Jerichow l Intakte, wenige Jahre alte Straßendecken würden mit kleinteiligen Splittpflastern saniert. Dadurch entstünden meist erst deutliche Unebenheiten, abgesehen davon, dass Autos beschädigt und Gullys verstopft würden. Auch Regenabläufe, sogenannte Gossensteine und Bordsteinkanten, leiden darunter, reißen und bröckeln ab.

Deutlich sind die Beeinträchtigungen im Jerichower Ortsteil Neuenklitsche zu sehen. Nicht nur, dass sich die Autofahrer ärgern, wenn der Split gegen den Unterboden oder gar die Frontscheiben prasselt – Hausbesitzern geht es mittlerweile ähnlich.

Problem seit mehreren Jahren

„In den Rissen der Gossensteine sammelt sich das Regenwasser und wenn ein Auto durchfährt, bekommt unsere Hausfassade einen neuen Anstrich“, versucht es Familie Grützkau aus Neuenklitsche auf den Punkt zu bringen und der Sarkasmus ist nicht aufgesetzt. Das Problem bestehe nun schon seit mehreren Jahren. Anfangs, so die Grützkaus, „haben wir mit Bürste und Wasser die Flecken beseitigt“.

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Doch seit kurzem gaben sie ihrem Haus ein „neues Gewand“ und das soll sauber bleiben. Darum schrieb die Familie einen Brandbrief an die Landesstraßenbaubehörde Sachsen-Anhalt, die Straßenmeisterei Körbelitz und an die Stadt Jerichow mit der Bitte, sich des Problems der kaputten Gossensteine anzunehmen.

Neue Methode gefunden

Vor Kurzem begutachteten die Leiterin des Jerichower Bauamtes, Julia Bolle, und ihr Mitarbeiter, der Tiefbau-Experte Ralf Demann vor Ort die Schäden und suchten nach einer Lösung. „Wir wollen eine neue Methode anwenden, bei der wir die Bordsteinkanten nicht entfernen und durch neue ersetzen müssen“, informiert Demann die Absicht und erklärt, dass es ein Klebeverfahren gebe, „das wir hier ausprobieren wollen“.

Warum nur die Bordsteinkanten? Die gehören zur Stadt und damit in die Zuständigkeit des Bauamtes, erklärt Julia Bolle. „Die Gossensteine sind Bestandteil der Straße und da es eine Landesstraße ist, muss sich die Straßenmeisterei darum kümmern“, so Bolle weiter. Doch gerade die löchrigen Betonstreifen, die als Verbindung zwischen der Asphaltstraße und dem Bordstein eine bedeutende Rolle spielen, etwa um den Regen abzuführen und den Straßenkörper zu stabilisieren, machen den Ärger. Ralf Demann könnte sich hier auch eine Klebelösung vorstellen, doch will er hier nicht im Trüben fischen: „Ich weiß nicht, wie die Straßenmeisterei hier vorgeht, Fakt ist, – es muss etwas geschehen.“ Da die Gossensteine einiges an Gewicht und mechanischen Beanspruchungen ausgesetzt ist, so der Baufachmann, werden diese ein Stück in das Straßenbett hineinverlegt und zum Teil mit Asphalt überdeckt. „Das müsste alles rausgeschnitten werden und ist sehr aufwendig.“

Rollsplitt ist Grundübel

Als Grundübel sehen Bolle und Demann die Verwendung des Rollsplitts an. „Einerseits eine preiswerte Methode, um eine Straßensanierung hinauszuzögern, anderseits hat sie einige negative Begleiterscheinungen.“ Es sei eine Frage der Wirtschaftlichkeit: Eine möglichst vollflächige Oberflächenbehandlung mit Splitt kostet inklusive Markierungsarbeiten drei bis vier Euro pro Quadratmeter, eine neue Fahrbahndecke zehn Euro. Splitt werde dafür genutzt, feine Netzrisse in einer Fahrbahn abzudichten, damit sich diese gar nicht erst zu Schlaglöchern ausweiten. Ein laut Straßenbaufachleuten bewährtes Verfahren: „Es wird eine neue Verschleißschicht von etwa acht Millimeter aufgetragen. Das hält dann für fünf bis sechs Jahre.“ Es bringe 18 Jahre mehr Lebensdauer für eine Fahrbahn zusätzlich zur Lebenserwartung der Asphaltschicht von zehn bis 15 Jahren, da man das Splitten dreimal wiederholen könne. Ziel sei es, Schäden wie Risse oder Abplatzungen zu versiegeln. Hierdurch soll insbesondere verhindert werden, dass im Winter Feuchtigkeit in die Fahrbahndecke eindringt. Das könnte bei Frost zu schweren Schäden führen. Die betroffenen Fahrbahnstellen würden mit einer Bitumenemulsion versehen, auf die dann ein Splitt-Gemisch aufgebracht und eingewalzt werde. Der Splitt sorge dafür, dass die Oberfläche griffig bleibe. Bis er endgültig hafte, vergingen etwa drei Wochen. Autofahrer bemerken die so behandelten Schäden nicht, weil es noch keine großen Bodenwellen oder Löcher gibt. Deshalb könne diese Maßnahme als unnötig erscheinen. Sie sei aber erheblich günstiger als eine spätere Komplettsanierung der Fahrbahndecke und mit weniger Einschränkungen für den Verkehr verbunden. Je nach Verkehrsdichte dauert es eine Weile, bis der Splitt eingefahren ist. Anschließend müsse das überflüssige Material aufgekehrt und das Tempolimit wieder aufgehoben werden. Das sei notwendig, weil bei losem Splitt mit einem längeren Bremsweg zu rechnen ist. Und bei zu dichtem Auffahren könnten nachfolgende Fahrzeuge von den Steinen getroffen werden.

Fußgänger und Radfahrer sind bei zu schneller Fahrweise über Rollsplitt gefährdet, wenn dieser dann bis auf den Geh- oder Radweg fliegt. Der überschüssige Split müsse deswegen rechtzeitig aufgekehrt werden, da er in die Abwässer-Kanalsysteme gelangt und dort die Leitungen verstopft. Oder wie bei Familie Grützkau, die Hausfassade verunstaltet.