Jerichow l Wie plant man in solchen Zeiten ein solches Festival, und wie schafft man es, so große Namen zu holen, und was sind so die größten Sorgen eines künstlerischen Leiters?

Volksstimme: Wann habt ihr mit der Planung für „Jazz im Kloster 2020“ in Jerichow begonnen?

Marco Reiß: Eigentlich ja Ende 2019. Aber als Corona uns allen den Boden unter den Füßen weggezogen hat, haben wir alle Planungen für das Jazzfest eingestellt. Und erst im Mai, als die ersten Lockerungen bekannt wurden, keimte eine kleine Hoffnung, dass es vielleicht doch gehen würde. Wir hatten alle Künstler erstmal im Standby-Modus behalten, denn wir waren ja schon gut durchgeplant, uns war klar, dass es nur maximal zwei Wochen brauchen dürfte, um das alles wieder auf die Beine zu stellen.

Es ging wieder um drei Tage mit insgesamt sieben Konzerten und einem Jazzgottesdienst, inklusive Technik, Ticketverkauf, Öffentlichkeitsarbeit und der ganzen Organisation, die vor und während des Konzert notwendig ist. So warteten wir die Corona-Verordnungen ab, die sich ja 14-tägig änderten. Und es war dann schon ein Kraftakt von uns allen zu sagen, okay wir schaffen das im August, obwohl nur noch so wenig Zeit ist.

Was kostet denn alles Geld bei so einem Festival?

 

Zuerst einmal die Künstler, die das ja nicht ehrenamtlich machen, sondern von den Auftritten leben müssen, einschließlich der Techniker und der gesamten Crew, die sie mitbringen. Dazu kommen Reise- und Hotelkosten. Dann haben wir drei Spielorte, für die wir Tontechnik und Licht brauchen, nämlich die Kirche, den Hof im Kreuzgang und die große Klosterwiese.

Deshalb brauchen wir für draußen zwei überdachte Bühnen, die auch mal einen ordentlichen Regenguss abhalten können, so dass die teuren Instrumente und die Elektronik keinen Schaden nehmen. Das ist ein riesiger technischer Aufwand. Außerdem braucht es viele Helfer an den drei Tagen selbst im Kloster, die ebenfalls bezahlt und auch verpflegt werden müssen. Um die Förderer haben wir uns gemeinsam gekümmert, also die Klosterstiftung, die Verwaltungsleitung und ich.

 

Und wie sind dann die Zusagen in so kurzer Zeit gelungen?

Nachdem klar war, dass wir eine etwas abgespeckte Variante machen können, haben wir alle Künstler aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt, und ich denke, dass ich nicht als große Konzertagentur aufgetreten bin, sondern dass ich selbst Musiker bin und zum Beispiel mit Manfred Preis ,Tucat Moreno und anderen schon zusammen auf der Bühne gestanden habe, hat es bedeutend einfacher gemacht.

Als Till Brönner zugesagt hatte, war der Weg zu dem Weltklasse-Bassisten Dieter Ilg und seiner Band nicht weit, die beide die Gelegenheit nutzen, ihre ganz neuen Programme erstmals bei uns vorzustellen. Der geniale Jazz-Saxophonist und -Klarinettist Magnus Lindgren hat mit Till schon zusammen gejazzt, da war der Weg ebenfalls nicht weit. Auch Esther Kaiser hat sich riesig gefreut, in Jerichow ihr neues Programm vorzustellen. Dass Magnus aus Stockholm kommt, nur für diese zwei oder drei Stunden, das sagt schon alles. Und für den Jazzgottesdienst habe ich bei dem Klarinettisten Manfred Preis von Bolero Berlin und Tucat Moreno gefragt und auch diese beiden haben mir das sofort zugesagt.

Gibt es denn auch einen Bezug zur Jazzszene in Sachsen-Anhalt?

Ja, wir haben das Jugendjazzorchester Sachsen-Anhalt eingeladen, das aus hochtalentierten jungen Jazzmusikerinnen und -musikern aus dem ganzen Bundesland besteht. Die haben eine ganze Probenwoche im Kloster Michaelstein direkt vor den Auftritt in Jerichow gelegt und werden mit geballter Bigband-Power die Klosterwiese überrollen.

Sind die Eintrittspreise nicht ein bisschen hoch?

Man muss immer vergleichen. Sicher sind 102,45 Euro für alle drei Tage eine Menge Geld. Aber mit 30,95 Euro nur für Freitag oder 69,45 Euro nur für Sonnabend mit drei Konzerten oder noch preiswerter 30,95 Euro für Sonntag mit Jazzgottesdienst und zwei weiteren Konzerten kann man auch einzelne Tage aussuchen. Übrigens ist es besser, die Tickets vorher zu kaufen, entweder online oder an der Kasse im Kloster. Denn wir haben zwar auf der großen Wiese und auch im Kreuzgang eine Menge Platz. Ein großer Teil des Publikums wird aus Berlin, Magdeburg und noch weiter her kommen, und die buchen ihre Eintrittskarten schon vorher.

Was macht Ihnen als künstlerischer Leiter in der Vorbereitung bis zum Festival die meisten Sorgen?

Jedenfalls nicht die Musik. Die Musikerinnen und Musiker sind alle so großartig, machen eine so tolle Musik, einen modernen Jazz, sehr groovig, sehr gut anzuhören, eine Frischzellenkur für Ohren, Herz und Hirn. Nein, unsere Probleme sind eher praktisch. Till Brönner zum Beispiel wird in Havelberg übernachten.

Da macht mir natürlich die Sperrung in Sandau Kopfschmerzen. Oder Magnus Lindgren, da hoffen wir, dass es nicht kurzfristig noch zu neuen Quarantänebestimmungen kommt, damit er ungehindert aus Schweden raus- und bei uns reinkommt und dann auch wieder zurück. Und dann wird es auf der Tangermünder Brücke wieder eine Baustelle geben; da sollte niemand mit der Bahn in Stendal landen. Das hat alles nichts mit Kunst zu tun, aber am Ende hängt von solchen Kleinigkeiten das Gelingen ab.