Genthin l Mit dem Einsetzen des ersten vollständig restaurierten farbigen Bleiglasfensters auf der Nordseite der Genthiner St. Trinitatiskirche durch Mitarbeiter der Quedlinburger Glaswerkstatt Schneemelcher ist die erste große Hürde eines Fenster-Erneuerungs-Marathons genommen worden. Dessen hat sich die evangelische Gemeinde trotz hoher finanzieller Hürden beherzt angenommen und geht dafür nach wie vor auf Spendentour.

Ein wahrhaftiges Déjà-vu

Schon in den nächsten Wochen wird das zweite Fenster vom Harz aus seine Heimreise antreten können. Für die beiden Fenster ist dies ein wahrhaftiges Déjà-vu, denn auch hergestellt wurden die Schmuckstücke vor mehr als 100 Jahren in einer Quedlinburger Werkstatt.

Frank Schneemelcher, ausgewiesener Fachmann auf dem Gebiet der Glasmalerei, überzeugte sich in Genthin davon, dass das Fenster an seinem angestammten Platz wieder seine ursprüngliche Wirkung im Lichtkonzept des Gotteshauses voll entfalten wird.

Originalgetreu

Das noch vor wenigen Monaten deformierte und wellige Fenster aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts wurde originalgetreu wiederhergestellt und damit von den Sünden vorangegangener Restaurierungen befreit. Schneemelcher präsentierte zufrieden Silke Koerth-Bauer und Thomas Ewert vom Gemeinderat, der das Vorhaben auf den Weg gebracht hat, das restaurierte historische Glasfenster.

In dieses Fenster, meinte Schneemelcher, sei vermutlich in den 1970er Jahren nach bestem Willen „wild reinrestauriert“ worden. Defekte Glaselemente wurden wahrscheinlich durch Teile, die anderen, defekten Fenstern entnommen wurden, ergänzt. Diese „Fremdkörper“ wurden nun entfernt, die Fehlstellen in der Glaswerkstatt nach speziellen und handwerklich überlieferten Verfahren wiederhergestellt und anschließend absolut stilecht in das Gesamtbild eingefügt – perfekt und für Laien nicht erkennbar. Mit Schutzverglasung und Lüftung versehen, versichert der Meister, dass dieses Fenster garantiert für die nächsten 100 Jahre der Nachwelt erhalten bleiben wird.

Kunsthistorische Geheimnisse

Mit dem Auftrag an die renommierte Glaswerkstatt geben die Fenster der Trinitatiskirche jetzt auch Stück für Stück so manches kunsthistorisches Geheimnis preis. Dass heute die Glasfenster der Trinitatiskirche eine besondere Wertschätzung auch aus Fachkreisen erfahren, verdanken sie eigentlich den Irrungen und Wirrungen der jüngeren Geschichte. Es bedurfte erst ein Umdenken in der Glasmalerei, führte Frank Schneemelcher Kunstgeschichte ein, dass florale Motive der Gründerzeit, wie sie die Genthiner Kirchenfenster abbilden, von der Fachwelt nicht mehr als Kitsch abgetan wurden.

Viele solcher Kirchenfenster seien im Zweiten Weltkrieg beschädigt oder gar zerstört worden. In der damaligen DDR sei das Geld für Restaurierungen oder für neue Anfertigungen knapp gewesen, so dass die Genthiner Kirchenfenster erhalten blieben. So häufig, so Schneemelchers Urteil, seien solche Fenster, die etwa bis 1915 hergestellt wurden, nicht mehr vorzufinden.

Stifternamen nachlesbar

Es sei auch eine Besonderheit dieser Fenster, dass die Stifternamen in allen noch erhalten gebliebenen Glasmalereien nachlesbar sind. Auch das sei eher selten der Fall. Datiert sind sie komplett aus dem Jahr 1908. „Offensichtlich ist der Bau der Kirchenfenster in nur einem Jahr durchgezogen worden“, sagte Schneemelcher. Auf einem Fenster im Altarbereich ist auch der Name des Prokuristen der Herstellerfirma verewigt worden: Ferdinand Müller – der Urgroßonkel Frank Schneemelchers.

Perspektivisch ist geplant, die beiden Fenster der Südseite neu anfertigen zu lassen, die sich dabei an das Vorbild Nordseiten-Fenster orientieren sollen. Die Originale sind verlorengegangen, die Fenster bestehen derzeit aus farblosem Kathedralglas.