Genthin l Montags ist Bolognese-Tag, einige Gäste genießen vor dem Restaurant die Mittagssonne. Aber nur noch bis zum 31. Juli. Dann schließt Willi Bernicke nach vier Jahren den Betrieb in der Brandenburger Straße.

Diskussion auf Facebook

Ein Tourist verbreitete die Botschaft der Schließung auf Facebook. Spekulationen von der Pleite bis hin zu „Der weiß nicht mehr, wo er sein Geld stapeln soll“ machten die Runde. Wenig später erklärte „Nudel-Willi“ die Hintergründe seiner Entscheidung auf dem eigenen Facebook-Profil. „Man muss schlichtweg davon leben können“, so der 32-Jährige.

Seit rund einem Jahr schob der Genthiner seine Entscheidung vor sich her. „Man sucht sich Ausreden, die für das Ausbleiben der Kunden verantwortlich sind“, so Bernicke. Mit der Schließung des Krankenhauses schritt der Gästeschwund weiter voran.

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Stammkunden enttäuscht

Für seine Stammkunden ist die Schließung ein bedauernswerter Entschluss. „Das ist wirklich sehr schade, aber ich kann es verstehen, dass es sich nicht mehr lohnt“, sagt Ulrich Kaspar. Sowieso hätten in den letzten Jahren mehr Geschäfte geschlossen als eröffnet. Mit seiner Frau aß er hier gerne zu Abend. Sein Favorit: die Hähnchen-Champi-Soße, seine Frau bevorzugte Gorgonzola. „Es wird etwas fehlen“, so der 58-Jährige, denn die Nudel-Lounge war auch Treffpunkt und Anlaufstelle für Smalltalk.

„Der Rückwärtstrend in der Stadt ist nicht aufzuhalten“, wurde Bernicke nach einer zunächst sehr guten Anfangszeit, als die Gäste nach 21 Uhr „rausgeschmissen“ werden mussten, schnell bewusst.

Trauermarsch durch die Stadt

In seiner Funktion als Stadtrat hatte er vor gut einem Jahr einen Trauermarsch mit einem symbolischen Sarg mitorganisiert, der auf die sterbende Innenstadt aufmerksam und Mitstreiter mobilisieren sollte. Die Teilnahme war eher verhalten.

Nun ist sein eigenes Geschäft Opfer des Domino-Effekts geworden, der nach der Schließung des Krankenhauses befürchtet wurde. Und reiht sich in eine Liste vom Amtsgericht bis hin zum Krankenhaus, für die der Standort Genthin nicht lukrativ ist.

Viele Jüngere ziehen weg

Sein Mittagessen nimmt an diesem Montag auch Hendrik Suhl in der Nudel-Lounge ein. Der 37-Jährige hat von der Schließung im Internet erfahren. „Keine positive Entwicklung für die Stadt, aber eine logische Konsequenz, wenn immer weniger junge Menschen in Genthin bleiben“, so Suhl. Er selbst wuchs hier auf, hat sich aber vor 13 Jahren aufgrund der Ausbildung entschieden, wegzuziehen.

Ein- bis zweimal im Jahr ist er auf Stippvisite in der alten Heimat. Nudeln mit Pfifferlingen kann er beim nächsten Mal allerdings nicht mehr genießen.

Ideen für neue Belebung

Hoffnungen setzen sowohl Bernicke als auch Stammgast Kaspar in Neu-Bürgermeister Matthias Günther. Gerade ein paar Tage im Amt, hat er sich bereits vor seiner Wahl zum Stadtchef mit den Händlern vor Ort in Verbindung gesetzt und sich dem Problem des Leerstands gewidmet.

Die Kaufkraft sei noch da, sie müsse nur zurück in die Innenstadt, meint Günther und hofft auf Unterstützung der Verwaltung. „Die Innenstadt lebt auch von zufälligen Begegnungen. Dafür brauchen wir mehr Plätze, die zum Verweilen einladen.“

Fußgängerzone diskutieren

In Teilen der Brandenburger Straße reine Fußgängerzonen schaffen oder jungen Familien mit neuen Tobemöglichkeiten eine Beschäftigung auf dem Marktplatz anbieten sind nur einige Ideen, die er mit dem Stadtrat anschieben möchte.

Bernicke sucht derzeit einen neuen Job. Auch zwei Interessenten gibt es für die bald leeren Räumlichkeiten. Ob sich hier wieder Gastronomie niederlässt, ist noch offen.

Nun steht dem Dreier-Team aus Chef und zwei Teilzeit-Angestellten am 31. Juli der Abschied bevor, von dem sich Bernicke wünscht, dass er nicht ganz so emotional wird, obwohl mit der Nudel-Lounge auch ein Stück seiner persönlichen Geschichte zu Ende geht.