Genthin l „Wie war das Leben in der DDR?“ Für 16- oder 17-Jährige von heute ist diese Frage nicht leicht zu beantworten, denn die „Deutsche Demokratische Republik“ war schon lange Geschichte, als sie geboren wurden. Die Ausstellung „Voll der Osten“ zeigt auf 20 Tafeln mit 100 schwarzweiß Bildern des Fotografen Harald Hauswald einen ungeschminkten Blick auf das vor fast 30 Jahren untergegangene Land. Hauswald ist in den 1980er Jahren in Ost-Berlin unterwegs gewesen und hat den Alltag festgehalten.

Die Texte zur Ausstellung hat der Historiker Dr. Stefan Wolle, wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums Berlin, verfasst. Die Schau ist in den kommenden Wochen im Kreismuseum Jerichower Land zu sehen. Erste Besucher waren die Schüler der beiden 10. Klassen der Sekundarschule Brettin. Stefan Wolle präsentierte ihnen eine Auswahl der Fotos und ordnete sie in den Kontext der Zeit. Er berichtete den Jugendlichen vom allgemeinen Mangel in der DDR.

Lange Schlangen vor den Geschäften

„Man lebte nicht in Not und Elend, musste aber permanent nach alltäglichen Dingen laufen.“ Ein Foto vor dem Geschäft „Fruchtquelle“ am Prenzlauer Berg legt davon Zeugnis ab. Es zeigt lange Schlangen von Menschen, die sich am Eingang angestellte hatten. „Daran kann ich mich erinnern, ich war auch oft in dieser Situation“, so sich Kreismuseumsleiterin Antonia Beran. Derart lange Schlangen wären Zeichen dafür gewesen, dass es eine Lieferung von Orangen oder Bananen gab.

Bilder

Wolle schilderte den Einfluss des Staates auf die Privatsphäre der Menschen. „Es war keine Pflicht zur Jugendweihe oder in die Jugendorganisation einzutreten, aber für die Berufswahl oder einen Studienplatz war es von Vorteil“, erläuterte Stefan Wolle. Die Jugendorganisation „Junge Pioniere“ hätte auch eine große Rolle in der Schule gespielt. Einrichtungen wie Jugendklubs und Jugendgruppen seien zwar Teil der Freien Deutschen Jugend (FDJ) gewesen, waren oft aber auch unpolitisch. Wolle berichtete vom Druck, den die Nationale Volksarmee (NVA) auf junge Männer am Ende der Schullaufbahn ausübte, sich für drei Jahre in der Armee zu verpflichten.

Jugendliche Gegenbewegung

„Das war nicht sehr attraktiv.“ Gelockt hätte auch dort die Möglichkeit nach dem Dienst einen raren Studienplatz zu ergattern. Wer sich den Organisationen verweigerte, stand möglicherweise abseits. So zeigt Hauswald Aufmärsche bei Republikgeburtstagen oder zum ersten Mai, immer wieder fängt er dabei den einzelnen Menschen ein. „Der Verhaltensdruck war streng“, ging der Historiker kritisch mit der DDR ins Gericht. Man sei zum „nicht aufmucken“ erzogen worden.

Allerdings bildete sich auch in der DDR eine Art Gegenbewegung heraus. Insbesondere in der Jugendkultur gab es Gruppen, wie etwa Punker oder Fußballhooligans. „Hooligans hat man die nicht genannt, sondern Rowdies.“ Die Punker wurden vom Staat kritisch beäugt. Der Fotograf Hauswald hat DDR-Punker in einer ganzen Reihe von Fotos eingefangen und ihnen damit ein fotografisches Denkmal gesetzt.

Ende der DDR im Bild

Sehr häufig finden sich auf den Tafeln auch Bilder vom Verfall. „Das haben die Menschen damals gar nicht so wahr genommen, man war an schlechte Straßen, bröckelnde Fassaden oder Drecksecken gewöhnt“, erklärte Stefan Wolle. Die Ausstellung zeigt aber auch intime Bilder, etwa eine Mutter mit ihrem Baby, es sind stille private Erinnerungen an die DDR.

Natürlich spielt in der Fotoausstellung auch die oppositionelle Bewegung in den Kirchen eine Rolle, etwa durch die sogenannte unabhängige Friedensbewegung, Bilder der friedlichen Revolution finden sich, auch Bilder von Mauerspechten. „Wer nach dem 9. November 1989 in Berlin war, griff sich eine Hacke und schlug sich Brocken aus der Berliner Mauer heraus. Mit den gelösten Bildern vom November 89 endete der Vortrag. Durchaus beeindruckt zeigten sich die Schüler hinterher.

Jugendliche zeigen Interesse an DDR-Zeit

„Ich habe schon den Eindruck, dass die DDR zum Schluss ein eher graues Land war, kein Land der jungen Leute“, fand etwa Zehntklässler Paul Helmeke und Lucas Schäfer fügt hinzu: „Es ist für uns ein interessantes Thema, weil das Leben in der DDR ganz anders war als unseres heute.“ Ein Umstand, den auch Landrat Steffen Burchhardt als Gast der Ausstellungseröffnung ansprach: „Man muss die völlig andere Sozialisierung der Menschen in der DDR bedenken.

Warum haben eure Eltern und Großeltern zu bestimmten Themen ganz andere Ansichten als Ihr? Weil sie anders aufgewachsen sind und völlig anders gelebt haben.“ Burchhardt rief auf, dass die Generationen über die DDR-Zeit ins Gespräch kommen, dass sich die Jugendlichen mit den ganz persönlichen Erlebnissen ihrer Eltern und Großeltern in der DDR beschäftigen, um sich ein breit gefächertes Bild dieser Zeit zu machen. Die Ausstellung ist jetzt im Museum zu sehen. Auch gibt es die Möglichkeit mittels QR-Codes Interviews mit Harald Hauswald auf das Smartphone zu laden.