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Blockflöte Mehr als nur ein Kinderspielzeug

Am 10. Januar ist der Tag der Blockflöte. Doch wie viele Menschen erlernen das Instrument überhaupt noch? Ein Blick nach Genthin.

Von Mike Fleske 10.01.2019, 06:00

Genthin l Es sind vertraute Klänge aus der Kindheit, die regelmäßig die Räume der Kreismusikschule erfüllen. Manchmal etwas fiepend, manchmal schief, aber doch kommt der Holzblaston immer wieder heraus und auch manch bekannte Melodie. Flötenklänge, die so manche Eltern übender Kinder auch mal wahnsinnig machen können.

An der Kreismusikschule ist die Nachfrage nach Unterricht ungebrochen: „Momentan haben wir 20 Schüler, die in unserer Einrichtung von drei Lehrkräften unterrichtet werden“, sagt Rainer Voß, Leiter der Kreismusikschule „Joachim a Burck“. Mehr als die Hälfte ist elf bis 15 Jahre alt. Auch zwei Erwachsene lernen Blockflöte zu spielen. „Freie Kapazitäten im Fach Blockflöte/Querflöte haben wir noch in Genthin.“ Dort seien es derzeit nur zwei Schüler.

In der musikalischen Früherziehung spiele die Blockflöte noch heute eine große Rolle. Aus guten Grund. „Die Anschaffung eines eigenen Instrumentes ist nicht so preisintensiv wie die eines Klaviers oder eines Saxophons.“ Sollte die Entscheidung, ein Instrument zu erlernen, sich als nicht richtig herausstellen, bleibe man nicht auf teuren Instrumente sitzen, meint Voß.

Zudem sei die Blockflöte ein hervorragender Einstieg für alle anderen Instrumente. Das bestätigt auch Anna Bernicke, Vorsitzende des Genthiner Musikexpresses. „Das Beherrschen der Blockflöte ist generell von Vorteil, denn erste Notenkenntnisse und ein Gefühl für Takt und Rhythmus können bereits gegeben sein.“ So sei über die Blockflöte auch ein Umstieg auf die klassischen Instrumente des Swing- und Big-Band-Ensembles möglich: „Geeignet wären zum Beispiel Querflöte, Saxophon oder Klarinette.“ Auch Trompete oder Horn seien möglich.

Das Blockflötenspiel pflegt seit Jahren die Grundschule Schlagenthin mit einem eigenen Blockflötenensemble.

Nachdem es zwei Jahre ruhig gewesen ist, wird nun wieder eine Blockflötengruppe aufgebaut. Frei nach der Devise: „Mit selbstgespielten Tönen zu Harmonie und Erfolg“, wie Schulleiterin Gabriele Tusch erklärt. „Kinder an das Musizieren heranzuführen, ist ein fester Bestandteil unserer Arbeit, deshalb fördern wir die Blockflötengruppe sehr.“

Die Leitung liegt in den bewährten Händen von Lehrerin Claudia Lehmann, die bereits in den vergangenen Jahren die Ensembles betreut hat und mit ihnen bei Weihnachtsveranstaltungen oder Schulfesten aufgetreten ist. „Wir beginnen mit der ersten Klasse und führen die Schüler an das gemeinsame Musizieren heran.“

Allerdings muss auch in Schlagenthin kräftig für das Instrument geworben werden. Denn Beliebtheitsstürme löst die Blockflöte nicht mehr aus. Seit 1995 hat sich die Zahl der flötenden Musikschüler auf 50.000 halbiert, hieß es vom Verband Deutscher Musikschulen. Dabei hat die Blockflöte immer wechselhafte Zeiten mitgemacht.

In Europa etablierte sich das Instrument, das aus einem Holzblock gebohrt und gedrechselt wird, ab dem 15. bis ins 18. Jahrhundert. Unter den deutschen Komponisten haben neben Johann Sebastian Bach zum Beispiel Johann Mattheson und Georg Philipp Telemann herausragende Werke für Blockflöte hinterlassen.

Dann wurde sie von der Querflöte verdrängt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war die Blockflöte als Instrument so unüblich, dass der berühmte russische Komponist Igor Strawinsky sie für eine Art Klarinette hielt, als er die Blockflöte das erste Mal sah.

Erst vor rund 90 Jahren folgte die Wiederentdeckung. Die Blockflöte hielt in den folgenden Jahrzehnten Einzug auch in die Popmusik. Insbesondere in der Beat-Ära der 60er Jahre war die Blockflöte ein gern eingesetztes Instrument der damals aktuellen Bands. Die Beatles nutzten sie etwa beim Titel „The Fool on the Hill“. Auch Musiker wie Mike Oldfield, Kate Bush oder Van Morrison griffen auf das vermeintliche „Kinderinstrument“ zurück.

Selbst die deutsche Elektronikgruppe (!) Kraftwerk nutzte auf ihrem berühmten Album „Autobahn“ Blockflötenklänge. Aber das ist 40 Jahre her.

Für Kinder und Jugendliche gibt es heute andere Vorbilder. „In der Popmusik wird viel mit Gitarre und Keyboard gearbeitet, deshalb sind diese Instrumente auch sehr beliebt bei angehenden Musikschülern“, sagt Marcus Brien, Inhaber der gleichnamigen privaten Musikschule in Genthin.

Derzeit habe er nur zwei Schüler, die Blockflöte lernen. „Die ist immer noch interessant, aber die Verlage haben mittlerweile sehr gute Lernliteratur für junge Schüler anderer Instrumente, deshalb lassen sich heute sehr schnell Erfolge auch auf Tasten- oder Saiteninstrumenten erzielen.“

Bedeuten fehlende Vorreiter und unzählige Alternativen das Ende für die Blockflöte? „Nein“, sagt Rainer Voß. „Wir halten in unserer Musikschule die Blockflöte immer noch für ein hervorragendes und wichtiges Instrument für den Einstieg in die Materie Musik.“ Voß sieht es positiv: „Die Zeit der Blockflöte ist nie vorbei.“

Eltern können sich also sicher sein, dass sie auch künftig manches Fiepen aus der Blockflöte ihrer übenden Kinder vernehmen werden.