Jerichow/Parey l Frank Ermer, Vorsitzender des Havelberger Heimatvereins, stellte vor kurzem in Jerichow ein wichtiges Verzeichnis zum Dokumentieren von Ziegeleistandorten vor: die Ziegelei-Map (ZGLMAP). Darin werden ehemalige Ziegeleien erfasst, über die heute schon Gras wächst, vielleicht noch eine verwitterte Backsteinmauer zu sehen ist oder ein Flurname den einstigen Standort bezeugt. Das Besondere an diese Karte ist seine Interaktivität und, „dass jeder Interessierte ein ZGLMAP-Mitwirkender werden kann“. Historisch wie baugeschichtlich interessierte Menschen haben hier die Möglichkeit, sich am ZGLMAP-Projekt inhaltlich und unterstützend beteiligen. Das können einzelne oder auch Vereine sein, so Ermer und verweist auf den engen Kontakt mit dem Verein „Freunde der Ziegeleigeschichte Mark Brandenburg“. Denn die Zeit drängt.

Ermer bildet Gäste-führer aus und unterwies sie in dem Erkennen von Ziegelformen und den unterschiedlichen Ziegelstempeln, denn so sagt er, zu jedem Stempel gebe es immer eine bestimmte Ziegelei. „Nach dem theoretischen Unterricht wollte ich dann meine zukünftigen Gästeführer auf die Pirsch nach Ziegelstempeln schicken.“ Dafür hatte der Heimatforscher die Fassade eines alten Wohnhauses im Blick. Doch bis zur Exkursion vergingen zwei Wochen – Frank Ermer hatte Urlaub – und stellte dann mit Erschrecken fest: „Die Ziegelwand war nicht mehr da.“ Sie wurde in dieser Zeit abgerissen und mit Kalksandstein ausgemauert. 14 Tage reichten aus, um ein wichtiges steinernes Zeitdokument verschwinden zu lassen und damit auch die Informationen, die Aufschluss über die Ziegeleigeschichte der Region hätte geben können.

Wenige Ziegeleien bis 19. Jahrhudnert

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war die Anzahl der Ziegeleien im Elbe-Havel-Dreieck noch gering. Sie produzierten überwiegend für den regionalen Bedarf, etwa für Kirchen und Herrenhäuser. Mit dem Beginn der Industrialisierung stieg ihre Zahl etwa ab 1840 auf eine fast unüberschaubare Anzahl an. So gab es unter anderem in Jerichow zwei Ziegeleien, die Amts-Ziegelei, geführt durch die Klosterdomäne und Ratsziegelei, die dem Amt Jerichow unterstand. In Parey konnten bisher 18 Ziegeleien dokumentiert werden. Für fast jeder Ortschaft im Elbe-Havel-Winkel konnten die Ziegelforscher wenigstens eine Ziegelei ausfindig machen. Oftmals gelingt das heute nur noch in enger Zusammenarbeit mit den Ortschronisten mit ihren akribisch geführten Archiven.

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Deren Daten über Standorte, Namen und Zeitdauer der Produktion flossen in diese Karte. Zu nennen sind hier Christiane Wagner aus Parey und Christa Schmette aus Derben. Hannelore Dümecke forscht nach den Bergzower Ziegeleien und Ortschronist Horst Wedau konnte Informationen zur Ziegelei bei Ferchland beisteuern. In Archivalien und der Literatur als auch Zeitungen aus damaliger Zeit ist einiges über die Geschichte der Ziegeleien zu erfahren. Die Arbeiter auf den Ziegeleien wurden Ziegler genannt. Der Meister auf einer Ziegelei war ein Ziegelmeister. Die Besitzer einer Ziegelei wurden Ziegeleibesitzer genannt. Dabei gab es zum Teil Unterschiede zu den Betreibern einer Ziegelei, die nicht unbedingt die Besitzer derselben sein mussten. Ziegeleien wurde auch an Betreiber verpachtet. Das ist in den Fällen zu beachten, bei denen eine Ziegelei nach dessen Betreiber benannt wurde. Namenswechsel von Ziegeleien waren somit möglich. Doch mancherorts behielt die Ziegelei ihren „alten“ Namen aus Gewohnheit. Es wurden auch sogenannte Gemeindeziegeleien von Gemeinden betrieben oder von diesen an Ziegeleibetreiber verpachtet. In früherer Zeit wurden Ziegeleien teils auch nur temporär für die Herstellung von Ziegelsteinen zur Errichtung einer größeren Gebäudeanlage errichtet und danach wieder abgerissen. Über solcherlei Ziegeleien ist selten etwas in Erfahrung zu bringen. Dann kommen die Ziegelstempel zum Tragen.

Jeder Stempel weist auf Ziegelbrennofen hin

Beim Betrachten der alten Ziegel und historischen Bauwerke sind auf manchen stempelartige Eindrücke zu sehen, die teilweise Namen und Orte bezeichnen, oftmals sind es auch nur einzelne Buchstaben oder Zahlen. Jeder dieser Stempel weist auf einen der vielen Ziegelbrennöfen hin, die mit ihren Schornsteinen einst die Region prägten. Wer sich eine ungefähre Vorstellung machen möchte, wie es in der Elbe-Havel-Gegend um 1870 aussah, sollte einen Abstecher nach Parey machen, zum letzten erhaltenen Hoffmannschen Ringofen in der Region. Ansonsten erinnern heute nur noch die Ziegelbauten in den Städten und Dörfern und eine Vielzahl von kleineren und größeren Seen, den sogenannten Erdlöchern, an die Zeit des industriellen Aufschwungs.

Die ältesten Ziegel sind aus der Antike bekannt. Zu dieser Zeit wurden allerdings noch keine kompletten Gebäude aus Ziegelsteinen gebaut. Ziegel wurden damals als Schmuckelemente verwendet. Die ist mehr auf Ziegeleien aus der Neuzeit fokussiert und dabei speziell frühestens ab dem 18. Jahrhundert. Die meisten Informationen stammen von Ziegeleien ab dem Jahr 1800 und vermehrt aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit stieg die Zahl der Gesamt-Bevölkerung stetig an und es wurden in den Städten vermehrt Wohngebäude, öffentliche Gebäude, Wirtschaftsgebäude und Fabrikgebäude aus Ziegelsteinen errichtet. Es kam zum Bau sogenannter Mietskasernen, die ebenso aus Ziegelsteinen errichtet wurden. Selbst Ziegeleien wurden aus Ziegelsteinen errichtet. Die Produktionsmenge an Ziegelsteinen lag zwischen 1850 und 1900 pro Ziegelei bei 3 bis 5 Millionen Ziegelsteinen pro Jahr.