Schlagenthin l Gibt es eigentlich Engel? Wo sind sie zu entdecken? Und was macht eine Axt in der Kirche? Am letzten Sonntag weihten Gemeindeglieder, Gäste und Helfer die Schlagenthiner Kirche ein.

Vorausgegangen war eine Erneuerung des gesamten Gotteshauses, deren Arbeiten sich über zehn Jahre erstreckten. „Jetzt können wir fast auf den Tag genau die Wiedereinweihung der Kirche feiern“, verkündet Magdalena Wohlfarth, Pfarrerin des Kirchspiel Klitsche Stremme. Unter einem Kirchenhimmel, von 58 Engel bevölkert, nahm Superintendentin Ute Mertens in einem feierlichen Gottesdienst die Einsegnung vor und sagte: „Oftmals sind wir gefangen in unseren eingefahrenen Wegen und Denkmustern – da fehlt uns die Freiheit für Kreativität und Zwänge bestimmen uns.“ Ohne eine Für- und Wider-Liste einfach anfangen und loslegen: „Mach es einfach – es lohnt sich.“ Dafür steht die wiederhergestellte Kirche mit hellen Räumen und der neu belebten historischen Inneneinrichtung.

Zwiegespräch mit Apostel Matthäus

Für den Gottesdienst hatte sich Pfarrerin Wohlfarth etwas Außergewöhnliches einfallen lassen: Mit dem Hinweis auf ein freigelegtes Emporen-Bild ging sie in ein Zwiegespräch mit dem Apostel Matthäus, dargestellt durch Marcus Kalenborn. Mit tiefer Stimme und eine Axt schwenkend, berichtete er von seinem Leben und der Begegnung mit Jesus. Matthäus war Zöllner, erfahren die Besucher. Diese Arbeit machte ihn zu einem unbeliebten Menschen und dennoch wandte sich Jesus an ihn. Was wäre wohl aus Matthäus geworden, wenn er damals an der Zollstätte den Blick und das Wort von Jesus unbeachtet gelassen hätte? Die Freiheit dazu hatte er. Weil er aber die Gnade Gottes erfasste und bereitwillig annahm, nimmt er für immer einen der zwölf ersten Throne im Himmel ein. Anstatt Steuern einzuziehen, rettete er Seelen, anstatt Listen zu führen und Zoll einzutreiben, trägt das erste Evangelium seinen Namen und anstatt Geld erwarb er sich unvergänglichen Ruhm. Doch warum die Axt? Angeblich soll der Apostel den Märtyrertod gestorben sein, deswegen wird ihm symbolisch ein Tötungswergzeug zugeordnet.

Bilder

Die Planung der Sanierung begann im November 2009 und sollte in vier Abschnitten erfolgen, gibt Fördervereinsmitglied Yvonne Pilz einen zeitlichen Abriss. Doch bevor Handwerker und Restauratoren zum ersten Mal Hand anlegten, vergingen zwei Jahre. Zu Beginn hieß es, ein Finanzierungskonzept zu erstellen, Fördermittel zu beantragen und ein Architekturbüro mit der Organisation zu beauftragen. Dafür gewonnen werden konnte das Architektenbüro Fleege & Oeser aus Brandenburg, welches schon mehrere Kirchen der Region betreute, unter anderem die Kirchen in Kade und Karow. Architektin und Sanierungsexpertin Heidrun Fleege dazu: „Man braucht einen langen Atem, wenn man so ein Projekt in Angriff nimmt.“ Sie drückt damit auch ihre Bewunderung für den Förderverein „Kirche Schlagenthin“ aus, der sich extra für dieses herausfordernde Vorhaben gründete. Der erste Bauabschnitt startete 2011, der zweite 2013. Der dritte Bauabschnitt gliederte sich in zwei Abschnitte von 2018/19 und 2019/20. Zunächst erfolgte die Sanierung der Außenmauern des gotischen Teils, inklusive der Fundamentsanierung und der Neueindeckung des Daches mit sogenannten Kirchenschindeln.

Altardecke wurde saniert

Daran schlossen sich die Arbeiten der baulichen Hülle des spätromanischen Abschnitts an – dem ältesten Teil der Kirche. Im gleichen Atemzug wurden die Innenflächen der Außenwände vom Saal- und Chorbau sowie die Bodenbeläge der beiden unterschiedlich alten Kirchbauten saniert. Dann folgte die Erneuerung der Stuhlreihen und der Emporen sowie die Restaurierung und Sanierung der Altardecke, der Kanzel und des Epitaphs. Im dritten und vierten Bauabschnitt kümmerte sich Diplom-Restaurator Tom Zimmermann und sein Team aus erfahrenen Handwerkern um die Feinheiten an Empore, Altar und Kanzel.

Für die Wiederherstellung und Konservierung der einmaligen Engeldecke war Jutta Brumme aus Brandenburg verantwortlich. „Die Arbeiten an der Empore waren und werden noch richtig spannend“, erklärte Katrin Hertwig, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates des Kirchspiels Stremme. Freigelegt wurden hier verschiedenen Bilder, bei denen die Restauratoren vermuten, dass es eine Darstellung der Apostel sein könnte. Außerdem fanden Tom Zimmermann und sein Team Wappen, vermutlich Attribute der damaligen Erbauer und Stifter der Kirche. „Wir haben nur drei Bilder freilegen lassen“, sagt Rüdiger Schnapp, der Vorsitzende des Fördervereins. Die Kosten zur Restaurierung eines Bildes bewege sich in einem vierstelligen Bereich, so Schnapp und „sei das Sahnehäubchen, auf das es nicht unbedingt ankommt“. Auch an der Inneneinrichtung änderte sich einiges. So richtete eine örtliche Zimmermannsfirma Staschull die Bankreihen höher, breiter und bequemer ein. Eine moderne Elektrik installierte Andreas Plancke aus Güssow. Der kreative Elektrofachmann ließ den neuen Schaltkasten hinter einer ausgebauten Jahrhunderte alten Tür verschwinden. „So stört er in seiner Modernität nicht den Gesamteindruck“, erklärt Plancke die Idee dahinter.

Beheizbare Sitzpolster für Gäste

Beheizbare Sitzpolster lassen sogar einen gewissen Luxus aufkommen. Im Verlauf der Restaurierung entwickelte sich das Umfeld der Kirche mit dem Gemeindehaus zu einem kulturellen Magneten mit schon überregionaler Anziehungskraft. „Um Spendengelder einzuwerben und so die für die Fördermittelzuweisung benötigten Eigenmittel zu gewinnen, ließen wir uns etwas einfallen“, sagt Yvonne Pilz. Mit unzähligen Veranstaltungen und Aktionen sei der Spendensammelauftrag abgeschlossen worden, ohne die es keine Sanierung gegeben hatte. Pilz nennt die Kulturwinterreihen, die Konzerte zum 1. Advent und die „kleinen und gemütlichen Adventsmärkte“.

Die Sommernachtsmusiken sprachen sich herum, und im Volksmund nannte man diese bald „Bowle-Partys“. „Damit machten wir auf uns aufmerksam“, so Pilz weiter und gleichzeitig habe sich in dem beschaulichen Stremme-Ort kulturelles Leben entwickelt.

Mehr touristisches Potenzial

Ziel der Baumaßnahmen war es, die Kirche für generationsübergreifende Angebote voll nutzbar zu machen sowie das touristische Potential für die Region auszubauen. „Jedes Jahr ließen wir uns etwas Neues einfallen und es hat funktioniert.“

Besonders die Kulturwinterreihen waren vielfältig und damit immer gut besucht. Lesungen, Konzerte, Reiseberichte oder Diskussionsrunden etwa zum Wolf, „für jeden war etwas dabei“. Unterstützung bekam der Förderverein auch durch die Evangelische Kirche Mitteldeutschlands, des Kirchenkreises, der Kirchengemeinde, des Leader-Programmes, der Stiftung Kiba, der Lotto-Toto-Stiftung Sachsen-Anhalt sowie der Dr. Oetker-Stiftung. Die kulturellen Veranstaltungen sind aus dem Ort nicht mehr wegzudenken und sollen weitergeführt werden, so Katrin Hertwig. Auch um weiterhin Spenden einzusammeln, denn, „an einer Kirche ist immer etwas zu tun“.