"Ghetto Oldies" treffen sich nach Jahrzehnten in Genthin wieder

Die selbsternannten Alten der 80er zeigen Herz für die Heranwachsenden

Von Simone Pötschke

Genau 201,15 Cent übergaben gestern Vormittag die "Ghetto Oldies" an Schüler der Genthiner Ganztagsschule "Am Baumschulenweg". Das Geld wurde bei einem großen Treffen im September gesammelt.

Genthin l Nein, wie Oldies sehen sie ganz und gar nicht aus, Jannett Borstel, Andrea Krause (geb. Haas) und Sven Stroczinsky. Und der Zusatz "Ghetto" könnte auch nicht gerade für ihre Liebenswürdigkeit sprechen. Zum Glück ist aber alles ganz anders, klärt Sven Stroczinsky schnell auf, als er den Schülerinnen eine Sammelbüchse voller Geldstücke überreicht, die beim Treffen im September der "Ghetto Oldies" die Runde machte.

"Ghetto Oldies" ist ein selbstgewählter Eigenname für junge Genthiner, die sich zu DDR-Zeiten regelmäßig auf dem Gelände hinter der damaligen Ernst-Thälmann-Oberschule trafen. Im Kreis eingegrabene Reifen bereiteten den Jugendlichen in diesem Bereich besonders großen Spaß.

Sven Stroczinsky berichtet davon, dass "dieses beschauliche Plätzchen schon von Generationen vor uns" genutzt worden sei.

Ein bisschen schwärmerisch erzählen die jungen Leute auch von ihren "Simsons", die sie seinerzeit gefahren sind. Sven Stroczinsky: "Damit haben wir diverse Wege, etwa Stadtrunden, Fahrten zum Badesee oder das Überqueren der Fußgängerbrücke erledigt." Heute darf die Fußgängerbrücke aus Sicherheitsgründen übrigens nur zu Fuß passiert werden, weil das Geländer zu tief ist.

"Wir waren überwältigt. Mit über 100 Teilnehmern haben wir nicht gerechnet."

Sven Stroczinsky

Natürlich hat Sven Stroczinsky auch eine Erklärung dafür parat, warum sich die Oldies ausgerechnet "Ghetto Oldies" nennen: "Wir verbinden damit keinerlei politische oder geschichtliche Hintergründe. Bei dieser Namensgebung stand sicherlich der sozialistische Wohnungsbau Pate. Denn rund um das ¿Ghetto\' standen die üblichen, mehrstöckigen Häuser, die Neubauten, heute wohl eher als Platte bekannt".

In der Runde mit den Schülern kam gestern übrigens verhaltenes Gelächter auf, als die "Ghetto Oldies" von einer Jugend in den 1980er Jahren ohne Computer und Handy erzählten.

Dass die Erinnerung an das "Ghetto" noch einmal alle Oldies zusammenführen könnte, war die Idee von Andrea Krause, Sven Stroczinsky und Thomas Heerlein.

Ein erster Anlauf vor einigen Jahren misslang zunächst, weil nur ein relativ beschränkter Personenkreis erreichbar war. Jetzt reichten fünf Monate, um über Facebook viele Genhiner "Ghetto Oldies", die es in alle Himmelsrichtungen verstreut hat, aufzustöbern. Das Organisationsteam war überwältigt: Weit über 100 Oldies, ganz unterschiedlicher Jahrgänge, fanden sich zum Treffen im September in der Kanalstadt ein, sie reisten aus München, Berlin, Hannover, eben aus ganz Deutschland an. Einer nahm sogar den Weg aus London auf sich.

Flippig und ein bisschen wehmütig überschrieben die selbsternannten Oldies ihr Treffen in der Einladung: Ghetto Oldies - Dont worry, be eighties ( die Alten des Ghettos, sei nicht traurig, sei ein Achtziger) .

"Es stand von Anfang an fest, dass wir der Schule etwas Gutes tun und Geld sammeln."

Sven Stroczinsky

Vor dem offiziellen Treffen in der Gaststätte "Heideeck" konnten sich die Oldies auf dem Platz an der ehemaligen Ernst-Thälmann-Schule, der jetzigen Ganztagsschule "Am Baumschulenweg", einfinden. Dorthin fanden etwa 40 Leute zurück.

"Wir hatten bei der Organisation nicht bedacht, dass es eine Terminüberschneidung mit dem Kartoffelfest gibt, sonst wäre sicherlich die Resonanz noch besser gewesen", ist sich Sven Stroczinsky absolut sicher.

Mit dem ersten Treffen der Organisatoren am 30. April diesen Jahres stand bereits fest, dass man mit der Veranstaltung auch der Ganztagsschule "Am Baumschulenweg" etwas Gutes tun wolle, berichteten die Organisatoren, so dass die Sammelbüchse die Runde machte.

"Das lag mir persönlich am Herzen, weil auch ich hier zur Schule gegangen bin", sagte gestern Sven Stroczinsky im Kreise von Schülern und Schulleiterin Monika Reinhold.

Zu welchem Zweck das Geld ausgegeben wird, stand gestern jedoch noch nicht fest. Auf jeden Fall aber war die Freude über den Geldsegen groß.

Wenn es nach dem Willen von Andrea Krause, Sven Stroczinsky und Thomas Heerlein geht, soll es irgendwann einmal wieder ein Treffen der Genthiner "Ghetto Oldies" geben.

Auch dann wird wieder für die Ganztagsschule "Am Baumschulenweg" gesammelt, stellte Sven Stroczinsky in Aussicht.