Karow l Sieht man auf die Karte der Altmark-Festspiele wird ganz schnell klar. Karow liegt schon ganz weit draußen, das zeigt ein Blick auf die anderen Konzerte im Rahmen des Festivals, das sich immer mehr etabliert. Doch das Gastspiel des Startrompeters Simon Höfele hatte Spuren hinterlassen, bei Festspielintendant Reinhard Seehafer und bei den Karowern selbst. Denn mit beiden zog wirklich Weltluft in den beschaulichen Ortsteil in der Einheitsgemeinde Stadt Jerichow. Und Höfele widmet sich nicht nur den Klassikern, sondern auch der zeitgenössischen Musik. So brachte er 2012 zusammen mit Reinhold Friedrich und dem Schleswig- Holstein Festival Orchester unter Leitung von Matthias Pintscher das Doppelkonzert für zwei Trompeten von Pintscher zur Uraufführung.

Zwischen Moderne und Klassik

Diese Gratwanderung zwischen Moderne und Klassik liebt auch Reinhard Seehafer. Seit vier Jahren entwickelt er als Intendant das Festival und gibt vielen jungen Künstler mit Namen eine Plattform. Zum Gespräch über die nächste Saison hat er auch bewusst das Kloster Jerichow gewählt. Sein Bekannter Marco Reiß, mit dem er auf vielen Ebenen zusammenarbeitet, ist seit wenigen Tagen künstlerischer Leiter des Klosters. Aber auch Gunnar Schellenberger, Staatssekretär für Kultur des Landes Sachsen-Anhalt, der ein Grußwort für die Festspiele verfasste, führt es immer wieder in das Kloster, auf unterschiedliche Weisen. Zuletzt nahm er mit seinem Oldtimer an der Ohre Classic-Tour teil, die ihn in den ältesten Backsteinbau Norddeutschlands führte. „Mit ihrem Engagement schaffen sie die Voraussetzungen, vielen Menschen im ländlichen Raum Kunst und Kultur nahe zu bringen“, schreibt Schellenberger über das Festival. Die Altmark Festspiele zeichneten sich durch innovative Konzepte aus. Künstler und Kunstinteressierte kämen auch an besonderen Orten zusammen.

Glanz aufleben lassen

Einen wichtigen Partner hat Seehafer in dem Ehepaar Baumgärtl gefunden. Es hat es sich zur Aufgabe gemacht, die dort befindliche Gutsanlage nicht nur zu erhalten, sondern auch etwas vom früheren Glanz wieder aufleben zu lassen. Gerade erst zum Tag des offenen Denkmals wurden Park und die alte Brennerei geöffnet.

Karow war bereits im Mittelalter als Rittergut bekannt. Das heutige Herrenhaus errichtete federführend der Freiherr Marquard Ludwig von Printzen Anfang des 18. Jahrhunderts im barocken Stil. Später ist es in den Besitz der Grafenfamilie von Wartensleben gekommen, die nach dem Zweiten Weltkrieg schließlich enteignet wurde. Im Laufe der Generationen hatte die Familie den herrlichen Park mit seinen Lindenalleen angelegt und eine Kartoffelbrennerei errichtet. Nicht weit entfernt befindet sich die Kirche. Der Förderverein Barock Kirche Karow, zu dessen Vorstand auch Birgit Baumgärtel gehört, engagiert sich auch für diesen Bau, der gerade saniert wird.

Karow bekommt einen besonderen Klang durch den berühmten Orgelbaumeister Joachim Wagner. Er kommt am 13. April 1690 in Karow als fünftes von neun Kindern zur Welt. Vier von ihnen sterben noch vor 1711, so dass später drei Brüder und zwei Schwestern den familiären Bezugskreis bilden. Wagner wird maßstabsetzender und bedeutendster Orgelbauer des 18. Jahrhunderts sowie ebenbürtiger Zeitgenosse Gottfried Silbermanns. Orgeln in der Berliner Marienkirche, der Hauptkirche der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, und in Angermünde sind nur zwei Beispiele seines umfangreichen Schaffens. Nach dem Ausbau der Knauf-Orgel ist die Hoffnung groß, eventuelle eine Wagner-Orgel in das historische Gotteshaus zu bekommen. Unterstützer für diese Idee melden sich immer mehr.

Großes Engagement

Dazu dient auch das Engagement von Seehafer. Die Idee, irgendwie eine Wagner-Orgel aus Brandenburg hierher zu bekommen, haben wenig realistische Chancen. Das sagt auf Anfrage auch Kantor Hannes Ludwig. Seit September 2007 ist Hannes Ludwig als Kirchenmusiker für die Evangelische Kirche in Prenzlau tätig. 2008 folgten seine Wahl zum Kreiskantor und die Berufung zum Orgelsachverständigen der Evangelischen Kirche Berlin/Brandenburg-Schlesische Oberlausitz.

So bleibt der Blick ins benachbarte Polen. Auch dort gibt es Wagner-Orgeln. Aber auch hier sind die Vorgaben der Regierung eine Hürde. Seehafer möchte seine Kontakte hier spielen lassen.

Zuerst einmal wird das nächste Konzert in Karow angegangen. Es gibt schon Planungen von Seiten der Altmark-Festspielen. „Das Dorf wünscht sich ein Karower Parkfest mit Musik“, sagt Birgit Baumgärtl. Dem Gedanken kann auch Seehafer folgen.