Genthin l Keine große Feierstunde der Handwerkskammer, keine Blumen, kein Händedruck – die Eindämmungsverordnung zur Corona-Pandemie hat es so gewollt. Den Goldenen Meisterbrief bekam der Genthiner Kraftfahrzeugmeister Norbert Müller per Post zugestellt. Schlicht, schnörkellos und allen Widrigkeiten zum Trotz, doch passend für einen Vollblut-Handwerker, der die große Bühne nicht vermisst hat.

Müller kann ohne den großen Zauber leben. Was für ihn zählt, ist den Goldenen Meisterbrief in den Händen halten zu können. Ein Stück Lebensleistung, jahrzehntelange Treue zum Handwerk, die alle Höhen und Tiefen gesellschaftlicher Umbrüche erlebt hat. Mit dem Goldenen Meisterbrief verbindet sich für den 76-Jährigen weit aus mehr als nur der Anblick einer repräsentativen Urkunde.

Tradition bleibt erhalten

Als Seniorchef des familiengeführten Autohauses ist er bis auf den heutigen Tag immer im Takt der Zeit geblieben und hat damit auch die Beständigkeit des Handwerkes nie in Frage gestellt. Vom DKW (Dampfkraftwagen) bis zu den neuesten Modellen von Nissan und Kia. Tradition ist ein großes und oft überstrapaziertes Wort, vor dessen Gebrauch sich ein Norbert Müller, trotz aller Veränderungen im Berufsbild, nicht scheuen muss.

Wenn der Seniorchef heute in Jeans und frisch gebügeltem Oberhemd gekleidet mit Kunden im Gespräch ist und nicht wie althergebracht im ölverschmierten Blaumann in der Werkstatt sein Tagewerk vollbringt, liegen Welten dazwischen. Die hat der Meister aus Genthin kennengelernt und im wahrsten Sinne „gemeistert“. Sein Handwerk ist nicht aus der Mode gekommen, es hat sich stets modernisiert. Norbert Müller hat damit Schritt gehalten. Fünf Jahrzehnte lang.

Handwerk ist Konstante geblieben

Der Kfz-Meister ist jemand, der mit dem Blick in die Vergangenheit nicht in Ostalgie verfällt. Die Konstante seines Lebens blieb beruflich immer das Handwerk. Etwas anderes als das Kfz-Handwerk sei für ihn nicht in Frage gekommen, gesteht Müller ehrlichen Herzens. Das Kfz-Gen übertrug ihm sein Vater, der einst bei Opel in seiner schlesischen Heimat in Lohn und Brot stand und später in Genthin als Angestellter einer Werkstatt Älteren bis heute immer noch ein Begriff ist.

1967 meldete sich der 23-jährige ehrgeizige Norbert Müller zum Meisterlehrgang über die Handwerkskammer an. Hindernisse legte der Staat dem gläubigen Katholiken nicht in den Weg. Müller überzeugte schon damals mit fachlicher Kompetenz und handwerklichem Geschick.

Schulbank nach Feierabend

Für die Kosten des Meisterlehrgangs musste er allerdings selbst aufkommen. Die Schulbank drückte er nach Feierabend und am Sonnabendvormittag. Manches, findet der heutige Seniorchef, sei an der damaligen Ausbildung besser geregelt gewesen. Schade ist in seinen Augen, dass der Meisterausbildung nicht mehr die fünfjährige Gesellenzeit vorgeschaltet ist.

Die Meisterprüfung, macht Norbert Müller aber auch klar, sei alles andere als ein Kinderspiel gewesen. Das Schmieden, Drehen, Hämmern, Schrauben und Feilen musste beherrscht werden – an einen Laptop war seinerzeit noch nicht zu denken. Für Norbert Müller bleibt der Meistertitel deshalb ein „Ritterschlag des Handwerkes“. Müller war viele Jahre in der Genthiner PGH Motor (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) beschäftigt. Seine Erfahrungen, die er an Pkw-Typen wie dem P 70, am Trabant, am Wartburg und später am Lada gesammelt hatte, haben mittlerweile längst die Zeit eingeholt. In der PGH verantwortete Müller unter anderem die Lkw- und später die Barkas-B-1000-Abteilung. In seiner Kfz-Welt ging es stets bunt zu.

Wechsel in Selbstständigkeit

1979 gelang dem Meister dann in Zeiten des real existierenden Sozialismus mit einem Batterie-Service der Wechsel in die Selbstständigkeit. „Das war immer mein Ziel“, sagt er.

Wenn Müller heute davon spricht, dass die Zeit als DDR-Selbstständiger überhaupt nicht mit der später folgenden Zeit als Autohausbesitzer zu vergleichen sei, bewahrt er sich einen nüchternen Blick. Von schönen goldigen Zeiten vor der Wende spricht er nicht.

Batterien selbst gebaut

Während Ersatzteile zu DDR-Zeiten schwer zu beschaffen waren, habe man sich als Handwerker oft auf die eigenen Fertigkeiten besinnen müssen. Er habe beispielsweise viele Batterien selber bauen können. Oder die Handwerker hätten sich über Tauschgeschäfte gegenseitig geholfen. Das wiederum habe schon für einen engeren Zusammenhalt unter den Handwerkern gesorgt, als es ihn heute gibt. Dieser Zusammenhalt sei aber auch der Zeit geschuldet gewesen, differenziert der Meister.

Trotzdem bleibt für Norbert Müller die Gemeinschaft der Handwerker, auch nachdem er 1990 mit einem eigenen Autohaus mit ganz anderen Problemen konfrontiert war, wichtig. Kein gesellschaftlicher Umbruch in seinem Handwerkerleben konnte daran etwas ändern. „Ich fühle mich dem Handwerk verbunden und bin deshalb auch Mitglied der Innung, was mittlerweile nicht mehr jeder Handwerker ist.