Jerichow l Vor etwa zehn Jahren hatte sich das AWO-Fachkrankenhaus Jerichow entschieden, die Historie des Hauses in der Zeit des Nationalsozialismus zu untersuchen. 2009 gründete sich für die Aufarbeitung eine Arbeitsgruppe, bestehend aus Mitarbeitenden des Krankenhauses, Studierenden, Hauptamtlichen und Ehrenamtlichen unter der Federführung des Referats für Demokratie und Toleranz im AWO-Landesverband Sachsen-Anhalt. Die Gruppe sichtete Archive, Biographien, recherchierte und ordnete Datenbestände. Im Ergebnis entstand eine Ausstellung, die in eindrucksvoller Weise die Geschichte der Eugenik, die Aktion „T 4“ und die Geschehnisse in der damaligen Landesheilanstalt Jerichow während der Zeit des Nationalsozialismus darstellt.

Mit der Kranzniederlegung wird diese Zeit jedes Jahr im Januar ins Gedächtnis der Menschen gerufen.

Erinnerungen an Einzelschicksale

Die Projektmitarbeiter haben in den vergangenen Jahren an mehrere Einzelschicksale erinnert, unter anderem an Otto S. und Hedwig M. – Beide fielen der Ermordung durch die Nationalsozialisten im Rahmen der „Aktion T4“, einer geheim durchgeführte Tötung so genannten „lebensunwerten Lebens“ zwischen 1940 und 1941, zum Opfer. Otto S. und Hedwig M. verbrachten vor ihrer Ermordung in Brandenburg mehrere Jahre in der Landesheilanstalt Jerichow, einer der damaligen so genannten Zwischenanstalten, aus denen insgesamt 930 Frauen und Männer in die Gasmordanstalten Brandenburg und Bernburg transportiert wurden. Im Sommer 1940 wurden beide Patienten mit der Diagnose Schizophrenie „in eine andere Anstalt verlegt“. Diese letzte Angabe in der Krankenakte bedeutet den Abtransport nach Brandenburg und die anschließende Tötung. Neben behinderten Menschen wurden damals auch vermeintlich „Asoziale“ und „Zustandskriminelle“ umgebracht.

Die ständige Ausstellung „Euthanasie und Eugenik – das AWO Fachkrankenhaus Jerichow in der Zeit des Nationalsozialismus“ hält die Erinnerung an diese grausama Zeit in den Räumlichkeiten der Krankenhauskapelle wach.

Ein dunkles Kapitel

Die Kranzniederlegung wird wie in den Jahren zuvor am gedenkstein auf dem Gelände des Fachkrankenhauses stattfinden. Der Gedenkstein ist das Ergebnis eines Ideenwettbewerbs an AWO-Einrichtungen der Psychiatrie und Behindertenhilfe und erinnert an ein dunkles Kapitel der Geschichte der psychiatrischen Einrichtungen. Die Aktion „T 4“ hatte allein 930 Patienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Jerichow das Leben gekostet. Sie sind von dort in die Gasmordanstalten Brandenburg und Bernburg gebracht worden. Ihre individuellen Schicksale stehen im Mittelpunkt des Gedenkens. Eingeweiht wurde der Gedenkstein 2012.

Beginn um 11 Uhr

An der Kranzniederlegung teilnehmen werden AWO-Vorstand Wolfgang Schuth sowie die Geschäftsführung und Krankenhausleitung des AWO Fachkrankenhauses Jerichow. Elias Steger, Historiker und Referent Personalentwicklung beim AWO-Landesverband Sachsen-Anhalt wird über den Zeitgeist der 20er Jahre mit Blick auf die Kriegsversehrten des Ersten Weltkrieges berichten und dabei eine thematische Brücke zur Gründung der Arbeiterwohlfahrt vor 100 Jahren schlagen. Los geht es um 11 Uhr.

Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar ist in Deutschland seit 1996 ein bundesweiter, gesetzlich verankerter Gedenktag. Er wurde am 3. Januar 1996 durch eine öffentloche Erklärung des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog eingeführt und auf den 27. Januar festgelegt.