Parey l 20 Minuten Film mit Erlebnisberichten von Vertriebenen und Flüchtlingen haben es geschafft, Betroffenheit und Nachdenklichkeit unter den Zuschauern auszulösen. Das betraf sowohl die Schüler der Sekundarschule als auch die Besucher der öffentlichen Veranstaltung mit Bürgermeisterin Nicole Golz, Ortsbürgermeisterin Cora Schröder, Mitgliedern des Gemeinderates Elbe-Parey, Mitgliedern des Jugendforum und Vertretern des Thomas Morus-Hauses Genthin sowie Bürgern.

Interviewfragen erarbeitet

Jugendliche hatten im ersten Teil des Projektes, welches über das Bundesprogramm „Demokratie leben“ gefördert wird, Interviews mit Zeitzeugen geführt, in denen sie über ihre Flucht berichteten. Dabei standen sie selbst hinter der Kamera. Franziska Bredow vom offenen Kanal Stendal hatte den Jugendlichen das nötige Rüstzeug dafür vermittelt. In stundenlanger Arbeit waren die Fragen zu den Interview erarbeitet worden. Gefragt wurde unter anderem, was an persönlichen Gegenständen mitgenommen werden konnte, wer sie auf der Flucht begleitet hatte, auf welchem Weg sie geflüchtet sind, was sie sich auf der Flucht am meisten gewünscht und was sie vermisst haben. Interviewpartner waren Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan sowie Vertriebene aus dem Sudetenland und Westpreußen.

Ursache für die Flucht war der Krieg

In der Veranstaltung mit den Sekundarschülern arbeitete Moderation Gabriele Herrmann aus Genthin heraus, dass die Ursachen für alle der Krieg war. Während die Vertriebenen 1945 gehen mussten, verließen die Flüchtlinge 2015 ihr Land freiwillig. Gabriele Herrmann mahnte, daran zu denken, dass „es immer Menschen sind, die zu uns kommen. Es könnte auch uns treffen. Die Frage ist, wie viel Toleranz man aufbringe“. Man sollte akzeptieren, dass Entscheidungen getroffen wurden.

Bilder

Alfred Jansky aus Güsen und der Journalist Mustafa Hussanein aus Stendal berichteten den Sekundarschülern über ihre Flucht. Alfred Jansky war fünf Jahre alt, als er mit seiner Familie aus Olomuc (Mähren) vertrieben wurde. „Als Deutscher wurden wir aus ehemaligen deutschen Gebieten vertrieben. Aber die Menschen mussten irgendwo unterkommen, Und wir wurden nicht überall mit offenen Armen empfangen.“ Die Erinnerungen berührten ihn sehr.

Von Ägypten nach Stendal

Mustafa Hassanein kam 1992 aus Ägypten nach Stendal. Seit 2014 lebt er in Deutschland. In Ägypten konnte er seinen Beruf nicht richtig ausüben, weil es dort keine Pressefreiheit gibt. Wichtig war es für ihn, schnell die Sprache zu lernen sowie Geld für Wohnung, Kleidung und Nahrung zu verdienen. „Die Kultur war ein Schock. Es war alles anders. Was darf ich in meiner Heimat? Was darf ich hier?“ Angefangen von der Schrift bis hin zum Verhältnis zwischen Mann und Frau war alles anders. „Auch Deutschland muss uns verstehen. Integrieren ist Nehmen und Geben.“

In der zweiten öffentlichen Veranstaltung konnten neben Alfred Jansky und Mustafa Hassanein auch die Vertriebenen Gudrun Jahn und Brigitte Meyer begrüßt werden, die im Film interviewt wurden. Beide leben heute in Jerichow und waren von dem Film sehr berührt. Gudrun Jahn sagte in dem Film, dass sie nach der Vertreibung eigentlich nichts vermisst habe. „Wir waren als Familie doch immer zusammen. Wir hatten zu essen, denn es gab Lebensmittelkarten. Und wir hatten Kleidung. Und wir konnten die Sprache. Das war das A und O.“

Besonnenheit gewahrt

Brigitte Meyer bewundert noch heute ihre Mutter für deren Besonnenheit, als es hieß, dass sie ihre Heimat verlassen müssen. „Mutter hat alles gemangt, als am 21. Januar 1945 die Information zur Vertreibung kam. Ohne Hektik.“ Am 10. Mai 1945 ist Brigitte Meyer dann mit ihrer Familie in Jerichow angekommen.

Hemmschwelle war hoch

Die Jugendlichen, die die Interviews geführt hatten, mussten erst mal ein Verhältnis zu ihrem Interviewpartner aufbauen. Interviewerin Annabell: „Bevor die Leute geflüchtet sind, führten sie ein normales Leben. Man sollte ohne Vorurteile an sie heran gehen.“ Und Gini fügte hinzu: „Die Hemmschwellen waren anfangs schon hoch. Wir haben anfangs über die Schulzeit gesprochen und vorher Probeinterviews gemacht.“

Für die meisten Deutschen ist es heute unvorstellbar, flüchten zu müssen. So meinte Ronny: „Ich kann ich gar nicht in diese Situation hineinversetzen, weil es so weit weg ist.“

Im Publikum saßen noch weitere Zeitzeugen, die das Projekt mit viel Interesse verfolgen. Dazu gehörten Bernhard Melchert aus Parey und Heinrich Bleyer aus Ferchland.

Erinnerung für die Nachwelt

„Ich finde das Projekt gut. Die Probleme werden immer ein Einzelschicksal bleiben“, so Bernhard Melchert. Für Heinrich Bleyer sind Geschichtsfälscher aber nicht zu ertragen. „Leute, die hier nach 1945 gelebt und studiert haben, stellen sich heute hin und sagen zum Beispiel, dass es keine KZs gegeben habe. Das ist nicht nachzuvollziehen.“ Er selbst schreibt mittlerweile an seinem vierten Geschichtsbuch, um auch der Nachwelt später zeigen zu können, wie es wirklich war. Und er gab den Flüchtlingen einen Rat mit auf den Weg. „Lernt in Deutschland so viel wie Ihr könnt, denn ihr habt noch eine Heimat.“

Im dritten Teil des Projektes soll ein Dokumentarfilm entstehen, in dem Szenen gedreht werden, die den Fluchtweg begleiten. Dazu werden noch Laiendarsteller gesucht. Die Dokumentation soll auch an Schulen gezeigt werden.

Förderverein ist Träger

Träger des Projektes ist der Förderverein Elbe-Parey. Projektleiter sind Ulrike Paul und Manfred Göbel vom Jugendhaus Parey. Unterstützt werden sie vom Jugendclub Jerichow, dem Thomas Morus-Haus Genthin und dem Jugendclub Tucheim. Die Zeitzeugen und die teilnehmenden Jugendlichen kommen aus Elbe-Parey, Genthin und Jerichow.