslehre und Philosophie. Als ein Kommilitone ihr ein Praktikum bei einer Entwicklungsinitiative in Ägypten anbot, sagte sie zu. Aus dem Praktikum wurde eine Anstellung im Bereich internationale Beziehungen und Bianca Fliß bildete sich weiter. Mit einem Fernstudium, berufsbegleitend im Fach „Green Economy", ein Fachbereich, der eine nachhaltige Wirtschaft betrachtet, die Ressourcen schont und die Umwelt weniger belastet.

 

Bis dahin sei in ihrem Leben kein roter Faden gewesen befand Bianca Fliß und doch zeigten sich die jungen Zuhörer fasziniert vom Tatendrang und Bildungshunger der Referentin. Heute liege ihr Ägypten sehr am Herzen, es sei ein faszinierendes Land. Die Hauptstadt Kairo mit 22 Millionen Einwohnern in der Region, eine pulsierende Metropole und offenen Menschen.

 

„Die meisten Ägypter leben am Fluss Nil, an dessen Ufern auch das wenige fruchtbare Ackerland liegt." Bianca Fliß ist heute für die  deutsche Gesellschaft für Organisation, Planung und Ausbildung (GOPA) als Bildungs- und Sozialexpertin in Ägypten tätig. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und der KfW-Bank arbeitet GOPA unter anderem an der Verbesserung der Infrastruktur und des Sozialwesens in verschiedenen Ländern der Welt. „Meine Aufgabe ist es, gemeinsam mit meinen Kollegen, dafür zu sorgen, dass Kinder in Ägypten eine vernünftige Schulbildung bekommen, in dem sie würdige Möglichkeiten zum Lernen bekommen.

 

Verrottete Schulbänke

Denn gerade in den ärmlichen Dörfern seien die Probleme immens. In den veralteten Schulgebäuden gibt es oft nur verrottete Schulbänke aus Holz, in denen sich viel zu viele Kinder drängen. „60 Schüler in einem Klassenraum sind keine Seltenheit, man findet auch Schulklassen mit 75 oder sogar bis zu 100 Kindern." Der Lärmpegel sei enorm und die Lernbedingungen weder für Lehrer noch für Schüler zumutbar. Häufig gäbe es in den Schulen eine Vormittags- und eine Nachmittagsschicht, um überhaupt alle Kinder zu beschulen.

 

Im Sommer herrschen über Monate Außentemperaturen von 35 bis über 40 Grad. „Dann ist es eigentlich immer heiß." Also blieben alle Fenster geöffnet und dem Staub der Wüste ausgesetzt, weil es sonst kaum erträglich wäre.  „In Coronazeiten wird die Eröffnung der Schulen Mitte Oktober eine Riesenherausforderung, da Abstandsregeln wie in Deutschland einfach nicht umsetzbar sind." Mit ihrer Organisation betrachtet Fließ die Gesamtsituation in den Dörfern: Wie viele Kinder gehen zur Schule, wie weit sind deren Schulwege, in welchem Zustand sind die Schulgebäude? „Wir haben dann die Möglichkeiten die Gebäude zu sanieren, sie zu Erweitern oder neu zu bauen."

Außerdem würden Schulleiter, Lehrer und Sozialarbeiter über mindestens drei Jahre qualifiziert und weitergebildet. Bianca Fliß ist in 200 Schulen tätig. Und obwohl sie bei ihrer Arbeite mit viel Armut und Not zu tun hat, ist ihr Ägypten ans Herz gewachsen. Ist doch das Land mit ihrem persönlichen Lebensglück verbunden, hat sie doch ihren Mann Ahmed Galal Shenishan in ihrer zweiten Heimat kennengelernt.

Planänderungen

Derzeit muss sie dieser aufgrund der Corona-Regeln ein wenig länger fern bleiben als geplant und habe daher ihren Aufenthalt in der alten Heimat Deutschland für den Vortrag nutzen wollen. „Irgendwann kommt man dahin, wo man im tiefsten Inneren hinmöchte, auch wenn es manchmal ein wenig dauert", bilanzierte Bianca Fliß ihre Erfahrungen.