Genthin l Unscheinbar sieht der Laden von draußen aus. „Schuhe zum Wohlfühlen“ steht dran, und wer hinein geht, merkt schnell, dass sich hinter der Brandenburger Straße 67 viel mehr verbirgt als ein einfacher Schuhladen. Inhaber Detlef Robra ist Meister seines Fachs, Meister der Orthopädie-Schuhtechnik. Für gewöhnlich der einzige in seinem Drei-Mann-Betrieb. Am Sonnabend war er einer unter vielen.

Den Meisterbrief bekam Robra am 23. Mai 1992 in Dresden, 25 Jahre ist das her und die Kollegen von damals haben sich heute in seinem Laden versammelt um die silbernen Meisterbriefe zu feiern, die sie am Vormittag in Jerichow überreicht bekommen haben.

Geschichten über Füße

Die Meisterschule schweißt zusammen, jedes Jahr treffen sie sich, immer ist ein anderer dran, heute also der Genthiner Detlef Robra. 18 Meister versammeln sich in seinem Laden, das sind 36 Füße und unzählige Geschichten über die Schuhe anderer Leute.

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Orthopädie-Schuhmacher korrigieren Fehlstellungen. „Die leichten Fälle lassen sich mit einer Einlage behandeln“, erklärt Detlef Robra und zeigt auf eine Auswahl unterschiedlichster Varianten im Regal.

Für die schwereren Fälle fertigt er Schuhe an. Dazu durchläuft der Kunde, der hier Patient heißt, mehrere Stationen. Vorn sucht er sich aus dem Sortiment oder dem Katalog einen Schuh aus. Die Auswahl ist groß, modisch hat sich im Schuhmacher-Handwerk viel getan. „Zu DDR-Zeiten war ein orthopädischer Schuh schwarz, groß und plump“, sagt Robra. Heute seien Farben und Formen deutlich vielfältiger.

Maßraum für den Schuh

Ist der Wunschschuh gefunden, wird er hier nicht einfach anprobiert und gekauft, sondern für den individuellen Patientenfuß angefertigt.

Der erste Schritt zur Maßanfertigung erfolgt im Maßraum. Hier wird der Fuß vermessen und abgezeichnet. Danach geht es in die Werkstatt, wo Robra den Leisten anfertigt. Der ist aus Buchenholz, geliefert wird er als Rohling, der Schuhmacher arbeitet die Besonderheiten des Fußes ein. In der Werkstatt von Detlef Robra finden sich unzählige solcher Leisten, jeder Kunde hat seinen eigenen. Außerdem gibt es Näh-, Vakuum- und Schleifmaschinen.

Von draußen kann man das höchstens erahnen, aber Robra hat sich hier drinnen ein echtes Schuhparadies geschaffen.

Dabei wollte er eigentlich Sattler werden, doch in ganz Genthin war keine Lehrstelle zu finden. So kam er schließlich zu den Schuhen. Gelernt hat er in der PGH und beim Meister Rethfeld in Jerichow. „Das war eine tolle Zeit. Ich hatte den Meister ganz für mich allein, konnte ihm immer über die Schulter schauen und so ganz alte Techniken lernen“, erzählt Robra von früher.

Nachdem er einige Jahre Berufserfahrung gesammelt hatte, machte er sich selbstständig, zuerst in der Bahnhofstraße, weil es dort bald zu eng wurde, zog er 1998 in die Brandenburger.

Klumpfüße und Amputationen

Hier gefällt es auch den Kollegen von damals. Gemeinsam haben die Orthopädie-Schuhmacher nicht nur den Meisterbrief von 1992 aus Dresden. Zwar arbeiten sie in unterschiedlichsten Städten, die Fehlstellungen sind aber im ganzen Land die gleichen. „Klumpfüße, Verkürzungen, Amputationen“, zählt Andreas Bartsch aus Salzwedel einige schwere Fälle auf. Lutz Lietze aus Stolpen sagt, dass früher viele Verletzte aus dem Weltkrieg behandelt wurden, heute machen Diabetiker den Großteil der Kundschaft aus.

40 Arbeitsstunden braucht der Profi im Schnitt für ein Paar Schuhe. „Oft auch länger“, erklärt Detlef Robra. „Denn wenn der Probeschuh nicht sitzt, fängt man von vorne an.“

Das Handwerk steckt in einer Krise, das bestätigt der große Teil der Meister-Runde am Sonnabend. Viel Arbeit, zu wenig Geld, Patienten, die vom Arzt viel zu spät zum Orthopäden geschickt werden und Nachwuchssorgen seien zu beklagen. Und doch ist man sich einig, Orthopädie-Schuhmacher sei ein „geiler Beruf“, wie Lutz Lietze es nennt. „Das Gesicht eines Menschen, der im Rollstuhl hier reinkommt, und mit dem richtigen Schuh die ersten Schritte nach einer Amputation aus meinem Laden raus macht... Das ist ein gutes Gefühl“, ergänzt Robra.