Jerichow l Es sollte um die „Glocken von Jerichow“ gehen, so stand es zumindest auf dem Programm, zu dem die Museumsmitarbeiter des Kloster Jerichow zum Internationalen Museumstag zahlreiche Gäste willkommen hießen. Doch es kam anders. Die Vortragende, Dr. Iris Engelmann von der Bauhaus-Universität Weimar, wollte mit ihren Aussagen zu Glocken und Glockenstühlen die Gäste auf ihr Vorhaben in dieser Region aufmerksam machen. „Ich habe bisher speziell zu diesem Thema in Thüringen und Sachsen geforscht“, sagt die Wissenschaftlerin. Dabei wurde ihr klar, dass es kaum Aufzeichnungen und damit Wissen über die historischen „Turmmöbel“ gibt.

Lückenhafte Dokumentation

Der Bestand an den alten Holzkonstruktionen sei auch hier, in Sachsen-Anhalt, nur lückenhaft dokumentiert. „Da, wo eine Kirche saniert wird, wissen die betroffenen Gemeinden um diese Konstruktionen.“ Fragt man nach, so Engelmann, hat mancher Pfarrer oder eine an der Sanierung beteiligte Zimmermannsfirma Aufzeichnungen, Baupläne oder Fotos von den Glockenstühlen. „Selbst Rechnungen sind interessant“, sagt sie, stehe doch darauf das verwendete Material und Bezeichnungen von Bauteilen, „und die helfen weiter.“

Engelmann will in Sachsen-Anhalt Licht in das Dunkel der Gebäudeforschung, speziell historischer Glockenstühle, bringen. Zusammen mit neun Mitarbeitern plant die Wissenschaftlerin, Kirche um Kirche aufsuchen und die Türme zu begutachten. Und das sind jede Menge. Sachsen-Anhalt besitzt bekanntlich die höchste Dichte an Sakralbauten im gesamten deutschsprachigen Raum.

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„Die Schwierigkeit ist es“, so Engelmann, „die Projekte ausfindig zu machen.“ Es gehe um Kirchen, in denen immer noch ein hölzerner Glockenstuhl stehe. Da renne ihr „die Zeit weg“, die sie brauche, um zu forschen.

Sanierungsbedarf nimmt zu

Engelmann erklärt die gebotene Eile: Seit etwa zehn Jahren nimmt der Sanierungsbedarf für Glockenstühle zu. Alte Konstruktionen werden entfernt – und durch neue aus Stahl ersetzt. Ein Grund dafür ist, dass die Eisenglocken durch Bronzeglocken ausgetauscht werden müssen. Die Lebensdauer von Eisenglocken beläuft sich auf nur etwa 80 Jahre. Eisen rostet von innen nach außen, dadurch ermüdet das Material und die Glocken reißen.

Die wohlklingenderen und langlebigeren Bronzeglocken wurden in den Weltkriegen häufig zwangsweise eingeschmolzen und in der Rüstungsindustrie zur Waffenherstellung genutzt. Folglich wurde das Geläut durch schwerere Eisenglocken ersetzt. Über die Jahre haben die Glocken allerdings zu Schäden an den - ursprünglich für leichtere Bronzeglocken ausgelegten - Holzkonstruktionen der Glockenstühle geführt. Jetzt tauscht man die Eisenglocken aus, gleichzeitig prüft man die historischen Glockenstühle auf ihre Tragfähigkeit und Erhaltungswürdigkeit. Hier setzt Iris Engelmann mit ihrer Forschung an. Dazu möchte sie so viele Wissensträger wie möglich mit ins Boot holen: „Wir wünschen uns sehr, dass Ämter, Pfarrer, aber auch Heimatforscher und Ortschronisten solche Vorhaben beim Landesamt für Denkmalschutz in Halle melden.“

Ziel ist ein Katalog

Mitarbeiter des Forschungsprojektes können dann die Konstruktionen erfassen und dokumentieren. Auch die Glockenstühle der Klosterkirche Jerichow werden sie demnächst in Augenschein nehmen, sagt Engelmann. So seien zwar Informationen über das Geläut vorhanden, doch die Glockenhalterung immer noch „ein Terra Incognita“ – ein unentdecktes Land. Ein Gast aus Jerichow wusste auch warum: Die Türme gelten als unzugänglich. Mit ihren Forschungen möchte Dr. Iris Engelmann einen Katalog erstellen, als eine Handreichung für Kirchgemeinden, Glockenbeauftragte, Denkmalpfleger und Architekten.