Genthin l Wolfgang Bernicke hat gute Gründe, ausgerechnet jetzt eine Schrift über Genthins ehemaligen Bürgermeister Wilhelm Struß (1878 bis 1933) vorzulegen. Wilhelm Struß, trat vor 100 Jahren sein Amt als Genthiner Bürgermeister an, sein Freitod jährt sich am 29. April zum 85. Mal. Seine Biografie wurde nie historisch verlässlich aufgearbeitet. Ein Interesse an seiner Person gab es nicht. Vielen jüngeren Genthinern ist er wohl auch deshalb ein Unbekannter geblieben. Erst 2012 unternahm Diplom-Historiker Klaus Börner einen ersten Versuch, sein Leben nachzuzeichnen. Struß bleibt so bis auf den heutigen Tag eine schillernde Figur.

Aufschwung mit Henkel

Daran ändert auch Bernickes neueste Schrift nichts, die gegenwärtig zunächst als Vorabdruck vorliegt. Der Autor erhebt auch nicht den Anspruch einer exakten wissenschaftlichen Arbeit. Dennoch kann er, locker erzählend, viele heimatgeschichtlich Interessierte in das „verschüttete Kapitel“ der Stadtgeschichte hineinziehen.

In die Amtszeit von Wilhelm Struß fällt von 1923 bis 1926 die Ansiedlung von Henkel, die einen unbestrittenen wirtschaftlichen Aufschwung für Genthin mit sich brachte. Bernicke versucht in seiner Arbeit, die Legenden um Struß, die sich um sein Werben um Henkel ranken, weitestgehend unkommentiert darzustellen. Wie andere Autoren, beispielsweise Klaus Börner, kommt auch Bernicke zu dem Schluss, dass in Struß‘ Amtszeit der ackerbürgerliche Charakter der Stadt unter schwierigen politischen und wirtschaftlichen Umständen überwunden wurde. Im Unterschied zu anderen Beiträgen belegt er dies allerdings sehr detaillreich.

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Massive Vorwürfe

Struß wurde bei Parlamentswahlen in den Jahren 1922, 1927 und 1929 von den Räten zum Oberhaupt der Stadt Genthin gewählt. Bei der letzten Wahl im Jahr 1930 sprachen ihm die Räte sogar das Vertrauen für eine zwölfjährige Amtszeit aus. Dazu kam es bekanntermaßen nicht mehr. Gegen Struß standen massive Vorwürfe im Raum - Korruption, Amtsmissbrauch und Untreue durch Unterschlagung. Während in anderen Beiträgen diese Umstände „gesetzt sind“, schreibt Bernicke: „Ob es so war – diese Frage kann nicht mehr geklärt werden.“

Wilhelm Struß wurde 1933 vom Regierungspräsidenten seines Amtes enthoben, da es in der Kämmerei zu Unregelmäßigkeiten gekommen war, die auf Struß‘ mangelnde Aufsicht zurückgeführt wurden. Er wartete das Ergebnis des Dienststrafverfahrens nicht ab und erschoss sich in der Bürgermeisterwohnung (Bahnhofstraße 8) mit einem Jagdgewehr. Den Freitod setzt Bernicke in seiner Arbeit nun in den Kontext der nationalsozialistischen Herrschaft. Dazu zieht er vor allem Auskünfte von Zeitzeugen, Heimatforschern und einer Tochter von Struß heran. Diesen Passagen liegen umfangreiche Recherchen zugrunde, die so gebündelt erstmalig nachzulesen sind.

Was Bernicke bewogen hat, diese „alte Geschichte wieder auszukramen“, fällt ihm leicht zu beantworten. „Sowohl Struß als auch ich zählen zu den dienstältesten Bürgermeistern Genthins. Wir haben beide gesellschaftliche Umbrüche erlebt und mitgestaltet. Wilhelm Struß von der Monarchie zur Weimarer Republik und ich den Wechsel von der DDR zum geeinten Deutschland“, sagt Bernicke.

Zurückhaltung in der Stadt

Er geht soweit, in seiner Arbeit angesichts der Jahrestage, die sich 2018 mit der Person Struß verbinden, den Stadtrat aufzufordern, erneut über eine Würdigung „dieser herausragenden Persönlichkeit nachzudenken“. Mit dieser Aufforderung betritt er allerdings ein politisches Minenfeld. Schon 1995 fiel ein solcher Vorschlag unter der Ägide des damaligen Bürgermeisters Bernicke durch. Genauer gesagt, er wurde von ihm selbst zurückgezogen. Offen blieb, wie man zu einem gerechten Urteil gegenüber Struß kommen kann. Der Stadtrat zog sich auf den Standpunkt zurück, dass die Vorwürfe gegen Struß bis heute nicht geklärt sind.

Seine Arbeit hat Wolfgang Bernicke ergänzt um die Kapitel über die Bürgermeister bis 1945, folgend die Bürgermeister der DDR-Zeit und die Bürgermeister nach der Wende bis zur Gegenwart. Bernicke hatte bekanntermaßen in der Parteienlandschaft der Nachwendezeit zuweilen einen schweren Stand. Sicherlich kann man über einige bissige, zuweilen auch ironische Anmerkungen unterschiedlicher Meinung sein. Bernicke kann immer noch polarisieren. Nicht jeder wird deshalb beim Lesen jubeln. Zu einem zeitgeschichtlichen Dokument wird das neue Heft, herausgegeben vom Förderverein Stadtgeschichte, trotzdem werden.