Jerichow l Familien sitzen am Sonnabendmorgen in der Einheitsgemeinde Jerichow am Frühstückstisch, plaudern über die Ereignisse der zurückliegenden Woche, planen ihr Wochenende oder lesen die Volksstimme. Doch mit dem ersten Hahnenkrähen starten zwei Frauen und neun Männer ihre Pkws und machen sich auf zum Feuerwehrgerätehaus in Jerichow. Hier wollen sie sich zu Feuerwehrkameraden ausbilden lassen.

Als Ausbilder fungiert Alexander Reinecke, Zugführer und stellvertretender Wehrleiter in der Kleinwulkower Ortswehr, er prüft die Feuerwehranwärter: „Was ist deine Funktion?“ Jeder im Ausbildungstrupp muss seinen Platz kennen. Plötzlich ruft er und es hört sich an wie ein Peitschenknall: „Achtung – folgendes Szenario.“ Schon tacken die Informationen an die Feuerwehradepten im Telegramm-Stil auf: „Halb links vom Waldweg – Bodenlauffeuer – Bekämpfung mit C-Strahl-Schlauch – Wasserentnahmestelle Unterflurhydrant – Verteiler B-Schlauch…“ und gibt das Ausführungskommando: „Zum Angriff fertig!“

Ausbildung ist Grundlage

Zum Glück handelte es sich diesmal nicht um einen Einsatz, sondern lediglich um die Ausbildung zum Truppmann, die sozusagen die Grundlage für jeden Feuerwehrmann bildet. Reinecke stoppt den weiteren Hergang, spricht die jungen Kameraden an. „Wiederhole den Auftrag…“

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Die elf angehenden Feuerwehrleute für die Ortsfeuerwehren Kade, Karow Brettin, Roßdorf, Schlagenthin, Zabakuck, Jerichow und Redekin sind nicht mehr nur junge Erwachsene, die den Schritt von der Jugendfeuerwehr in die aktive Wehr gehen wollen. Es sind auch Quereinsteiger, die mitten im Leben stehen und sich für ein Engagement in der Feuerwehr entschieden haben. Das sei ihnen hoch anzurechnen, sagte Stadtwehrleiter Ralf Braunschweig, unter dessen Leitung die, in der Feuerwehrfachsprache als Truppmann bezeichnete, Ausbildung stattfand. Schließlich bestehe die Basisausbildung aus 20 Ausbildungstagen zu je vier Stunden. „Das unter einen Hut zu bringen, mit Familie und Beruf, ist eine Herausforderung.“

Nicht wenige sind jedoch über das Interesse ihrer Kinder an der Kinder- oder Jugendfeuerwehr selbst zur Feuerwehr gekommen. Völlig normal sei inzwischen auch, dass nicht mehr nur Männer an den Grundausbildungen teilnehmen, sondern dass immer auch Frauen Interesse an der fordernden Tätigkeit des Brandbekämpfens oder Rettens zeigen. „Sie stellen sich der Ausbildung genau so wie ihre männlichen Kameraden – da gibt es keine Unterschiede“, so Patrick Hegewald, Stellvertreter des Stadtwehrleiters.

Premiere für Jerichower Stadtwehr

Die praktischen Ausbildungen finden jeweils sonnabends rings um das Jerichower Feuerwehrgerätehaus statt und werden zentral durch die Stadtwehrleitung geführt. „Hier legen wir mit der Grundausbildung das Fundament“, sagt Hegewald: Gefestigt werden die Inhalte der Ausbildung dann in ihren Wehren. Es ist eine Premiere für die Jerichower Stadtwehr, bis dahin hat jede Ortswehr der Einheitsgemeinde ihren Nachwuchs eigenverantwortlich ausgebildet. Ansonsten, so Hegewald „wird die Grundausbildung in Theorie und Praxis von den Kameraden zusammen in den einzelnen Ortswehren durchgeführt.“

Für einen Tag Gastgeber einer Schulung

Fast alle Ortsfeuerwehren werden für einen Tag Gastgeber der Schulung einer solchen Unterrichtseinheit. „Das hat den Vorteil, dass alle die Gegebenheiten in den Gerätehäusern in den jeweiligen Orten und sich untereinander kennenlernen.“ Schließlich müssten die Feuerwehrleute später auch Einsätze gemeinsam bestreiten. Für die gemeinsame Grundausbildung in der Stadtwehr spricht aber noch ein anderer Grund: Die Ausbildung erfolgt in allen Punkten auf dem gleichen Niveau. Neben den Grundlagen der Feuerwehr lernen die Teilnehmer in der Grundausbildung zudem Erste Hilfe – weitaus ausführlicher, als für den Führerschein notwendig ist – und das Funken.

Doch an erster Stelle stehen die Handgriffe, die ein Brandbekämpfer kenne, ja können muss, sagt Ausbilder Alexander Reinecke. Der stellvertretende Ortswehrleiter aus Kleinwulkow sagt: „Befehlsgebung, Antreteordnung, Fachbegriffe und deren Kürzel müssen sitzen!“ Jeder Truppmann muss seinen Platz im Fahrzeug genau kennen, „weil daran bestimmte Tätigkeiten gebunden sind“.

Handgriffe müssen sitzen

So nehmen auf der hinteren Sitzbank innen die zwei Angehörigen des Wassertrupps Platz, jeweils außen sitzen die Kameraden des Angriffstrupps. Der Gruppenführer sitzt im Fahrzeug vorn rechts, ist jedoch am Einsatzort an keinen Platz gebunden, nur so kann er alles im Blick haben und bei Notwendigkeit eingreifen, erklärt Reinecke. „Von entscheidender Bedeutung für den Truppmann sind die Handgriffe rund um den Löscheinsatz“, so der Ausbilder und betont, „dass üben wir, bis es die Neuen im Schlaf beherrschen.“ Dazu gehöre in erster Linie das Schlauchkoppeln – an den Hydranten wie auch an den Schlauchverteiler – und das Erkennen des besten Angriffspunktes. Dabei werden die Feuerwehrleute von Alexander Reinecke auch immer wieder auf die Beachtung der Sicherheitsvorschriften hingewiesen.

Gold wert sind seine Erläuterungen zum praktischen Einsatz: So soll der Schlauch immer in einem Bogen zum Brandherd gelegt werden, „dann habt ihr Spielraum und könnt näher ran an den Brandherd“, oder auch andersherum, „achtet darauf, dass ihr den Schlauch nicht verdreht und“, Reineckes Stimme nimmt an Schärfe zu, „immer den Verteiler sichern“.

Voraussetzung für aktive Teilnahme

Die erfolgreich absolvierte Truppmannausbildung ist Voraussetzung, um aktiv an Einsätzen teilnehmen zu dürfen. Nur ausgebildete Feuerwehrleute haben die Berechtigung, in den Gefahrenbereich vorzudringen. Dieser gilt ab dem Standort des Löschwasser-Verteilers. Nach Brandschutzgesetz und Dienstvorschrift können Mitglieder der Feuerwehr ab dem 16. Lebensjahr die Grundausbildung absolvieren. Diese setzt sich aus zwei Teilen und mindestens 150 Stunden Ausbildung zusammen. Am kommenden Sonnabend findet in Jerichow der nächste Ausbildungsabschnitt statt. „Thema wird die Technische Hilfeleistung sein“, gibt Patrick Hegewald schon mal einen Ausblick.