Jerichow l In deutlicher, klarer Sprache gepaart mit dem fein geschliffenen Florett der Ironie stellte Gutte allerlei Kurzgeschichten zum Thema Alter vor. Und es zeigte sich, dass Alltag und Alter als zwei Attribute sehr nah beieinander sind und sich nicht ausschließen.

Er fasst mit einem Psalm aus der Lutherbibel zusammen: Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn‘s hoch kommt, so sind‘s achtzig Jahre, und wenn‘s köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.

Vorteile des Älterwerdens

Wie ein roter Faden durchzog sich Guttes These: „Auch das Alter hat seine guten Seiten“, durch die kurzweilige Veranstaltung. Jeder habe seine Erfahrungen, Befürchtungen, aber auch seine Freuden, so Gutte, „an dem Dasein, in dass wir alle mal treten.“

Der Wahl-Jerichower las über Freiheiten, die im Alter erwachsen, Freiheiten, die man sich auch nehmen müsse. „Denn genau genommen, will man sie dir von allen Seiten beschneiden – bis zum Ende wird dir nichts geschenkt werden.“ Welche Vorteile bringt das Altern?

Mehr Achtsamkeit als Senior

Ein Ende der Betriebsamkeit, endlich einhalten, Nachdenklichkeit, Achtsamkeit, zählt Gutte auf. Doch für Gutte selbst scheinen Merkmale, die er dem Alter zuordnet, nicht zu zählen.

Schließt sich eine Tür, öffnet sich irgendwo ein Fenster und für ihn war es selbstverständlich, „sich als Pensionär eine sinnvolle Beschäftigung zu suchen.“

Beobachter des menschlichen Miteinanders

Der ehemalige Dozent für Psychologie an der Otto-von Guericke-Universität Magdeburg war schon immer ein Beobachter des menschlichen Miteinanders und das Schreiben liegt ihm, also wandte er sich den schriftlichen Betrachtungen des Alltags zu.

„Andere pflegen ihren Garten oder basteln in der Werkstatt“, bemerkt Gutte und betont, „da musste ich mir etwas einfallen lassen, um mich frisch zu halten.“ Darum schreibe er, was ihm so einfällt: „Ich nehme mir da viele Freiheiten heraus.“

Humor und Altweibersammlung

Die Ergebnisse seiner Erörterungen scheinen den Leuten zu gefallen. Was passieren kann, wenn man eine Werbung nur kurz überfliegt, sozusagen anliest und sich dabei nichts denkt, bringt er in den Gedanken zur „Altweibersammlung“, die dann, bei genauerem Hingucken zur Altkleidersammlung wird, auf den Punkt und massiert so die Lachmuskeln des Publikums. Bei einem Zaungespräch zwischen den Kunstfiguren Arnulf und Bernulf über Cholesterin, Statistik und die Anlagen des Geistes flammt des Öfteren Heiterkeit im kleinen Saal des Jerichower Bürgerhauses auf, so dass Gutte kurz innehalten muss.

Geschichten und Gedanken über das Wundern und die Altersmilde runden die „Altersbesonderheiten“ ab. Hier beleuchtet Gutte sich selbst, sein Wachsen, weg von plötzlich hochschießender Wut und Entrüstung hin zur Sanftmut und einer entspannten Sicht auf die Welt. Was die Lesung besonders machte, war die Zusammenarbeit mit der Grundschule Jerichow.

Violine, Gitarre und Flöte begleiten

Zwischen den Lesestücken von Gutte rezitierten Schüler der dritten Klasse Gedichte, sangen Lieder und spielten Violine, Gitarre als auch Flöte. Dass gerade hier Jung und Alt zusammentreffen, beeindruckte die Gäste der Lesung.

Gutte beschreibt: „Ihr bringt andere Besonderheiten mit, nämlich die der Jugend und der Kindheit.“ Die haben wir als Alte alle schon absolviert, so der Autor und „daran denken wir mit gewisser Wehmut zurück.“

Die Leiterin des Bürgerhauses, Petra Dertz, Schulleiterin Gabriele Nieß und Jochen Gutte könnten sich weitere Kooperationen vorstellen und wollen Möglichkeiten finden, solche Veranstaltungen zu organisieren. Denn an der Aussage Guttes gebe es nichts zu rütteln: „Mit eurem Sang und Klang habt ihr Lichtpunkte in die Veranstaltung gebracht.“