Genthin (ie) l Mit einer besonderen Situation müssen sich derzeit Naturschützer auseinandersetzen. In den vergangenen Wochen registrierten sie ungewöhnlich viele tote Blaumeisen. Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) bittet die Bevölkerung, tote und krank wirkende Vögel zu melden. Vereinzelt sollen bereits auch Kohlmeisen oder andere kleine Singvögel erkrankt sein. Nun möchte der Nabu herausfinden, ob sich eine neue Vogelkrankheit in Deutschland ausbreitet.

Betroffen ist laut Nabu-Experten bisher vor allem ein Bereich vom Westerwald in Rheinland-Pfalz über Mittelhessen bis ins westliche Thüringen. In Sachsen-Anhalt oder im Jerichower Land seien vermehrte Todesfälle von Singvögeln noch nicht aufgefallen. Diese Beobachtung bestätigt auch der Naturschützer und Vogelexperte Ernst Paul Dörfler aus Steckby bei Zerbst. „Meinen Blaumeisen im Garten geht es gut und meine Umfragen haben noch keine Totfunde von Blaumeisen ergeben“, berichtet er auf Volksstimme-Nachfrage. Dennoch müsse man diese Meldung ernst nehmen. „Die Ursachenforschung läuft gerade erst an. Es gibt aber schon Erfahrungen mit dem Amselsterben und dem Grünfikensterben.“

Virus aus tropischen Regionen

Hinter dem Amselsterben stecke das Usutu-Virus, das aus tropischen Regionen stammt. „2010 wurde es erstmals in Deutschland in Mücken entdeckt.“ In den Jahren darauf kam es entlang des Rheins zu ersten Epidemien, die sich später über ganz Deutschland ausbreiteten. „Die Vögel werden apathisch, verlieren ihr Fluchtverhalten und sterben. Gesunde, abwehrstarke Vögel entwickeln eine Immunität.“ Allerdings dominierte 2016 eine neue Amselgeneration ohne erworbene Immunität und die Krankheit brach erneut aus. „Wenn die Mückensaison überstanden ist, hat das Usutu-Virus keine Chance auf weitere Verbreitung.“ Es sei, so Dörfler, durchaus möglich, dass in diesem oder nächstem Jahr das Amselsterben wieder verstärkt auftrete. „Das Grünfinkensterben wird durch Trichomonaden (Einzeller) verursacht.“ Die Vögel werden auch bei dieser Krankheit apathisch, bevor sie verenden. „Das Finkensterben wurde erstmals 2009 beobachtet und trat bislang immer wieder und ausschließlich an Futter- und Wasserstellen auf. Sommerhitze und damit der Klimawandel fördern die Verbreitung des Erregers.“ Ein besonderer Ansteckungsherd seien Futterstellen. Deshalb empfiehlt der Experte die Fütterung einzustellen.

Dörfler macht auf noch etwas aufmerksam: „Nach neuen Studien von der TU Berlin wirkt sich das Füttern von Blau- und Kohlmeisen mit Meisenknödeln negativ auf die Lebensfähigkeit der Meisenküken aus.“ Das Meisenknödel-Fettfutter sei für Küken unverdaulich, sie verhungern, bevor sie flügge sind. „Insekten hingegen bieten leicht verdauliches Eiweiß und liefern zugleich Wasser.“ Daher rät der Experte: „Wenn man also den Meisen etwas Guten tun will, sollte man dafür sorgen, dass es ausreichend Insekten im Garten und in der Landschaft gibt.“ Günstig für die Förderung von Insekten und damit auch für den Vogelnachwuchs seien kräuterreiche Blühflächen statt kurzgeschorenem Rasen, blühende Sträucher und Bäume, Wasserflächen sowie Reisig- und Steinhaufen als Rückzugsgebiete. „Selbstverständlich sollte auf die Anwendung von Pestiziden, sowohl von Insektengiften (Insektiziden) als auch von Pflanzengiften (Herbiziden) konsequent verzichtet werden.“

Blühwiesen gut für Insekten und Vögel

Dörfler war mit Vorträgen und Exkursionen bereits mehrfach in Genthin zu Gast. Während eines Naturbeobachtungsabends im Volkspark in Altenplathow lobte er die Möglichkeiten, die sich der Natur bieten. Auch seien die eingerichteten Blühwiesen etwa an der Geschwister-Scholl-Straße und in der Reuterstraße ein guter Vorstoß für die Entwicklung von Insekten, Pflanzen und Vögeln. Übrigens, am Freitag, 17. April wird Dörfler mit seinem Buch „Nestwärme. Was wir von Vögeln lernen können“ zu Gast in der MDR-TV-Talkshow „Riverboat“ sein. Ausstrahlungstermin ist um 22 Uhr.

 

Wer leblose Meisen findet, kann sie hier melden: www.NABU.de/meisensterben