Genthin l Abdulsalam Nairabi verkauft in seinem kleinen Laden in der Mützelstraße nicht nur Lebensmittel, sondern auch ein Stück Heimat. In seinem Sortiment findet man neben orientalischen Köstlichkeiten auch syrische Spezialitäten. Dazu gehört auch arabischer Kaffee. „Kennen Sie den Unterschied zwischen türkischen und arabischen Kaffee?“, fragt der 54-Jährige, der sich seit April in der Genthiner Innenstadt als Inhaber eines Geschäftes selbstständig gemacht hat. „Dieser Kaffee wird besonders fein gemahlen und ihm wird Kardamom als Gewürz beigemischt“, erklärt Abdulsalam Nairabi, während er auf einem kleinen Gasherd im Hinterzimmer Wasser aufkocht, um den Kaffee zuzubereiten. Drei gehäufte Teelöffel gibt er ins kochende Wasser. „Und jetzt aufpassen, denn die Mischung kann schnell überschäumen.“

Der 54-Jährige stammt aus Syrien, aus Idlib – einer Stadt mit rund eine Million Einwohner. „Heute liegt dort alles in Schutt und Asche“, sagt er.

Im Dezember 2015 gelang ihm die Flucht nach Deutschland. Der siebenfache Familienvater sei jedoch nur mit zwei seiner Töchter nach Deutschland gekommen. „Meine Frau und fünf Töchter sind noch in der Türkei.“ Es sei einfach zu gefährlich gewesen, mit der ganzen Familie über die türkische Grenze zu fliehen. Nun hofft er auf den Nachzug seiner Familie.

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Familie wartet in Türkei

Mehr als 80 verschiedene Artikel befinden sich in seinem Sortiment. „In Genthin und Umgebung leben etwa 500 Syrer, Familien mit Kindern, und 200 Afghanen“, schätzt er. Daher werde sein Geschäft auch sehr gut angenommen. Hülsenfrüchte, Kichererbsen, Linsen, Bohnen oder Sauergemüse mit Salz gehören zur syrischen Küche. Makdous – gefüllte Auberginen mit Paprika und Walnuss in Öl – sei typisch syrisch und werde sehr gerne von seinen Landsleuten gekauft. „In den ersten zwei Monaten hätten zu seiner Kundschaft noch keine Einheimischen gezählt, doch jetzt sei das anders. „Ein Erfolg“, wie Abdulsalam Nairabi findet. „Knapp 20 Prozent meiner Kunden sind Deutsche.“ Auch wenn das Angebot an orientalischen Lebensmitteln für viele anfangs befremdlich gewirkt habe, so ist die Neugier doch größer gewesen. Die deutschen Gaumen wüssten am meisten die Süßwaren zu schätzen. Gefüllte Kekse mit Datteln seien der Kassenschlager.

Es sei sehr schwer gewesen, da die Deutschkenntnisse einfach nicht ausreichen, um sich zu verständigen. Daher sei ihm sein Schwiegersohn Maad Maksoud (45) eine große Hilfe gewesen. Der 45-Jährige lebt schon 16 Jahre in Deutschland, seit zweieinhalb Jahren in Genthin.

„Ich unterstütze meinen Schwiegervater bei amtlichen Angelegenheiten und bei der Bestellung beim Getränkehändler“, erzählt Maad Maksoud. Ales andere könne der Schwiegervater alleine regeln, denn seine Lebensmittel beziehe er aus arabischen Ländern. Die deutschen Kunden hätten sich schon daran gewöhnt, wie sie sich mit ihm verständigen müssen. „Es geht mit Händen und Füßen oder mit dem Smartphone. Die Kunden zeigen einfach per Foto, was sie haben wollen“, erklärt der Schwiegersohn.

Gibt kein Zurück mehr

Für den 54-Jährigen sei es selbstverständlich gewesen, nach seiner Ankunft in Deutschland eine eigene Existenz auszubauen. „Mein Schwiegervater war schon in Idlib Händler. Er hatte eine Textilfabrik mit Verkaufshalle und 16 Mitarbeitern“, sagt Maad Moksoud. Daher sei es ihm wichtig gewesen, wieder sein eigenes Geld zu verdienen, um nicht auf Leistungen vom Staat angewiesen zu sein.

Geplant sei auch, sich geschäftlich zu vergrößern, weiter zu wachsen. Doch mit der Trennung von seiner Familie habe er sehr zu kämpfen.

„Mein Antrag auf Anerkennung als Flüchtling wurde zum zweiten Mal abgelehnt“, erzählt der Familienvater. Ohne diese Anerkennung habe er keine Chance, seine Familie nachzuholen. Aber er wolle weiterkämpfen. Im Moment sei er nur so lange geduldet, wie sich Syrien im Krieg befinde. „Wissen Sie, jeder, der damals, als der Krieg begonnen hatte und die Rebellen kamen, geflohen ist, ist nun in den Augen der Regierung ein Terrorist. Wer jetzt wiederkommt, begibt sich in große Gefahr, wenn ihn die Rebellen erwischen, denn Rache ist ein großes Thema“, schildert der 54-Jährige das Problem. Eine Rückkehr sei daher für viele gar nicht möglich. „Vielleicht gibt es jetzt weniger Schießereien, aber solange sich die großen Länder nicht einig sind, wer die Macht hat, wird es dort nicht sicher sein – auch nicht in zehn Jahren“, befürchtet er. Nun hoffe er, dass sein Fall noch einmal vom Oberverwaltungsgericht in Magdeburg geprüft werde.