Genthin l „Wir haben derzeit in Genthin eine fachärztliche Überversorgung, es fehlt nur eine halbe Hausarztstelle“, dieser Satz des Vorsitzenden im Kulturausschuss, Prof. Gordon Heringshausen (CDU), in der Volksstimme-Berichterstattung, brachte einige Leser in Rage. „Ich möchte einmal wissen, wie Herr Heringshausen zu dieser Einschätzung kommt, ich sitze manchmal mehrere Stunden bei meinem Arzt, da die Praxis so stark von Patienten besucht wird“, meint etwa Leser Hermann Gerdes.

Heringshausen hat durchaus Verständnis für solche Ansichten, da viele Wartezimmer voll sind, mit einem Ärztemangel hätte dies aber nichts zu tun. „Im Hinblick auf die hausärztliche Versorgung lag Genthin 2017 bei 102 Prozent.“ Nach den Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung gäbe es demnach weder zu viel noch zu wenig Ärzte in Genthin. Zum Vergleich: Burg liegt bei den Zahlen bei nur 78 Prozent, hat also eine deutliche Unterversorgung bei Hausärzten.

Jerichower Land steht gut da

Bei der sonstigen ärztlichen Versorgung steht das Jerichower Land recht gut da: Der Versorgungsgrad mit Kinderärzten liegt laut der Statistik bei 175 Prozent, der Augenärzte bei 172 Prozent. Interessant ist auch der Blick auf die Zahlen der Ärztekammer für Sachsen-Anhalt. Demnach gab es im Jahr 1990 rund 7 000 Ärzte im Land, 2017 waren es 12.580. Es stimme nicht, dass es immer weniger Ärzte gäbe, stellt Heringshausen fest, allerdings schränkt er auch ein: „Die Zahlen werden sich in den kommenden Jahren stark verändern, da viele Ärzte in das Rentenalter kommen und ihre Praxen aufgeben werden.“

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Dann komme es darauf an, ob die Stellen seitens der Kassenärztlichen Vereinigung wieder ausgeschrieben werden und ob sie tatsächlich besetzt werden können. Ein kommunales Medizinisches Versorgungszentrum (MVZ), wie es in Genthin diskutiert wurde, kann dabei interessant werden. MVZ können fachübergreifend Fachärzte unterschiedlicher Richtungen beschäftigen oder nur aus Ärzten einer Fachrichtung bestehen.

Ungeklärte Fragen zu Versorgungszentren

„Man muss hier aber festhalten, dass ein MVZ auch Probleme für eine Kommune mit sich bringt.“ Heringshausen nennt dabei rechtliche und haftungstechnische Fragen, aber auch die, ob ein solches Versorgungszentrum überhaupt eine kommunale Aufgabe sein kann. Das sei der Grund, weshalb es in Deutschland nur fünf solcher Einrichtungen gibt. In Genthin ist mit dem Ärztehaus eine Einrichtung zur medizinischen Versorgung vorhanden. „Dass das Gebäude verkauft wird, ändert nichts daran, dass Ärzte in den Räumen eingemietet sind.“

Der Gesundheitswissenschaftler wird zudem nicht müde, auf einen weiteren Unterschied hinzuweisen: „Ein MVZ ist weder eine Notaufnahme noch ein Krankenhaus.“ Letzteres werde Genthin nicht mehr bekommen. „Wir haben die Krankenhäuser in Burg, Stendal und Brandenburg, die durchaus in der gesetzlich vorgeschrieben Zeit erreichbar sind.“

Spezialisierte Krankenhäuser

Zudem hätten sich besonders Stendal und Brandenburg in verschiedenen Bereichen spezialisiert. „Bei Schlaganfällen wurden diese Häuser auch schon vor der Schließung des Genthiner Krankenhauses angefahren, weil eine entsprechende Notfallversorgung vorhanden war.“ Genthin sei ein Krankenhaus der Grundversorgung mit einer Ausrichtung aus Diabetes und Bluthochdruck gewesen. „Ich sehe auch nicht, dass man eine Notaufnahme in Genthin einrichten kann, dazu gehört eine sehr spezialisierte Ausstattung, das ist ein hochkomplexer medizinischer Betrieb.“

Zudem sei Genthin in der Notfallversorgung nicht außen vor. Man dürfe nicht vergessen, dass es in Genthin dauerhaft einen Notarzt und zwei Rettungswagen gebe. Rettungswagen sind heute für eine qualitativ hochwertige Erstversorgung ausgelegt, fast wie kleine rollende Intensivstationen.